Mister Peanut von Adam Ross

An seinem Manuskript zu Mister Peanut hat Adam Ross dreizehn Jahre lang gearbeitet. Zeit genug, um knapp 500 Seiten mit erstklassigem Lesestoff zu füllen; eine Story hinzulegen, die es in sich hat, an der einfach alles stimmt. Mister Peanut ist laut Rückentext „…ein furchtloser, unheilvoller und zutiefst faszinierender Blick auf die dunkle Seite der Ehe.“  Meine spontane Reaktion auf diese Thematik ist ablehnend. Warum sollte ich einen solchen Blick wagen? Ich lese den Satz ein zweites Mal und bleibe an dem Wort faszinierend hängen. Also okay, da mir diese dunkle Seite der Ehe bisher verborgen blieb, bin ich gewillt, meinen Blickwinkel zu erweitern und schlage die erste Seite auf.

Mörderische Träume

Und es geht sofort bitterböse los: David Pepin träumt davon, seine Frau umzubringen. Und dies nicht nur einmal sondern oft und in den verschiedensten Variationen. Bereits mit dem ersten Satz hat sich meine Ablehnung verflüchtigt und reine Neugier ist an deren Stelle getreten. Was bewegt einen Mann dazu, vom Tod der Frau zu träumen? Komischerweise stellt sich dieser Pepin, dieser Ehegattinnentraummörder, ein paar Seiten weiter als durchaus liebevoller, einfühlsamer und gedankentreuer Ehemann heraus. Ein Mann, der über seine Beziehung und seine Frau Alice nachdenkt und nach Chancen für ihre Beziehung sucht. Stärker hätte Adam Ross den Kontrast gar nicht einstellen können. Mein Interesse an David und nun auch an seiner Frau Alice wächst mit jedem Wort.

Die Erdnüsse

Als Alice, deren Hauptproblem eine ausufernde Fresssucht mit der üblichen Folge einer extremen Fettleibigkeit ist, stirbt dann tatsächlich an einem Allergieschock, herbeigeführt durch Erdnüsse. Ob sie diese jedoch selbst verschlang und ihrem kläglichen Dasein damit ein Ende setzen wollte, oder ob David ihr diese Erdnüsse zwangsweise verabreichte, um seine Träume endlich war zu machen, dies aufzuklären obliegt den beiden Kommissaren Hastroll und Sheppard.

Jenes Etwas

Ab hier fächert sich die Erzählung auf in die Geschichte David Pepins, Hastrolls und Sheppards. Denn auch die beiden Kommissare haben Eheprobleme und die sind keinesfalls gewöhnlich. So muss Hastroll mit seiner Frau Hannah leben, die entschieden hat, erst dann wieder aus dem Bett aufzustehen, wenn Hastroll endlich etwas begreift. Wobei sie dieses Etwas nicht weiter ausführt und somit ihren Mann auf eine lange Suche schickt. Was ihren Entschluss angeht, bleibt sie absolut konsequent und auch zahlreiche Tricks, die Hastroll sich neben seiner Arbeit als Mordkommissar einfallen lässt, locken sie nicht aus ihrem Bett hervor.

Endlosschleife

Dennoch bemühen sich Hastroll und Sheppard redlich, den Fall Alice Pepin aufzuklären. Dabei tappen sie jedoch solange im Dunkeln, bis Sheppard einen Dritten im Bunde ausmacht. Es handelt sich um eine gnomenhafte Figur mit Namen Möbius. Sheppard riecht förmlich, dass dieser Möbius den Schlüssel zur Aufklärung in seiner klauenartigen Hand hält und lässt sich daher auch auf die von ihm gestellten Bedingungen ein. Bevor Sheppard ihn verhören kann, muss er sich selbst den zahlreichen Fragen dieses Möbius stellen. Und diese zielen alle darauf ab, den Mord an – diesmal – Sheppards Frau Marylin aufzuklären.

Den Bock zum Gärtner machen

Diese wurde nämlich eines Nachts auf bestialische Art umgebracht. In ihrem Bett. Und Sheppard, seinerzeit noch praktizierender Arzt in der Klinik seines Vaters, wurde dieser Tat angeklagt und verurteilt. Nach zehn Jahren Haft jedoch wurde das Urteil aufgehoben und Sheppard wieder freigelassen. Die Frage danach, wie so einer dann plötzlich Detective sein kann, kommt durchaus bei mir auf. Allerdings verliert sie ihre Relevanz vollständig, überlagert von der kriminaltechnisch hervorragenden Geschichte, die Möbius Stück für Stück aus Sheppard herausholt. Dabei hat Adam Ross keinerlei Problem damit, die klassische Verhörsituation so umzukehren, dass der Verdächtige des eigentlichen Mordfalls den Kommissar zu einem ganz anderen Mordfall befragt.

Ein Buch wie ein Bild

Mittlerweile habe ich schon weit mehr als die Hälfte des Buches gelesen und weiß noch immer nicht genau, welche Geschichte Adam Ross in Mister Peanut eigentlich erzählt. Diese Frage erschließt sich mir auch nach der letzten Seite noch nicht, und als mein Mann mich fragt, wie denn dieses Buch ist, fällt mir nach einigem Überlegen als Antwort ein: „Wie ein Bild von M.C. Escher“ – womit ich mir natürlich ein verständnisloses Stirnrunzeln einfange. Aber so ist dieses Buch tatsächlich: Adam Ross spielt meisterhaft mit Perspektiven, verschachtelt den Handlungsaufbau und setzt den Spannungsbogen immer wieder neu an. Im Übrigen macht er auch keinen Hehl daraus, dass dieser Escher ihn inspiriert. Und auch in Bezug auf seine kriminaltechnische Ader verheimlicht er seine Quelle nicht: Es ist Alfred Hitchcock, dem seine Bewunderung gebührt.

