Wie man die Liebe erklärt von Carole Cadwalladr

Wie man die Liebe erklärt erschien bereits 2005 im Manhattan Verlag, der zur Randomhouse-Gruppe gehört. Das DIN5 Format ist angenehm ungewöhnlich für einen Roman, das Cover himmlisch blau. Wer diese Carole Cadwallader ist, bleibt unklar. Nirgendwo im Einband steht auch nur ein Satz über diese Autorin. Also muss ich mich im virtuellen Äther schlaumachen und finde ein paar Einträge auf Englisch. Der Buchtitel der britischen Autorin lautet im Original The Family Tree, ist der erste Roman von Carole Cadwalladr und stand 2006 sogar auf der Shortlist des British Press Award. Carole Cadwalladr schreibt überwiegend als Journalistin, was ihren gekonnten Schreibstil hinreichend erklärt.

Visuelle Besonderheiten

Carole Cadwalladr verfasst ihren Roman Wie man die Liebe erklärt in einer virtuosen Ausdrucksweise, die von viel Schreiberfahrung zeugt. Hinzu kommt ihr persönlicher Stil, der mich an vielen Stellen durch gelungene Ironie und Zynismus überrascht. Carole Cadwalladr erzählt die Geschichte der Familie Monroe und rein visuell fallen etliche Grafiken ins Auge, mit denen der Roman illustriert ist. Die Einarbeitung optischer Elemente in einer Erzählung gefällt mir und ist aus meiner Sicht noch viel zu selten. Weiterhin charakteristisch sind die Überschriften, die aus Wörterbucheintragungen bestehen, was ich persönlich nicht gelungen finde. Ich habe sie alle geflissentlich überlesen.

Stammbäume reichlich

Es mag die Schuld von Alistair sein, dass immer wieder Stammbäume abgebildet sind. Denn Alistair ist Genetiker und der Mann von Rebecca Monroe, die diese Geschichte hauptsächlich erzählt. Dabei drehen sich die Geschehnisse schwerpunktmäßig um Rebeccas Kindheit, die sie mit ihrer Schwester Tiffany unter der Fuchtel der Mutter Doreen Monroe verbringt. Auffällig oft geht es dabei ums Essen in jedweder Form. Noch in keinem Buch habe ich so viel über den britischen Speiseplan erfahren. Liebe geht eben durch den Magen.

„……

„Mum?“

„Hm?“

„Mum?“

„Was denn, Rebecca?“

Wir waren in der Küche. Mutter studierte ein Rezept aus Band 15 (Pra-Rhi) ihres zweiundzwanzigbändigen Supercook-Kochbuchs. Mich trieb mehr um als nur ein Rezept. Mich beschäftigte das Leben. Ich hatte Tiffany einen alten Fotoroman stibitzt und plagte mich mit der Ratgeberseite herum. Sie hätte genauso gut in Hieroglyphen geschrieben sein können, so wenig verstand ich.

„Was ist eine Periode?“

Sie warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Was liest du denn da?“

„Nichts. Ein Heft.“

Sie zögerte. „Perioden sind Intervalle. Zeiträume.

Ich probierte, diese Erklärung auf den Satz anzuwenden, den ich gerade las: „Für den Beginn des Zeitraums gibt es beim Mädchen kein festes Alter.“ Und auf den nächsten: „Bei manchen Mädchen beginnt es schon mit zehn. Andere haben ihren ersten Zeitraum erst mit sechzehn.“

War es da ein Wunder, dass sich Geheimnisse wie unterirdische Flüsse durch unsere Familie wanden? Um sich im unpassendsten Moment Bahn zu brechen?

Mutter schlitzte gerade eine Packung Nieren auf. Sie glitschten über das Hackbrett und hinterließen eine wässrige Blutspur, die auf die Arbeitsplatte rann.

……“

(Zitat aus Wie man die Liebe erklärt von Carole Cadwalladr)

 Verworrene Liebesverhältnisse

Wobei es in Wie man die Liebe erklärt genauso oft um Nicht-Liebe geht. Denn weder die Großmutter Alicia liebt ihren Mann Herbert, noch Doreen Rebeccas Vater und noch weniger Alistair seine Frau Rebecca. Das Beziehungsgeflecht der Familie Monroe gestaltet sich also ausgesprochen kompliziert und Carole Cadwalladr hält damit den Spannungsbogen bis zuletzt straff. Ganz am Ende schenkt sie mir als Leserin durch die Figur Cecil ein märchenhaftes Happyend, wenn es auch laut meiner Informationen sachlich falsch ist. Denn Cecil ist Jamaikaner und als solcher traditionell ein Vielfrauenheld. Die Jamaikaner bleiben eben genau nicht ihren Frauen treu, sondern verlassen sie in der Regel nach der Geburt von ein paar Kindern, um sich eine neue, junge Frau zu suchen. Insofern wirkt dieses Happyend auf mich unglaubwürdig und nicht überzeugend.

Das verpfuschte Ende

Apropos Ende: Es wird immer so viel über die Bedeutung des Anfangs eines Romans gefachsimpelt. Aber das Ende ist mindestens genau so wichtig, ist es doch das, was beim Leser nachhallt. Zu diesem Thema werde ich wohl mal einen gesonderten Beitrag in der Schreibakademie verfassen. Wie man die Liebe erklärt endet jedenfalls schauerlich. Plötzlich konfrontiert mich Carole Cadwalladr mit lauter Kürzestkapiteln und ich bekomme den Eindruck, hier ist aus welchen Gründen auch immer, erheblicher Pfusch am Werke.

 Kreative Schreibtechniken

Auch wenn Carole Cadwalladrs Schreibstil lesenswert ist, verzichtet sie auf viele Techniken des Kreativen Schreibens. Die Geschehnisse überlagern alle Bilder, die mich als Leserin forttragen könnten see here now. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Handlung meist in den vier Wänden der Monroes abspielt. Insofern kann dabei nur ein statisches Szenenbild entstehen. Dieses allerdings spiegelt perfekt das Look-and-Feel der Durchschnittsfamilie der achtziger Jahre wider. Die Charaktere sind zwar von den Eckdaten her scharf gezeichnet, bleiben jedoch in ihrer Ganzheit skizzenhaft und für mich unzugänglich. Wie man die Liebe erklärt von Carole Cadwalladr ist ein unterhaltsamer Lesestoff, aber aus meiner Sicht kein unvergesslicher Roman. Vielleicht hätte er es durch die gezielte Verwendung kreativer Schreibtechniken werden können. So jedoch bleibt er eine Erzählung, die ich in der Schreibakademie unter Funzeln ablege und hier in meinen Räumlichkeiten in die Schublade der Bücher zum Verschenken verschwinden lasse.

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Zum Twitter der Autorin Carole Cadwalladr

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