Wassermusik von T.C. Boyle

Wieder einmal folge ich in Wassermusik den unsäglichen Leiden des Entdeckers Mungo Park. Ich habe nicht gezählt, wie oft ich dieses Buch von T.C. Boyle schon gelesen habe. Den Ausschlag dafür geben unterschiedliche Anlässe; diesmal war es reines Sicherheitsdenken. Ich wollte mich auf kein Experiment aus meiner Kiste der noch zu lesenden neuen Bücher einlassen. Die Wahrscheinlichkeit, heutzutage ein langweiliges oder sogar ärgerliches Buch herauszufischen, ist eben leider extrem groß. Und nachdem ich nun einige solcher Würg-Schinken hinter mir habe, will ich auf Nummer sicher gehen, ein richtig gutes Buch zu lesen. So lande ich mal wieder bei Wassermusik von T.C. Boyle.

Mungo Park

T.C.Boyle schreibt das Ende des 18. Jahrhunderts und erzählt vom jungen Schotten Mungo Park. Aus gutbürgerlichem Hause stammend und ausgebildet als Arzt kann er sich einige Flausen leisten und sich auf die Suche des damals unbekannten Verlaufs des Nigers machen. Unterstützt von der Afrika-Gesellschaft unter Leitung von Sir Reginald Durfeys begibt sich Mungo Park ins ferne Afrika. Begleitet wird er von Johnson, einem Mandingo, und damit bestens geeignet, Mister Park mit Sach- und Fachkenntnis durch den fremden Kontinent zu begleiten. Eine Reise, die nicht nur härteste klimatische Anpassung erfordert sondern den Gelehrten Park lehrt, was wirkliche Leiden sind.

Ned Rise

Ned Rise muss das nicht erst lernen. Seit dem Tag seiner Geburt ist seine Geschichte von Qualen, bitterer Armut und Ungerechtigkeiten überschattet. Glück hatte er nur ein einziges Mal in seinem Leben, als der wohlhabende Prentiss Barrenboyne ihn im Alter von zwölf Jahren zu sich nahm. In seinem Hause lernt Ned schreiben, lesen, Sprachen und gute Umgangsformen. Das macht ihn nach dem tragischen Tod seines Gönners zu einem eher untypischen Mitglied der Unterschicht Londons, die seinerzeit noch unter übelsten Bedingungen leben musste:  Straßen, die knietief mit Fäkalien übersät waren, Tavernen, die sich passenderweise „Sauf&Syph“ nannten und allerhärtester Wettbewerb unter all den Gaunern, die sich ihr Pennys und Crowns irgendwie ergattern müssen.

Ein Buch – zwei Geschichten

Tja, aber was nun haben Mungo Park und Ned Rise gemeinsam? Gar nichts. Rein gar nichts. Außer vielleicht, dass ihre jeweils eigene Lebensgeschichte abweicht von der Norm. T.C.Boyle schreibt beider Geschichten, ohne dem Leser auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu geben, wo deren Verbindung stattfinden könnte. Diese Rätsel löst er erst im letzten Zehntel des Buches, also gaaanz weit hinten. Bis dahin baut T.C.Boyle zwei eigene Geschichten auf, die mich beide gefangen nehmen.

Am Niger

Da ist der bedauernswerte Mungo Park, der die fremden Völker und Kulturen im fernen Afrika nur selten von ihrer guten Seite kennenlernt. Seinerzeit war es für viele der Einwohner das erste Mal, dass sie einen Weißen sahen. T.C.Boyle lässt seiner Fantasie völlig freien Lauf und kommt auf die dollsten Missetaten, die mit Mungo Park angestellt werden. Noch hinzu kommt das gesundheitlich wenig förderliche Klima, in dem allerlei Krankheiten hervorragend gedeihen. Auch davon weiß der Autor jede Menge zu berichten. Und dann ist da noch der Maure Dassoud, der Mungo Park zu seinem Erzfeind erklärt. Gar nicht gut, wirklich nicht.

