San Miguel von T.C.Boyle

San Miguel ist die am westlichsten gelegene Insel im Santa-Barbara-Kanal, Kalifornien. Erzählte T.C.Boyle in seinem letzten Roman eine Geschichte von Anacapa – der am östlichsten gelegenen Inselgruppe – spielt sein neuester Roman auf San Miguel. Und nur dort. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, dass T.C.Boyle selbst in den Bergen von Santa Barbara lebt. Vielleicht erheischt er von seinem Lloyd-Wright-Haus aus sogar einen Blick auf die Kanalinseln. Jedenfalls scheinen ihn diese kargen Felsanordnungen stark einzunehmen und so erzählt er in San Miguel die Geschichte der Familien Waters und Lester, die seinerzeit in der Einsamkeit dieser Insel ihr Glück suchten.

Marantha

Da ist Marantha Waters, schwer lungenkrank, die sich durch den Umzug auf die Insel San Miguel zwar keine Heilung, aber zumindest Linderung ihrer akuten, anfallsartigen Atembeschwerden verspricht. Gemeinsam mit ihrer Adoptivtochter Edith und ihrem zweiten Mann Will zieht sie von San Francisco aus in das einzige Haus auf der Insel – ein heruntergekommenes, einfaches Farmhaus – und beginnt ein neues Leben in frischer Luft als Frau eines Schafzüchters. So ganz passt das jedoch nicht zu ihr, ist sie doch wohlerzogen, kulturell interessiert und bringt der Etikette des gesellschaftlichen Lebens Mitte des 19. Jahrhunderts hohe Wertschätzung entgegen. Insofern regt es sie auch auf, wenn die Tochter Edith ihr Korsett nachlässig schnürt oder Ida, das Dienstmädchen den Tee nicht adäquat serviert. Trotz aller Widrigkeiten und sogar dem gesamten Lebensumfeld zum Trotz hält sie die Wohlerzogenheit in allen Aspekten bis zu ihrem letzten Atemzug aufrecht. Dann kehrt die Lotterigkeit in das Farmhaus zurück.

Edith

Denn nun steht Edith allein mit ihrem burschikosen Vater dar, der sich zu einem wahrhaftigen Schafzüchter entwickelt hat. Das Mädchen stand bisher unter dem Schutz und der guten Erziehung ihrer Mutter. Holzhacken, Küchenarbeiten und die Essensversorgung für die arbeitenden Männer gehörten leider nicht zum Erziehungskanon. So muss sie von heute auf morgen lernen, den ganzen Haufen am Kacken zu halten und dies auch noch unter den schwierigen Bedingungen der Versorgung mit Lebensmitteln, die ab und an ein Schiff am Strand ablädt. Der jungen Edith gefällt das Ganze überhaupt nicht. Sie sucht nach jeder Gelegenheit, um ihrem Stiefvater und diesem grauenhaften Inseldasein zu entkommen, was bei der geografischen Lage nicht ganz einfach ist. Sie träumt von einem neuen Anfang als Inez Deane – ein Name, den sie sich sorgfältig für ihre Karriere als Schauspielerin und Sängerin ausgedacht hat. Eines Tages gelingt es ihr, den Seerobbenfänger Bob zur Fluchthilfe zu überreden und verschwindet mit ihm im dichten Nebel über dem Santa-Barbara-Kanal.

Elise

Lange Zeit lese ich dann nichts mehr über Edith, denn abrupt beginnt der dritte Teil, in dem sich die Lesters ihr Stelldichein auf San Miguel geben. Erst eines gemütlichen Abends erzählt Jimmy, der Jugendfreund von Edith, mittlerweile schon ergraut, den Lesters, wie es mit Inez Deane ausging. Aber an dem Punkt bin ich bereits so tief in das Leben der Lesters verstrickt, dass es mich kaum noch interessiert. Denn Elise Lester gebärt immerhin zwei Töchter, dort, auf der einsamen Insel, auf der allein die Schafe blöken und die Robben brüllen. Aber Elise erfüllt ihre Pflichten als Mutter vorbildlich; unterrichtet die Kinder täglich vor- und nachmittags und sorgt für herausragende Resultate bei den obligatorischen Prüfungen des Schulamts. Ihr Mann Herbie, mit dem sie eine romantische Liebe verbindet, kümmert sich demgegenüber um die Schafherde, den Hof und alles, was sonst noch zum abgeschiedenen Dasein auf San Miguel gehört. Die Familie Lester ist bestens geeignet für diese Art von Leben und findet darin tatsächlich dauerhaftes Glück. Der Krieg mit Japan in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts markiert den Absturz dieses Glücks in eine tiefe Schlucht. Der Freitod von Herbie besiegelt das Unglück schließlich und nicht nur Elise mit ihren Töchtern, auch ich nehme Abschied von San Miguel, denn das Buch ist an dieser Stelle zu Ende.

