Das wilde Kind von T.C. Boyle

Das wilde Kind beruht auf einer wahren Begebenheit. Wer sich für Erziehung oder Sozialisation interessiert, stößt schnell auf den Fall des Wolfsjungen Viktor von Aveyron, den man 1797 in einem Wald in Südfrankreich entdeckte. Kurz darauf fing man ihn ein wie ein wildes Tier, erklärte ihn zum „geborenen Idioten“ und übergab ihn schließlich an Jean Ittard, dem Chefarzt einer Taubstummenanstalt. Dieser schob die Idiotie nicht auf die mangelnde Intelligenz des Jungen, sondern auf eine gänzlich fehlende Integration des Kleinen in die menschliche Gesellschaft. Da der Junge offenbar allein im Wald aufgewachsen war, hatte er ungewöhnliche Verhaltensweisen angenommen, die dort zum Überleben notwendig waren.

T.C.Boyle und dieser Fall

T.C. Boyle macht diese Geschichte zum Thema seines Buches Das wilde Kind. Er schildert sie aus der Perspektive des allwissenden Erzählers und wechselt zwischen dem Jungen selbst und den Personen, die sich seiner annehmen. Ein spannender Aufbau, denke ich mir, und freue mich schon auf die boylschen Facetten, mit denen der Autor diese Geschichte aufblitzen lässt. Wobei ich von vorneherein skeptisch bin, ob ihm das auf nur ungefähr 100 Seiten gelingen wird.

Teil eines Buches

Am Ende des Büchleins bestätigen sich meine Zweifel: Hinsichtlich meiner Erwartungen kann ich Das wilde Kind nur als grobes Manuskript verstehen, in dem die zahlreichen Aspekte rein fragmentarisch bearbeitet sind. Dies wiederum ist keine Seltenheit bei T.C.Boyle und bedarf einer weiteren Information, um sein Werk nicht zu schmälern: Bei Das wilde Kind handelt es sich um eine einzige Erzählung einer Sammlung von 14 Geschichten, die in den USA bereits als Band erschienen ist. Eine Eigenart von T.C.Boyle ist es, jeweils einen Roman mit einem Band von Geschichten abzuwechseln. Mir kommt es so vor, als würde er mit den Geschichten seinen nächsten Roman vorbereiten, indem er sich an verschiedene Themen herantastet und sich nachher für eines entscheidet.

Über das Versagen

Dabei habe ich seine kurzen Erzählungen immer schon als weniger stark empfunden, als seine ausführlichen Romane. Aus meiner Sicht liegt sein Talent in den Detailbetrachtungen und diese erfordern nun mal mehr Raum. Wer weiß, ob uns Herr Boyle nicht in Kürze mit einem Roman zu diesem Thema beglücken wird, und sich darin zum Beispiel dem Fall Kaspar Hauser zuwendet, der neben einer fehlgeschlagenen Sozialisation auch noch eine Menge an Intrigen hergibt. Wie auch immer, in Das wilde Kind hat T.C.Boyle bereits einen Aspekt herausgearbeitet, der ansonsten bei der Geschichte des Wolfsjungen Viktor nicht fokussiert wird:

„……Der Bericht, der Abschlussbericht, den Itard für den Innenminister anfertigte, war eine Qual, eine Art Kreuzigung der Seele, die ihm jedesmal, wenn er die Feder auf das Papier setzte, beinahe die Tränen in die Augen trieb. Es war ein Eingeständnis, dass er fünf Jahre seines Lebens – und des Lebens von Viktor – vergeudet hatte, um etwas Unmögliches zu erreichen, und dass er, trotz aller Zuversicht und Bedenkenlosigkeit, trotz seiner wiederholten Versicherungen, seine Arbeit werde von Erfolg gekrönt sein, gescheitert war. Er hatte letztlich einsehen müssen, dass die Defizite, welche die Aussetzung bei Victor bewirkt hatte, nie wiedergutzumachen waren – dass er, wie Sicard beharrlich behauptete, nicht erziehbar war. Im Interesse der Wissenschaft und zu einem kleinen Teil auch, um seine Bemühungen zu rechtfertigen, hielt Itard diese Defizite in seinem Bericht fest…….“

(Zitat aus Das wilde Kind von T.C.Boyle)

Nähe zu den Figuren

Neben der reinen Nächstenliebe ist die Arbeit mit Viktor auch ein Sache der wissenschaftlichen Profilierung. Die Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und tiefer Enttäuschung bei Itard und den anderen Menschen, die sich seiner annehmen, bringt der Autor in Das wilde Kind an vielen Stellen zur Geltung. Auf diese Weise fühle ich mich dem armen Doktor Itard oft sehr nahe.

Die gleiche Nähe bekomme ich auch zu Viktor:

„…..Im Dunkeln, jenseits der Tore des Instituts, war Victor ganz auf sich allein gestellt project planning process. Es war zu viel Lärm. Es gab zu viele Menschen. Nichts erschien ihm vertraut, nichts erschien wirklich. Der Himmel war zerklüftet und nicht wiederzuerkennen, die Stadt war wie eine steinerne Blume, die in dieser mondlosen Frühlingsnacht erblühte und deren Blütenblätter sich zu tausend Sträßchen, Abzweigungen und Sackgassen öffneten. Etwas hatte ihn aus dem Bett getrieben, die Treppe hinunter, über den Hof, zum Tor und hinaus auf die Straße, aber er konnte sich nicht erinnern, was es gewesen war. Irgendeine Kränkung, eine Verletzung, die fortwährende und nicht zu lindernde Enttäuschung über das Scheitern seiner Versuche, diesen Mann mit den zupackenden Händen und dem bohrenden Blick zufriedenzustellen – ja, und noch etwas anderes, etwas, das er nicht fassen konnte, weil es in ihm war und im Rhythmus seines Herzens pulsierte…….“

(Zitat aus Das wilde Kind von T.C.Boyle)

Ab in die Schule

Trotz der Kürze erzählt Boyle diese Geschichte mit einem tiefen Verständnis für die Gemüter aller Beteiligten. Er gibt dem Ganzen einen szenischen Rahmen, der Das wilde Kind aus meiner Sicht dafür prädestiniert, im Pädagogikunterricht der Schulen zur – sicher gern gelesenen – Pflichtlektüre zu gehören.

Kreative Schreibtechniken

Vermutlich kann T.C.Boyle gar nicht anders schreiben, als kreativ. Manchmal habe ich den Eindruck, es wütet ein Feuerwerk in diesem Mann, das bildhafte Formulierungen und eindrückliche Vergleiche nur so herausknallen lässt. In dieser Hinsicht habe ich in Das wilde Kind nichts vermisst. Auch die Charaktere sind gelungen, wobei ich mir noch mehr Einblick in Victors Wesen vorstellen könnte. Alles in allem ist es ein technisch und thematisch erstklassiges Werk, wenn es auch nicht ganz so unter die Haut geht, wie ich es mir wünschen würde.

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Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

 

Eine Antwort auf „Das wilde Kind von T.C. Boyle“

  1. Deine Begeisterung für diesen großartigen Schriftsteller erfreut mich immer wieder sehr! Man spürt, eine „Anhängerin“ seiner reich detaillierten, wunderbaren Erzählwelt schreibt. Danke für die Veröffentlichung des Films – lange nicht mehr gesehen. VLG

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