Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle

Keine meiner bisherigen Rezensionen ist mir so schwer gefallen, wie diese hier. Schließlich handelt es sich um ein Werk meines absoluten Lieblingsautors, weshalb ich am liebsten nur Gutes darüber schreiben würde. Dann jedoch müsste ich lügen. Denn Wenn das Schlachten vorbei ist hat mich leider nicht überzeugt. Wie Talk Talk oder Dr.Sex gehört es nicht zu den Bravourstücken von T.C.Boyle, jedenfalls nicht für meinen Geschmack. Die Story: ein Flickwerk. Die Charaktere: wenig überzeugend. Das Thema: ein Dilemma. Aber ein paar Dinge haben mir dennoch gut gefallen.

Auf hoher See

Mehrere Szenen spielen sich auf einem Boot mitten im Santa-Barbara-Kanal, vor der Küste Kaliforniens, ab. Denn diesen muss man durchqueren, um auf die Inseln Anacapa oder Santa Cruz zu gelangen. Das ist kein ungefährliches Unternehmen und mitunter kann diese Querung auch tödlich verlaufen, muss man doch den Tiefwasserweg kreuzen, den riesige Schiffe zum Transport allerlei Güter benutzen. An einem nebligen Nachmittag verliert der Protagonist Dave LaJoy dabei sein Leben, als er mit einem dieser Riesen kollidiert. Typisch Boyle ist daran, dass ich als Leser einen kurzen Blick auf die Kapitänsbrücke des Frachtschiffes werfen darf, wo man von dem Zusammenstoß absolut nichts merkt. Auf diese Weise vermittelt mir der Autor ein Bild von der Größe dieses Lastkahns, die mir sonst sicher nicht so deutlich vor Augen gestanden hätte.

Lauter Frauen mit A

Sie heißen Alma, Alicia und Anise und spielen alle eine wichtige Rolle im Geschehen, wobei Alma die Protagonistin ist. Sie steht mit Dave LaLajoy im Konflikt und verkörpert seine Kontrahentin: Während sie sich für den Artenschutz einsetzt und diesen kontrollieren will, ist Dave ein hundertprozentiger Tierschützer, dem solche Maßnahmen zur Populationsmanipulierung gänzlich zuwider sind. Auf dieser Basis entsteht der Konflikt, zu dessen Lösung T.C.Boyle einige Varianten anbringt, aber dennoch wenig überrascht. Er hält den Ball für seine Verhältnisse eher flach und schockiert mich viel zu wenig, als das diese ganzen Ereignisse und Rangeleien lange in meinem Kopf bleiben würden.

Micah Stroud

Hingegen beschäftigt mich die Szene des Konzerts von Micah Stroud so sehr, dass ich Google bemühe, mir weitere Auskunft zu diesem Sänger zu geben. Alma besucht gemeinsam mit ihrer Mutter Kat dieses Konzert. In ihrem täglichen Kampf mit dem üblen Dave LaJoy bietet es ihr die ersehnte Entspannung und T.C.Boyle lässt sie die Musik in vollen Zügen genießen. Ich bekomme den Eindruck, einen hervorragenden Musiker verpasst zu haben und einige der schönsten Songs nicht zu kennen. Meine Recherche bei Google ergibt jedoch, diesen Micah Stroud gibt es gar nicht, Boyle hat ihn frei erfunden. Und wie!

„….Er beginnt mit „Loggerhead Blues“, einem langsamen, trottenden Blues, der in den synkopierten lebhafteren Rhythmus von „Dip and Rise“ übergeht und schließlich in die tragische Klage „Minamata“ mündet, mit ihren Bildern von missgestalteten Kindern, die in das Fruchtwasser zurückkehren, aus dem sie gekommen sind, bis das Methylquecksilber aus der Umwelt verschwunden ist, aus den Eiern der Mütter und den Samen ihrer Väter, und sie wieder erscheinen können, heil und unversehrt, um in reiner Freude mit winzigen Fingern und Zehen zu winken. Sie (Alma)wiegt sich hin und her. Sie denkt nicht, sie empfindet nur, denn hier ist ein Mann, der versteht, der für die Umwelt kämpft, der, wenn er nur Bescheid wüsste, aufstehen und all seine Kraft und seinen Einfluss einsetzen würde, um sie und Tim und alles, was sie erreichen wollen, zu unterstützen…….“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Tiefster Konflikt

