Walden von H.D. Thoreau

Walden trägt in der neuen Ausgabe von Diogenes den Untertitel Leben in den Wäldern. Der Autor Henry David Thoreau, der von 1817 bis 1862 in Massachusetts lebte, verbrachte zwei Jahre in einer Blockhütte am Waldensee. Für ihn war es ein Experiment, bei dem er das pure und wahre Leben erforschen wollte; das, was menschliches Dasein wirklich ausmacht. Seine Gedanken und Erfahrungen in dieser Zeit hielt er unter anderem in Walden fest.

Philosophischer Klassiker

Bei Walden handelt es sich – entgegen meiner Erwartung – nicht um einen Roman, sondern um achtzehn Kapitel, die jeweils einen bestimmten Aspekt beleuchten. Dieser steht mehr oder weniger in engem Zusammenhang mit seinem Experiment; manche Kapitel zeigen seine Weltanschauung, andere seine Erfahrungen am Waldensee. Insgesamt ist Walden eine philosophische Abhandlung des menschlichen Daseins und des Kontextes, in dem wir uns bewegen.

Alles beim alten

Zu meiner Ernüchterung war dieser Kontext um 1830 gar nicht so viel anders, als heute, im Jahre 2016. Meinen verklärten Blick auf die damalige Zeit, die – wie ich meinte – so viel Beschaulichkeit noch hatte, muss ich nach Walden korrigieren. Auch schon seinerzeit trieb der Erfolgsdruck die Menschen an, entführte ihre Seelen in gesellschaftliche Zwänge und oberflächliche Vergnügungen, entzweite, sortierte und stempelte die Lebensentwürfe, abhängig von deren materiellen Erfolg, nach wertvoll und überflüssig.

Schein statt Sein

Genau diese Menschenmachmaschinerie lehnt H.D. Thoreau ab. Seine detaillierten Beobachtungen der Natur dort in der Blockhütte am Waldensee bestärken seinen Glauben, wir Menschen seien zu anderen Dingen befähigt; für Individuelles gemacht und eben nicht für ein uniformes Gehabe. Auch weiß er viel Schlaues zu sagen über unseren Hang zu materiellen Gütern und dem Wert der Äußerlichkeiten. Diese Neigungen ermöglichen es letztendlich, dass wir gerne Sklaven sind für allerlei Mächte und es noch nicht einmal merken. Dabei geht es Thoreau weniger darum, die einzelnen Menschen von ihrem kläglichen Dasein zu befreien, als vielmehr an die wahren Fähigkeiten der Gattung Mensch zu appellieren und damit den Prozess seiner Zivilisation voranzutreiben.

„…… Wie geht es aber der armen Minderheit? Da zeigt sich, dass gerade in dem Verhältnis, in welchem sich ein Teil der Menschheit – rein äußerlich genommen – über den Wilden erhob, der andere Teil tiefer als diese Wilden sank. Der Luxus der einen Klasse wird aufgewogen durch die Bedürftigkeit der anderen. Auf der einen Seite steht der Palast, auf der anderen das Armenhaus und der verschämte Arme.
Die Myriaden, welche die Pyramiden bauten, die den Pharaonen als Begräbnisplatz dienen sollten, wurden mit Knoblauch ernährt und möglicherweise selbst nicht anständig begraben. Der Maurer, der das Sims eines Palastes fertigstellt, kehrt vielleicht abends in eine Hütte zurück, die schlechter als ein Wigwam ist. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass in einem Land, wo die gewöhnlichen Beweise der Zivilisation vorhanden sind, die Lebensbedingungen eines großen Teiles seiner Einwohner nicht auf einem ebenso tiefen Niveau stünden wie die der Wilden. Ich spreche jetzt von den verkommenen Armen, nicht von verkommenen Reichen. Um mich davon zu überzeugen, brauche ich nicht weiter Umschau halten als bis zu den Hütten, die überall an unseren Eisenbahnen, dieser letzten Errungenschaft unserer Zivilisation, aufgestellt sind. Da sehe ich bei meinen täglichen Spaziergängen menschliche Wesen in Schweineställen wohnen: bei offener Tür, damit das Licht hereinkann, verbringen sie den ganzen Winter. Von einem Holzvorrat ist nichts zu entdecken; die Gestalten von jung bis alt sind durch die lange Gewohnheit, sich vor Kälte und Elend zu verstecken, zusammengeschrumpft, so dass die Entwicklung ihrer Glieder und Fähigkeiten gehemmt ist. Es ist gewiss billig, derjenigen Klasse einige Beachtung zu schenken, durch deren Arbeit die Werke, welche unsere Generation auszeichnen, ausgeführt werden. …..“
(Zitat aus Walden von H.D. Thoreau)

Wie heute

Ob Thoreau wohl enttäuscht wäre, dass seine Worte fast 200 Jahre später immer noch aktuell sind? Ganz sicher würde es ihn dauern, keinerlei Fortschritt erkennen zu können. Gemeint ist eben kein zivilisatorischer Fortschritt, sondern ein menschlicher. Denken wir doch mal an die, welche unsere tolle Entwicklung in ein digitales Zeitalter ermöglichen, sprich an die vielen dürren Hände, die unsere Smartphones zusammenstecken. Oder denken wir doch mal an die vielen Menschen, die frieren und hungern. Dafür müssen wir nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, auf einen anderen Kontinent blicken – wir haben es direkt hier in der europäischen Nachbarschaft.

Kreative Schreibtechniken

Zu Zeiten des Autors waren die Rezeptionsgewohnheiten der Leser nicht bildorientiert, weshalb es den kreativen Schreibstil noch nicht gab. Walden ist ein philosophisches Werk und sucht dementsprechend nach möglichst genauen Formulierungen. Die Ausdrucksweise ist durch lange Schachtelsätze gekennzeichnet, was das Lesen mitunter erschwert. H.D. Thoreaus Betrachtungsweise ist in weiten Teilen brillant und detailverliebt. So widmet er zum Beispiel viele Seiten der Eigenschaft von Eis auf zugefrorenen Seen oder den Singvögeln und deren Verhalten.

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Für alle, die mehr zu Walden wissen möchten, habe ich dieses Video gefunden:

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