zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini

Mit dem Roman zu lieben und zu sterben legt der Autor Andreas Molesini erstmals ein Werk für Erwachsene vor. Bisher schrieb und übersetzte er Kinderbücher. Thematisch kann der Kontrast nicht stärker sein, handelt zu lieben und zu sterben doch mitten im ersten Weltkrieg in dem kleinen Dorf Refrontolo in Italien. Dort befindet sich die Villa Spada, die in Kriegszeiten von den feindlichen Truppen besetzt ist. Wer in diesem Buch jetzt erwartet, der Autor habe es nötig, den Leser durch Gräueltaten zu fesseln, liegt falsch. Andrea Molesinis Sprachkunst ist viel zu fein, um so etwas nötig zu haben. Er schafft es, ganz andere Aspekte von Krieg in den Vordergrund zu stellen.

Großvater Guglielmo

Mit dieser Figur erschafft Andrea Molesini einen unvergesslichen Charakter. Dieser Großvater ist gleichzeitig verschroben und cool, was sich besonders durch seine gelegentlich geäußerten Sentenzen bemerkbar macht. Da kommen dann so trockene Sprüche wie:

„Krieg und Beute sind so unzertrennliche wie ein treues Ehepaar.“
(Zitat aus zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini)

Hauptsächlich verbringt Großvater Spada seine Zeit jedoch in seiner Denkerklause auf dem Dachboden. Dort hackt er auf Beelzebub ein, wie er seine Schreibmaschine nennt, und versucht sich an einem Roman.

Großartige Figuren

Auch alle anderen Figuren zeichnet der Autor in zu lieben und zu sterben mit virtuoser Sicherheit und Schärfe. Er stattet sie mit Eigenheiten aus, die aus jedem der Charaktere eine unverwechselbare Persönlichkeit machen. So zeichnet sich die Köchin Teresa etwa durch ihren immer gleichen Fluch Potz Deibel Sakkerment aus. Und wenn man nicht mehr Herr seines eigenen Hauses ist, sondern dieses von Soldaten benutzt wird, gibt es wahrlich reichlich Gelegenheit zum Fluchen.

Paolo

Die Hauptfigur, die diese Geschichte in der Ich-Form gleichzeitig erzählt, ist jedoch der siebzehnjährige Paolo. Er gerät zwar nicht als Soldat in das Kampfgeschehen hinein, spielt aber am Rande eine wichtige Rolle dabei. Als Gefährte des Verwalters, der sich als Informant für die italienischen Truppen entpuppt, findet er in dieser Zeit sowohl seine erste Liebe als auch seine erste Begegnung mit dem Tod.

Krieg als Thema

Im Hinblick auf die momentan zunehmenden kriegerischen Aktivitäten in der Welt, bekommt der Roman zu lieben und zu sterben einen aktuellen Bezug, der vom Autor jedoch sicherlich weder erwünscht noch beabsichtigt war. Beim Lesen wird mir an so vielen Stellen klar, was Krieg wirklich ausmacht und welche Herausforderungen er an uns Menschen stellt. Einige Stellen möchte ich hier zitieren:

„…. Ich dachte nicht an die besetzte Villa, sondern an den Untergang der 2. Armee, ließ den endlosen Strom von Flüchtlingen und Soldaten an mir vorbeiziehen: die Fuhrwerke der Armen, die Autos der Generäle, die in den Gräben zurückgelassenen Verwundeten. Noch nie hatte ich so viele Blicke voller Schrecken und Entsetzen gesehen. Die Blicke der Frauen mit Bündeln auf dem Rücken, leblose Bündel und wimmernde Bündel; ich konnte es kaum glauben, wie sehr mich das alles berührte; ein ganzes Volk auf der Flucht, ein Volk, dem anzugehören mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen war, und doch ging mir das Leid fremder Menschen so nahe, dass ich es wie mein eigenes empfand……“
(Zitat aus zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini)

„…..Siehst du, Paolo, Schlachten werden von Heeren verloren oder gewonnen, aber Kriege sind eine andere Sache. Kriege, die werden von Nationen geführt, und das heißt Banken, Industrie, Kühe, Weizen, Benzin. Das alles unter einen Hut zu bringen braucht seine Zeit, und dann muss es für Jahre vorhalten, nicht bloß für ein paar Wochen, verstehst du?….“
(Zitat aus zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini)

„…..Keiner hat diesen Krieg wirklich gewollt, weder die Völker noch die Regierungen; entstanden ist er aus einem explosiven Gemisch, einem brodelnden Kessel mit erschöpften, blutleeren Dynastien, die aber leider immer noch an ihrem alten Traum von Größe festhalten, und der Kochlöffel, mit dem die Suppe umgerührt wurde, lag in den ungeschickten Händen von Diplomaten, die jahrzehntelang nur Routinegeschäfte erledigt hatten: Schiffe, Eisenbahnen, Valuta. Der große Aufruhr hat alle überrascht…..“
(Zitat aus zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini)

Kreative Schreibtechniken

Der Autor Andrea Molesini bedient sich einer feinen Sprache, die vom sehr genauen Blick auf die Dinge geprägt ist. Von daher würde ihn der häufige Gebrauch kreativer Schreibtechniken zu weit wegführen von dem, was er ganz konkret zeigen will. An manchen Stellen bedient er sich starker Vergleiche, wie zum Beispiel hier:

„Der Baron rauschte herein wie ein Hochwasser führender Fluss.“
(Zitat aus zu lieben und zu sterben von Andrea Molesini)

Der Roman zu lieben und zu sterben ist in jedem Fall ein gutes Beispiel dafür, wie man unvergessliche Charaktere erschafft und gehört daher hier in der Schreibakademie zu den Glanzlichtern. Mir persönlich hat der Schreibstil und auch die Geschichte so gut gefallen, dass ich das Buch gleich zwei Mal hintereinander gelesen habe. Und wegen des aktuellen Bezugs stellt es aus meiner Sicht ein derzeit besonders lesenswertes Werk dar.

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