Kein echter Boyle

Ich habe San Miguel gern gelesen, denn mich faszinieren abgelegene Orte und Häuser. Sie inspirieren mich zu Gedanken darüber, wer wann wie dort gelebt hat. Vielleicht erging es T.C.Boyle genau so. Als Grundlage dieses Romans bediente er sich allerdings der Aufzeichnungen von den Walters und Lesters, die dort tatsächlich einmal lebten.  Das mag die Ursache dafür sein, dass San Miguel aus meiner Sicht kein echter Boyle ist. Denn wo T.C.Boyle sonst an die Schmerzgrenze des Konfliktes geht, findet er in San Miguel schnelle Lösungen, die teilweise einen richtigen Happy-End-Charakter haben. Ein solcher Verlauf ist völlig untypisch für den Autor und nimmt der Geschichte genau das, was ich an Boyle liebe: seinen Zynismus und die erfinderische Fantasie in Bezug auf extreme Situationen. Mit das höchste seines kritischen Blicks auf die Gesellschaft steckt in der Szene, wo die Lesters ein Radiogerät bekommen:

„…..Alles in allem hatte diese Neuerung ihre guten und schlechten Seiten. Einerseits freuten sie sich über die Konzerte und Fortsetzungsserien – Amons ´n´ Andy, Flash Gordon, Major Bowes‘ Original Amateur Hour -, doch andererseits brachen jetzt unaufhörlich Nachrichten aus aller Welt über sie herein und infizierten sie wie eine neuartige Seuche. Ob es ihnen gefiel oder nicht, sie waren jetzt, beinahe gegen ihren Willen, ein Teil der Welt. Herbie machte sich Sorgen über Dinge, die auf der anderen Seite des Erdballs geschahen, über die Nachrichten, die immer schlecht, ausschließlich schlecht waren. Sie [Elise] versuchte, die Stimme des Sprechers auszublenden, wenn ihre Hände sich mit der Strickarbeit beschäftigten und ihre Gedanken schweifen konnten, doch ihre Ohren ließen es nicht zu……“

(Zitat aus San Miguel von T.C.Boyle)

Drei Teile

Leider hat mir an jedem der drei Teile des Buches etwas Entscheidendes missfallen. Im ersten Teil ging mir die Sprache ziemlich, ja wirklich erheblich, an die Nerven. Die Sprache gefiel mir nicht, nein, so gar nicht. Denn diese Marantha hatte es gedanklich echt drauf – ziemlich drauf – sich andauernd zu wiederholen. Ja, zu wiederholen. Andauernd zu wiederholen. Mehrfach hintereinander das Gleiche zu denken. Immer wieder das Gleiche.

Der zweite Teil war mir entschieden zu kurz und ich finde es schon eine Gemeinheit, wie dieser T.C.Boyle Edith einfach in einem Dingi davon rudern lässt und mich allein am Strand zurücklässt. Dabei wäre es doch jetzt gerade erst interessant geworden, vor allem, weil sich Ediths Geschichte auf diesen entscheidenden Wendepunkt zubewegte. Offenbar hatte ich sie umsonst dabei begleitet, denn sie verschwindet im Nebel, der alle ihre weiteren Schritte verschluckt. Wie ich weiter oben schrieb, kommt dann im nächsten Teil wieder Licht in die Angelegenheit. Jedoch frage ich mich, warum T.C.Boyle nicht diesen Teil damit abgeschlossen hat. Ich wäre dadurch zufriedener gewesen.