Fiktion aus Wahrheit

Überhaupt hat Adam Ross diese dreizehn Jahre Manuskriptarbeit genutzt, um Mister Peanut aus verschiedenen Ressourcen zusammenzusetzen. Denn der Mordfall mit Sam Sheppard beruht auf einer wahren Tatsache, ebenso wie der letztlich unaufgeklärte Tod von Alice Pepin, der in seiner eigenen Familie genau so passierte. Auch hier handelt es sich demnach um einen Roman, der von durchaus wahren Begebenheiten inspiriert ist. Der Autor fungiert als ordnende Instanz, die den Geschehnissen einen Handlungsrahmen gibt, sie szenisch umsetzt und mit Sprache füllt. Auch Letzteres fällt Adam Ross leicht:

„…..Sie füllte die Badewanne komplett aus. Ihre Oberarme quollen über den Rand wie Delfinflossen, ihre Brüste trieben im Wasser wie Zwillingsinseln. Sie hatte ein wunderschönes Gesicht, langes, seidiges, kastanienbraunes Haar und märchenhafte haselnussbraune Augen. Leider war sie korpulent, aber David hatte, obwohl er wusste, wie schwer sie an ihrem Gewicht zu tragen hatte, kein Mitleid mit ihr. Ihr Spitzenwert hatte im vergangenen Jahr bei einhundertdreißig Kilogramm gelegen. Sie hatte eine Digitalwaage mit leuchtend roten Ziffern angeschafft (auf Anweisung ihres Arztes) und wog sich nun morgens direkt nach dem Aufstehen. Wenn sie dabei zwischen ihre Füße starrte, hingen ihr die Haare übers Gesicht.

„Ich wünschte, ich wäre tot“, sagte sie.

David wünschte ihr Schlankheit, damit sie glücklich wurde, für sich selbst aber wünschte er, sie bliebe dick. Er liebte ihre gigantischen Ausmaße, er liebte es, sich an diesem Berg von einem Arsch festzuklammern. Wenn er sie von hinten nahm, kam er sich vor wie ein lüsterner Gulliver bei den Brobdingnags. Es war die Unverhältnismäßigkeit ihrer beider Proportionen, die ihn so erregte. Er schloss die Augen und übertrieb ihre Ausmaße noch, machte sich selbst ganz klein. Er hielt sich mit ausgestreckten Armen fest und stieß zu, gierig nach Leben, Leben, Leben. Sie war nicht länger seine Frau, sondern ein riesiges Weibchen, ein überdimensionales Sextier; seines, um es zu vögeln, zu hegen und zu pflegen……“

(Zitat aus Mister Peanut von Adam Ross)

Kreative Schreibtechniken

Nicht nur von Schreibstil her ist Mister Peanut an vielen Stellen ein Vorbild für das Kreative Schreiben, wenn auch nicht unbedingt der Schwerpunkt darauf liegt. Bemerkenswert an diesem Buch finde ich das mehrfache Ansetzen eines Spannungsbogens – Adam Ross benutzt ihn wie ein Werkzeug und setzt sich somit über die landläufige Ansicht hinweg, ein Roman müsse einem einzigen Spannungsbogen folgen. Dabei lässt er die Endpunkte im freien Raum schweben, was so weit geht, dass er mir als Leserin sogar verschiedene Fassungen für das Ende der Geschichte anbietet. Die von ihm gezeichneten Charaktere besitzen scharfe Konturen und besonders bei den Männern gewährt der Autor tiefe Einblicke ins Gefühlsleben.

Nachschlag

Ihnen ist sicher nicht entgangen, wie begeistert ich von Mister Peanut, dem Erstlingswerk von Adam Ross, bin. Der Autor hat sich viel Zeit gelassen, um die in seinem Roman angesprochenen Themen gründlich zu behandeln. Dies im Zusammenspiel mit seiner Furchtlosigkeit vor Wahrheit und Ehrlichkeit und einem genauen Blick für Gefühle führt zu Erkenntnissen, welche die Dinge tatsächlich auf den Punkt bringen.

Zum Beispiel habe ich in Mister Peanut endlich mal die Antwort darauf gefunden, warum schwangere Frauen so glücklich sind:

„…Man fühlt sich, als sei man was Besonderes“, sagt sie. „Anders kann ich es nicht beschreiben. Aber es war, als wäre die Welt ein besserer Ort. Ich hatte etwas in mir, das mich lebendiger gemacht hat……“

(Zitat aus Mister Peanut von Adam Ross)

Und zu guter Letzt noch eine wichtige Weisheit, die ich darin gefunden habe. Sie stammt von Sheppards Vater:

„…..weißt du“, sagt sein Vater schließlich, „im Alter hat sich meine Vorstellung von Sünde verändert. Früher dachte ich, eine Sünde wäre etwas, das man tut, aber heute sehe ich das anders.“

Sein Vater würde es ihm erklären, egal, ob er es hören wollte oder nicht.

„Ich glaube inzwischen, wir sündigen durch Unterlassung“, sagte er.

(Zitat aus Mister Peanut von Adam Ross)

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Zur Website von Adam Ross. 

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