Aber nicht nur Alma und Dave LaJoy geraten aneinander, auch kommt Dave selbst an seine Grenzen als Tierschützer, als sich zwei Waschbären an seinem frisch ausgelegten Rasen gütlich tun. Sie pulen die Würmer aus dem Bodenaufbau der wunderschönen und nicht gerade billigen Matten, und hinterlassen dabei unheilbare Löcher. Als ich das lese, kommt Freude in mir auf. In heller Erwartung, T.C.Boyle würde daraus einen Konflikt kreieren, der eine ähnliche Dramatik wie an vielen Stellen in seinem Buch Ein Freund der Erde erreicht, bin ich dann doch enttäuscht, wie wenig intensiv er diese herrliche Situation behandelt. Ich frage mich ernsthaft, ob hier nicht vielleicht eine ganze Passage den Streichungen des Lektorats zum Opfer gefallen ist, denn eigentlich fallen Boyle solche Szenarien, die es auf die absolute Spitze treiben, nicht gerade schwer.

Warum?

Überhaupt frage ich mich, wie es zu einem solch durchschnittlichen Buch dieses herausragenden Autors kommen kann. War da vielleicht Zeitdruck im Spiel? Genügend Aspekte verweisen darauf, unter anderem auch die an vielen Stellen schlechte oder sogar fehlerhafte Übersetzung von Dirk van Gunsteren, der seine Sache normalerweise sehr gut macht. Oder hatte das Lektorat vielleicht eine schlechte Phase? Nämlich, weil diese Fehler dort übersehen wurden und ich zudem mehrfach das Gefühl hatte, hier ist was gestrichen worden. Sehr gewundert habe ich mich über den Artikel Leichenfund auf Santa Cruz auf Seite 424. Er steht in keinerlei Zusammenhang mit der Geschichte und es gibt dafür nur zwei Gründe: Entweder hat das Lektorat zu viel oder zu wenig gestrichen. Und was war nur los mit T.C.Boyle? Als meisterhafter Erzähler von Gegenwartsliteratur zeigt er in Wenn das Schlachten vorbei ist nur sein halbes Können. Aber gut, schließlich ist Herr Boyle auch keine Maschine und von Zeit zu Zeit auch mal auf halben Dampf zu fabulieren, soll kein erheblicher Mangel sein, sondern ist eben einfach nur menschlich.

 Besonnenheit siegt

Entgegen der allgemeinen Interpretation, bei dieser Geschichte würde es keinen Verlierer oder Gewinner geben, Boyle verhalte sich also neutral zu diesem Konflikt, sehe ich am Ende schon die Gewinnerin. Es ist Alma, die mit wissenschaftlich legitimierter Besonnenheit vorgeht. Und Dave, der hitzköpfige Aufsteiger im geschäftlichen und gesellschaftlichen Sinne, bezahlt dafür mit seinem Leben. Demnach wird Alma weitermachen, nun befreit von ihrem stärksten Widersacher. Für mich ist das eine klare Positionierung und Zuordnung von Eigenschaften, die in der heutigen Zeit einen Gewinner ausmachen.

Kreative Schreibtechniken

Es erübrigt sich wohl, bei einem Meister des Creative Writings zu fragen, ob und welche kreativen Schreibtechniken er angewendet hat. Ich glaube, Boyle kann überhaupt nicht anders, als kreativ zu schreiben, also den Leser durch lebhafte Bilder ins Geschehen zu ziehen. Und an einigen Stellen sind ihm mal wieder Vergleiche gelungen, die es mit seinem Tausend-Kilowatt-Lächeln durchaus aufnehmen können. Da prasselt zum Beispiel der Regen wie der Trommelwirbel eines Spastikers, oder die Gischt, die hinter dem Heck aufstob, sah aus wie der peitschende Schweif eines Unterwasserkometen. In dieser Hinsicht gibt es auch in Wenn das Schlachten vorbei ist einiges zu entdecken.

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Den ziemlich gut gemachten Trailer zum Buch möchte ich keinesfalls vorenthalten:

Und auch der Autor selbst sollte am Ende noch zu Wort kommen:

Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

 

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