Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler

Shotgun Lovesongs erzählt die Geschichte von fünf Freunden in einer kleinen Stadt in Wisconsin. Fast hätte ich Kuhkaff geschrieben, leben dort doch nur etwas mehr als tausend Menschen, die überwiegend ihrer Beschäftigung als Farmer nachgehen. Eigentlich geht in diesem Ort Little Wing rein gar nichts ab. Im Norden der USA gelegen, schaufelt man dort ein halbes Jahr lang Schnee und plagt sich mit dem Nordwind herum. Dennoch gelingt es dem jungen Autor Nickolas Butler, einen drei Finger dicken Roman darüber zu schreiben. Die Rezeptur lautet: R-L-K-H-B.

R-L-K-H-B

Ronny, Lee, Kip, Henry, Beth – das sind die fünf Freunde, aus deren Leben Shotgun Lovesongs erzählt. Die ersten drei stattet der Autor von Shotgun Lovesongs mit Extravaganzen aus: Ronny ist ein ungemein hübscher Rodeoreiter, Lee ein ungemein erfolgreicher Musiker und Kip ein ungemein reicher Börsenmakler. Henry und Beth sind ganz normale Farmer, führen jedoch eine ungemein gute Ehe.

Hehre Ziele

Die Kapitelüberschriften bestehen aus jeweils einem dieser Buchstaben, denn jede dieser Figuren ist kapitelweise der Erzähler von Shotgun Lovesongs. So gesehen ist das ein interessantes Romankonzept. An den Autor stellt es jedoch eine enorme Herausforderung, fünf verschiedene Charaktere so erzählen zu lassen, dass sie tatsächlich ihre eigene Identität bekommen. Bestenfalls müsste es so sein, dass man als Leser, nachdem man die Figuren kennengelernt hat, eine beliebige Seite aufschlägt und sofort sagen kann, wer da gerade erzählt. Nickolas Butler ist das leider nicht gelungen. Er hat die unterschiedlichen Erzähler nicht mit eindeutigen oder auch nur eigenen Merkmalen ausgestattet. Von daher ist das Romankonzept von Shotgun Lovesongs wenn nicht verwirrend dann jedenfalls obsolet.

Konfliktfrei

Immerhin schreibt der Autor in einem flüssigen und unterhaltsamen Stil. Erzählen kann er, und so lese ich das erste Drittel des Romans Shotgun Lovesongs mit einigem Interesse. Dann jedoch kommt der Punkt, an dem mich die Geschichte einfach annervt, ich den Eindruck habe, einen Groschenroman zu lesen. Grund dafür ist der fehlende Konflikt. Wenn auf den ersten hundert Seiten noch immer keine Konfrontation stattfand, nichts kollidiert, sondern alles so vor sich hinplätschert, dann entsteht dieser Eindruck eben unwillkürlich. Zum Glück bin ich besonders im Sommer ein hartnäckiger Leser, der so gut wie kein Buch weglegt, bevor nicht das letzte Wort gelesen ist.

Leere Liebe

So konnte ich dann auch erfahren, was Shotgun Lovesongs sind. Der berühmte Lee verrät es in einem seiner Kapitel und – siehe da – deutet in dieser Erklärung endlich den Konflikt dieser Story an: Er ist nämlich in die gute alte Farmersfrau Beth verknallt. Natürlich kollidiert dies mit seinem Freund und ihrem Ehemann Henry. Aber keine Angst, das ganze Theater darum bleibt flach, soft wie ein Liebeslied eben. Leider erfahre ich an keiner Stelle, was er an dieser Beth eigentlich so toll findet. Klar, er findet sie umwerfend schön, aber was seine Liebe zu ihr nun genau ausmacht, sagt er nicht. Ich meine, immerhin war er mit der bekannten Star-Schauspielerin Chloe verheiratet. Die ist natürlich auch schön, wahrscheinlich sogar noch was schöner als Beth. Also kurzum: Lees Liebe zu Beth kann ich nicht nachvollziehen. Und das ist besonders dann sehr schade, wenn es genau darum geht.

Einfach Freundschaft

Aber egal, man muss ja nicht jede Story wirklich begreifen. Vielleicht ist es ja viel wichtiger, an drei megatollen Hochzeiten teilnehmen zu dürfen, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen und den Inhalt verzurren, sodass es nicht auseinanderfällt. Auch wenn dem jungen Autor Nickolas Butler viele Dinge nicht gelungen sind, hat er dennoch haufenweise Seiten über Freundschaft geschrieben. In dieser Hinsicht hat sein Roman Shotgun Lovesongs einen tatsächlichen Wert: Es ist eine lange Geschichte über fünf Freunde, die ihren Weg durchs Leben gehen. Und so betrachtet ist ihm damit auch ein schöner Roman gelungen.

Kreative Schreibtechniken

Abgesehen von den vorgenannten konzeptionellen und thematischen Schwächen, dem fehlenden Konflikt und dem daraus resultierenden äußerst laschen Spannungsbogen, bedient sich Nickolas Butler der kreativen Schreibtechniken. Er vermittelt mir als Leser an vielen Stellen lebendige Bilder.

So zum Beispiel bei einer der Hochzeiten:

„…..In diesem Moment waren wir eine Stadt, wir alle zusammen, ein Chor aus Freunden und Fremden, alle in ihrem schönsten Sonntagsstaat, und wir berührten einander, hielten uns an den Händen und sangen. Unsere Stimmen schnellten in die Höhe, geradewegs hinauf zu den Dachsparren, und ließen die Flammen der Kerzen tanzen; es waren genug Stimmen, um von dem rostigen Blechdach widerzuhallen und im Echo hinaus auf die Felder getragen zu werden, wo die Pferde vermutlich ihre Köpfe hoben und ihre langen Ohren spitzten……“

Oder hier:

„….Ich lenkte den Umzugswagen an den Rand der Uecker Road, zu der Mündung meiner Auffahrt, wo sich der Schotter wie ein davongerolltes Murmelspiel über den Asphalt verstreut hatte…..“

Oder hier:

„…..Ich kehrte zu meinem Barhocker zurück und blieb unsichtbar. Dann bezahlte ich und ging hinaus in die graue Abendkälte und dachte: Was für ein seltsamer Ort, um nach Liebe zu suchen. Auf dem Parkplatz schaute mich mein Pick-up wie ein angeekelter alter Freund an, der dort die ganze Zeit geduldig auf mich gewartet hat……“

(Zitate aus Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler)

Diese Assoziationen und Vergleiche sind wirklich schön und in dem Buch finden sich davon noch viele mehr. Der Autor entwickelt sie aus den Situationen heraus und bedient sich an keiner Stelle abgedroschener Bilder. So will ich Nickolas Butler einen Vorschuss auf zukünftig bessere Charaktere und einen spannenden Handlungsaufbau geben, und sein mit viel Hingabe geschriebenes Buch Shotgun Lovesongs unter den Glanzlichtern ablegen.

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Zur Website von Nickolas Butler

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.