Rabenliebe von Peter Wawerzinek

Rabenliebe ist kein Tierbuch. Es handelt nicht von der Fähigkeit einer bestimmten Vogelart, in einer engen Beziehung zueinander zu leben. Denke ich das Wort Rabenliebe, so kommt mir automatisch die Rabenmutter in den Sinn. Und das trifft den Inhalt dieses Buches schon eher, auch wenn es darum nicht wirklich geht. Schon nach den ersten Sätzen wird mir klar, dieses Werk von Peter Wawerzinek passt in keine Reihe meines Bücherregals; es lässt sich nirgends einfügen oder anreihen, es wird einen ganz eigenen, speziellen Platz bekommen müssen, es ist ein Einzelgängerbuch.

Ein sehr langes Gedicht

Im Jahre 2010 erhielt Rabenliebe den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Publikumspreis mit der Begründung: Eine Kindheit im Heim und die lebenslange Suche nach einer Mutter werden Literatur. Und was für eine!! Ich gehe noch einen Schritt weiter: Mit über 400 Seiten ist es das längste Gedicht, das ich kenne. Peter Wawerzinek hat es geschafft, diese Seiten allein mit seinen Gefühlen zu füllen; seine persönliche Geschichte zu erzählen, die nur von Gedanken, Empfindungen, Reflexionen und Hoffnungen handelt. Es gibt keinen Helden, kein Handlungsgerüst, keinen Spannungsbogen. Der Autor selbst ist der Held, sein Leben gibt das Handlungsgerüst vor und der Spannungsbogen entsteht durch die Worte, die so ungemein ehrlich und schonungslos sich selbst gegenüber dort stehen. Peter Wawerzinek versteht es, seiner Seele als therapeutisches Konzept die reine Poesie anzubieten. Und was dabei herauskommt, ist so einzigartig, wie es ein jeder Mensch als fühlendes Wesen ist.

Autobiografisches Schreiben

Der Autor wächst als Waisenkind auf und schildert in seinem Buch sowohl diese Zeit als auch seine Auseinandersetzung mit einem mutterlosen Dasein, das ihn zur Suche treibt, die in einem Treffen mit seiner leiblichen Mutter den Höhepunkt findet. Ich kann mich hier unmöglich darauf beschränken, nur ein einziges Zitat herauszustellen. Rabenliebe musste zahlreiche Eselsohren über sich ergehen lassen – die Art und Weise, wie ich wichtige Stellen eines Buches zu kennzeichnen pflege, auch wenn dies unter Buchliebhabern als reinster Frevel gilt. Jedenfalls kann ich Ihnen keine der folgenden Stellen vorenthalten, wenn Sie sich für den kreativen Schreibstil interessieren.

Wie man Dielenbretter zum Leben erweckt:

„…..Was das Leisetreten, tonlose Umschleichen in einem Hause anbelangt, so bringe ich es zu einer achtbaren Meisterschaft. Ich bin gut unterrichtet. Mich bilden im Vorschulkinderheim die ersten Dielen aus. Verdienstvoll wie Wachhunde schlagen sie an. Boshaft treibt es ein Dielenbrettduo zur Küche hin, dem Reich der Köchin Blume. Nicht einfach, die zwei schmächtigen, so harmlos aussehenden Dielen zu überwinden. Durch viele Überwindungseinheiten schaffe ich mir einen Weg von meinem Bett aus zur Küche hin, erstelle mir ein Dielenraster, das knarrende Dielen in stockfinsterer Dunkelheit hell und rot signalisiert. Dielen, die launisch sind. Dielen wollen nicht gestört werden. Dielen achten streng auf Dielenzeit. Dielen verhalten sich in der Nacht anders als am Tage. Selbst wenn die Dielen unterhalb dicker Teppiche liegen, murren sie zur Nacht hörbar, wo sie am Tage verschwiegen liegen……“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

Wie man die Assoziationen weckt:

„…..Die Worte folgsam und anstellig mag ich nicht, weil sie der Adoptionsmutter Synonyme sind für geschickt, gewandt, geübt, praktisch veranlagt und routiniert im Umgang mit dem Gelernten, brauchbar, einsichtsvoll, achtsam, arbeitsam, aufmerksam, beflissen, eifrig, emsig, fleißig, flink, flott, forsch, lenkbar, lernbegierig, lernend…..“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

Wie man Gefühle sichtbar macht:

„…..Mein Zorn kennt keinen Winterschlaf. Mein Unmut beruhigt sich nicht. Mein Unmut redet aus mir heraus: Je weniger Zuneigung einer erfährt, umso feiner ist der Ballast, den er abstößt. Von der Mutter abgenabelt, bin ich zum Erinnern an Zustände verurteilt, die ich nicht besser weiß, wissen kann, ein Träumer, ein Komet. Ich bin, was ich an Waisentum im Schlepptau habe. Ich werde mein Waisentum nicht los. Ein Dunstgebilde bin ich, reich an Ablagerung, nicht unbeträchtlichen Mengen an investierten Illusionen. Ich bin die Strohpuppe, Vogelscheuche auf dem weiten Feld unbeantworteter Träume und imaginärer Herzenswünsche. Ich bin das Kind im viel zu großen Weltraum. Ich bin mein eigen Ich, das größer werden wird, je mehr ich mich recke und auszubreiten suche. Der Mutterverstoßene, der an Muttermangel leidet wie unter Verschmutzung. Mein Muttermangel bildet einen langen Schweif, durch den die Waise als funkelnder Komet am Firmament sichtbar wird…..“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