Tja, und der dritte Teil erinnert mich an The Waltons oder sogar Unsere kleine Farm oder so. Die Kapitel sind episodenartig aneinandergereiht, wobei die Überschrift die jeweilige Thematik erfasst. Also tatsächlich im Stil einer Fernsehserie mit Untertitel. Ich muss sagen, das enttäuscht mich. Mir kommt es fast vor, als hätte Boyle diese Kapitel heruntergeschrieben und dabei jede kreative geistige Mühe gescheut. Wobei ich ihm dies nicht all zu sehr verübeln will, denn schließlich kann kein Mensch ständig wie ein Pulverfass vor Ideen sprühen. Sicher hat auch T.C.Boyle seine Verpflichtungen, die auf die eigene kreative Kraft keine Rücksicht nehmen.

Kreative Schreibtechniken

Bei San Miguel fehlt mir ein straffer Spannungsbogen. Zu oft lösen sich die Ereignisse in glücklichen Begebenheiten auf. Insofern ist auch der Handlungsverlauf ein stetes Auf und Ab statt einer stringenten Zuspitzung und Lösung der Konflikte. Auch hätte ich gern mehr gehört, gerochen und geschmeckt auf dieser Insel. In San Miguel geht T.C.Boyle aus meiner Sicht recht sparsam mit sinnlichen Eindrücken um. Die Atmosphäre und Szenerie fängt er jedoch wie gewohnt sehr treffend ein, weshalb ich das Buch ganz sicher noch mehrmals lesen werde. An mindestens zwei Stellen ist mir ein eigentlich grober Fehler des Erzählens aufgefallen: Er nimmt Dinge vorweg und erzählt erst dann, wie sie zustande kamen. Damit nimmt man der Sequenz natürlich die Spannung; teilt dem Leser schon vor Beginn das Ende mit. Worauf soll er sich dann noch freuen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass T.C.Boyle solche Fehler unbewusst macht, weiß aber andererseits auch nicht, welchen Vorteil die Vorwegnahme für die Erzählung haben könnte. San Miguel ist überdies eines der wenigen Bücher von Boyle, in dem er sich nicht des Cliffhangers bedient, obwohl er darin wahre Meisterschaft bewiesen hat. Soll es denn nun wirklich dahin kommen, dass ich den Creativewriter schlechthin in der Schreibakademie unter Funzeln ablegen muss?

Keinesfalls. Nicht zuletzt hat T.C.Boyle auch in diesem Buch wieder herrliche Vergleiche hervorgebracht, wenn sie auch spärlich verteilt sind. Zum Beispiel in dem Moment, wo Marantha den ersten Blick auf das Farmhaus erheischt – das einzige Gebäude der gesamten kargen Insel:

„…..Ihr erster Eindruck war der von Nacktheit. Nackte Mauern mit mickrig kleinen Fenstern, und über den sandbedeckten Vorplatz ging ihr Blick in alle Richtungen über endloses, von Schafen verbissenes Buschland ohne einen einzigen Baum, einen einzigen Strauch, eine einzige Efeuranke. Es hatte nichts auch nur entfernt Altmodisches oder Gemütliches an sich. Es sah aus, als wäre es von einem Wirbelsturm in die Luft gehoben und mitten in der Arabischen Wüste wieder abgesetzt worden…….“

(Zitat aus San Miguel von T.C.Boyle)

Und auch wenn T.C.Boyle mit San Miguel rein schreibtechnisch keine kreative Glanzleistung erbracht hat, will ich doch einen ganz anderen Aspekt würdigen. Immerhin hat der Autor knapp 450 Seiten mit den Visionen eines familiären Lebens auf San Miguel gefüllt. Und dieser Ort gibt nun wirklich nicht viel her; das eintönige Leben ebenfalls nicht. Und doch erscheint mir kein Teil der Geschichte eine Wiederholung. Ich denke, die wahre Leistung im Roman San Miguel ist es, diese Eintönigkeit so facettenreich zu schildern, wie T.C.Boyle es vermag. Als Leser darf man an diesen Leben teilnehmen und erlangt vielleicht ein Stück Besinnung von dem, was Leben beziehungsweise Existenz wirklich ausmacht.

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Hier der Buchtrailer von Jamieson Fry:

 Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

 

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