„…..Er kommt langsam um, quält sich durch endlose Tunnel des Verfalls und des Todes, einer letzten Ruhe im Staub vergangener Generationen entgegen. Er kommt um, uns zwar ganz einfach vor Durst. Vor Hunger auch – aber der Durst ist unmittelbarer. Abends geben ihm die Mauren, falls sie daran denken, eine Handvoll Kuskus und eine halbe Tasse mit einer gelblichen Lurke. Heute haben sie es vergessen. Sein Magen zieht sich zusammen, auf Luftdiät gesetzt. Zellen gehen ein und sterben ab wie auf den Strand geschleuderte Quellen published here. Dann fällt die Temperatur, und er liegt in seine Jacke gerollt, zitternd und schwitzend, sein Fieber ein inneres Wetterventil, an und aus, Sonne und Hagelsturm. Draußen, ausserhalb des Kreises der Zelte, erklingt Schakalgeheul wie ein Messer im Herzen, und Hyänen rotten sich zusammen, um den Mond einzuschüchtern……“

(Zitat aus Wassermusik von T.C.Boyle)

Auf Goree

Und dann ist da der benachteiligte Ned Rise, der jedoch immer irgendwie einen Weg findet, zu überleben. Sogar dem Henker springt er von der Schippe. Was jedoch nicht bedeutet, dass er aus dem Sumpf eines Lebens in Armut dauerhaft herauskommt. Wobei ihm seine guten Ideen verbunden mit viel Ehrgeiz und einer Menge Zuversicht doch auch temporär gute Zeiten bescheren. Dabei ist sein eigener Eindruck jedoch völlig korrekt: Hernach fällt er jedes Mal noch tiefer, als er vorher war. Dieser ganze Teufelskreis endet schließlich auf der Insel Goree, wo er seine lebenslange Haft mit dem Dasein als Soldat des damaligen Königlichen Afrika Korps eintauscht. Diese tolle Armee bestand in Wahrheit aus lauter heruntergekommenen Sträflingen, die dort ihr Dasein fristeten. Da jedenfalls entsteht der Berührungspunkt mit dem Entdecker Mungo Park.

Wassermusik

Ned Rise ist es auch, der am Ende als einziger übrigbleibt. Ihn rettet nicht nur sein unverschämtes Glück zu Überleben, letztendlich ist es die Wassermusik, die ihm sein Leben rettet. Mungo Park hingegen geht in den Fluten des Nigers unter und hinterlässt seine selten gesehene Frau als Witwe mit vier Kindern. So endet sein Entdeckergeist im Strudel einer braunen Brühe, die ihn so lange nach unten zieht, bis ihm die Luft ausgeht.

Kreative Schreibtechniken

Wassermusik gehört mit zu den ersten Büchern, die T.C. Boyle schrieb. Daher sprüht der Schreibstil vor bildhaften Vergleichen und Assoziationen. Die Leiden des Mungo Parks sind so lebendig in Gefühle und Empfindungen gepackt, dass sie tief in das Geschehen hineinziehen. Als Charakter besonders unvergesslich finde ich Ned Rise, aber auch jede noch so bedeutungslose Nebenfigur hat T.C.Boyle scharf gemeißelt. Zum Beispiel die immer wieder kurz auftauchende alte Vettel mit ihrem „Iiiiihhhh“ oder den wortkargen und grausamen Dassoud. Den Handlungsverlauf bezeichnete Die Zeit als „…unendliche Schnurre…“. Nun weiß ich nicht genau, was eine Schnurre sein soll, aber Wassermusik ist tatsächlich ein einziger Höhepunkt, der vor sich hinschnurrt. Will sagen, der Handlungsaufbau liegt spannungstechnisch auf einem hohen Niveau, das der Autor durchgängig mit nur leichten Schwankungen aufrechterhält. Alles in allem gehört Wassermusik für mich zu einem der besten Bücher von T.C.Boyle.

Ob ihn die Komposition der Wassermusik von Händel dazu inspiriert hat, weiß ich nicht. Hören Sie einfach mal selbst:

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

 Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.