Wie man Charaktere zeichnet:

„……Ich sehe die Mutter als kleines Mädchen. Zehn Jahre ist es sie, leichtgläubig, naiv, würde man höflich sagen, oder auch schwer von Begriff und antriebsarm. Ihre Freundin dagegen jünger, älter, ist von schlauerer Art, aus der Stadt, nicht vom Dorf, pfiffig und fröhlich und eher spontan. Eine, die auf Ideen kommt, sich zu helfen weiß, etwas wagt und angeht, die Zähne zusammenbeißt, nicht gleich Schiss hat, notfalls dem Gegenüber in die Weichteile tritt und vor der Flucht nach der runtergefallenen Brille schnappt.

Mit ihr kann man was erleben, immer ist was los, und wenn man auf dem Rücken liegt, sagt sie, was die Wolken oben am Himmel darstellen, wohin sie unterwegs sind…..“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

Wie man tiefe Enttäuschung in Worte fasst:

„…..Es gibt so keine Bande zu dieser Frau, die ausgestoßen bleibt, kein Anrecht anzumelden auf ein gemeinschaftliches Unser, mich abstößt. Wir sind durch keinerlei Mutterblut verbunden. Humbug ist das Märchen von der starken Wirkung der genetischen Bildung. Umso intensiver die Abkehr voneinander, umso rettender das mutterlose Danach, das mit dem mutterlosen Davor eingeleitet worden ist und zu nicht Gutem geführt hat. Ich bleibe das Kind ohne Heim. Die Mutter ist ein Gespinst, eine Farce, ein Trugbild, das ich nicht länger durch mein Leben tragen will. Die fernste Ferne ist erreicht. Es gibt keine Nähe zu vermelden. Ich sitze am Tisch. Ich esse den Kuchen nicht. Ich schaue die Mutter an und wende mich ab von ihr. Im Namen der Schwester, im Namen unserer gemeinsamen Not, wir bleiben mutterlos, der Schlussstrich ist zu ziehen, die Mutter aus dem Spielplan zu nehmen und als Theaterstück abzusetzen. Zum Jagen geht man in den Wald, zum Fischen auf den See hinaus….“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

 Kreative Schreibtechniken

Die obenstehenden Zitate weisen bereits darauf hin, dass man nicht lange suchen muss, um nahezu alle kreativen Techniken im Schreibstil von Peter Wawerzinek zu finden. Interessant dabei ist, dass er dabei die gesamte Palette dessen abgedeckt, was als kreatives Schreiben gilt: Er spielt mit der Sprache, er nutzt das kreative Schreiben als therapeutische Anwendung für sich selbst und bedient sich gleichzeitig der Mittel des Creative Writings. Ein einzigartiges Beispiel also für die Möglichkeiten, die kreative Schreibtechniken bieten. Das zeigt sich schon gleich im ersten Absatz, mit dem er mich als Leserin ins Geschehen zieht, den Handlungskontext aufzeigt und mich neugierig macht:

 „Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere. Verschneit liegt rings die ganze Welt, ich hab nichts, was mich freuet, verlassen steht der Baum im Feld, hat längst sein Laub verstreuet, der Wind nur geht bei stiller Nacht und rüttelt an dem Baume, da rührt er seinen Wipfel sacht und redet wie im Traume. Es schneit sanft in den Ort hinein. Danach gewinnt der Schneefall an Stärke. Es ist so oft Winter in meinem Kopf. Es schneit so häufig, dass ich denke, in meinen Kinderheimjahren hat es nur Schnee, Winter, Frost und Eiseskälte gegeben…..“

(Zitat aus Rabenliebe von Peter Wawerzinek)

Diese Verschmelzung von Reimformen und normalen Sätzen durchzieht das ganze Buch. Immer wieder dichtet der Autor scheinbar mühelos und spontan, statt einfach nur Sätze zu formulieren. So wird er zu einem Wortkomponisten, der sein Schreibstück in eine anmutige Melodie verwandelt.

Wo Distanz nötig ist

Was mich persönlich ein wenig gestört hat, sind die Zitate, entnommen aus Zeitungsnotizen und Gesetzestexten rund um das Thema Mutterliebe und Heimkinder. Diese nüchternen Passagen haben mich jedes Mal aus dem Geschehen respektive aus der Stimmung gerissen, in die der Autor mich zuvor reingezogen hatte. Aber vielleicht sollte es genau dies bewirken – weniger für den Leser, als für Peter Wawerzinek selbst. Fast macht es den Anschein, als hätte er von Zeit zu Zeit ein wenig Distanz nötig gehabt, ein wenig Nüchternheit in seine Gefühle bringen wollen. Teilweise benutzt er dazu auch Zitate. Mit einem davon möchte ich an dieser Stelle schließen:

„Wenn alle Menschen Künstler wären oder Kunst verstünden, wenn sie das reinste Gemüt nicht beflecken und im Gewühl des Lebens verängstigen dürften, so wären doch gewiss alle um vieles glücklicher. Dann hätten sie die Freiheit und die Ruhe, die wahrhaftig die größte Seligkeit sind.“

Johann Ludwig Tieck

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 Website von Peter Wawerzinek

 

 

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