Winterjournal von Paul Auster

Du greifst in die gerade neu eingetroffene Bücherkiste deiner lieben Schwester und hältst es in der Hand, das Winterjournal von Paul Auster. Du musst dich nicht dafür entscheiden; die Kiste ist noch randvoll, etliche andere Titel warten darauf, von dir gelesen zu werden. Du schaust das Cover an, trittst aus dem Halbdunkel ans Fenster um es besser zu erkennen, denn es ist mehr schwarz als weiß. Dann siehst du ihn, diesen Paul Auster, als jungen Mann. Hübsch ist er, lässig gekleidet und sein Gesicht ist nachdenklich, ja, ernst.

Autobiografie

Eigentlich steht dir der Sinn nach Zerstreuung. Nach einem Buch, das dich von dieser marternden Sommerhitze ablenkt, dich bestenfalls frösteln macht. Kann eine Autobiografie dies leisten? Vielleicht. Denn schließlich heißt sie Winterjournal. Zu deiner Schande musst du gestehen, du kennst diesen Paul Auster gar nicht. Eine literarische Wissenslücke ist das und du hast jetzt die Chance, sie zu kitten. Du kannst ihn und seine Schreibe in einem Aufwasch kennenlernen. Also fängst du zu lesen an, wenn auch nicht gerade begeistert.

Teilnehmen am Schreibprozess

Das Winterjournal beginnt mit kurzen Abschnitten. Das kann ja heiter werden, denkst du, der Autor hat scheinbar nicht viel zu sagen. Zuerst erkennst du gar nicht, welche Authentizität Paul Auster damit offenbart: Er muss selbst erstmal in sein Werk hineinkommen, sich warm schreiben, sich seinem Thema annähern. Dafür braucht er nicht lange. Schon wenige Seiten weiter nehmen die einzelnen Abschnitte an Länge zu. Jeder Abschnitt ist ein Fragment. Seines Lebens. Tatsächlich spielt der Winter eine Rolle in diesem Buch, hält sich Paul Auster doch an vielen Orten der USA auf, in denen diese Jahreszeit von Kälte, Schnee und Eis begleitet wird. Aber warum er dem Buch den Titel Winterjournal gab, weißt du erst, wenn du den letzten Satz gelesen hast.

Licht ins Leben bringen

Dabei geht es Paul Auster gar nicht darum, sich selbst zu beleuchten. Vielmehr will er den Verlauf eines menschlichen Lebens an sich ausleuchten. Was bestimmt das Leben? Was macht ein Leben aus? Was macht ein Leben einzigartig? Und wie steht es mit dem Schicksal, das ins Leben eingreift? Die Erzählung seines Lebens könnte auch zur Geschichte deines Lebens werden. Vorausgesetzt du würdest es unter dem gleichen konzeptionellen Blickwinkel betrachten können, wie er. Vorausgesetzt du würdest die gleiche Zurückhaltung beherrschen, die gleiche geistige Klarheit, die gleiche große Ruhe beim Schreiben über dein Leben, wie er.

Einen Freund finden

Im Laufe des Lesens des Winterjournals lernst du Paul Auster kennen. Weniger  von den biografischen Eckdaten her sondern als Mensch. Du fragst dich, ob du ein Freund von ihm werden könntest, so nahe kommst du ihm. Aber du weißt auch, Paul Auster ist sehr eigenwillig, und ob du ihm als Mensch gefallen würdest, kannst du nicht so genau einschätzen. Im Übrigen ist er mit seinem Leben auch voll ausgelastet, und ob da für dich noch ein Plätzchen frei wäre, stellst du infrage. Was du allerdings nicht kennenlernst, obwohl du darauf gehofft hattest, ist sein Werk. Denn Paul Auster geht es nicht darum, seine Arbeiten aufzulisten oder zu verraten, in welchem Zusammenhang mit seinem Leben sie stehen. Und schon gar nicht geht es ihm darum, sich als Schriftsteller zu beweihräuchern.

Das ist schreiben

Allerdings erzählt er dir anhand seines Schlüsselerlebnisses, was Schreiben ist:

„….. Um tun zu können, was du tust, musst du gehen. Gehen trägt dir die Worte zu, erlaubt dir den Rhythmus der Worte zu hören, während du sie in deinem Kopf schreibst. Einen Fuß nach vorn, dann den anderen nach vorn, der Doppelschlag deines Herzens. Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße. Dies, und dann das. Das, und dann dies. Schreiben beginnt im Körper, es ist die Musik des Körpers, und auch wenn die Worte Bedeutung haben können, ist es die Musik der Worte, wo die Bedeutungen beginnen. Du sitzt an deinem Schreibtisch, um die Worte niederzuschreiben, aber im Kopf gehst du immer noch, gehst du weiter, und was du hörst, ist der Rhythmus deines Herzens, das Schlagen deines Herzens. Mandelstam: „Ich frage mich, wie viele Sandalen Dante während seiner Arbeit an der Commedia durchgelaufen hat.“ Schreiben als mindere Form von Tanz……“

(Zitat aus Winterjournal von Paul Auster)

Kreative Schreibtechniken

Paul Auster ist kein ausgesprochener Creative Writer. Allerdings wenn er an manchen Stellen eine der für den kreativen Schreibstil charakteristischen Techniken anwendet, tut er es meisterhaft. Das Winterjournal in der 2.Person zu verfassen stellt in jedem Fall eine seltene Form der Erzählperspektive dar und war ganz sicher eine sehr gut überlegte Entscheidung, die durchaus ihre Berechtigung findet, dich beim Lesen jedoch auch leicht irritiert. Paul Auster gehört wohl eher in die Riege der philosophischen Literaten und legt seinen Schwerpunkt nicht auf einen kreativen Schreibstil. Insofern bist du an dieser Stelle tatsächlich in einer Zwickmühle und musst dieses Werk in der Schreibakademie unter der Rubrik Funzeln ablegen. Zum Glück hattest du in diesem Beitrag ja darauf hingewiesen, dass in dieser Kategorie auch durchaus lesenswerte Bücher landen können. Denn dich hat das Buch fasziniert, so sehr, dass du auf jeden Fall mehr von diesem Paul Auster lesen willst. Und du hoffst auf einen langen Winter in seinem Leben.

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Über Paul Auster

 

 

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