A Liter of Light

Die Müllkippe streckte sich mit ihren Hügeln und Bergen der Mittagssonne entgegen. Vor dem gärigen Gestank, der um diese Tageszeit jeden Millimeter Luft einnahm, schützte sich Hang Luan mit dem Fetzen eines durchlöcherten Sommerkleids project planning and management. Es war wohl mal ein hübsches Modell gewesen, grün mit gelben Linien darauf. Jetzt haftete der Dreck von Abfällen daran.

HangLuan hatte sich auf den höchsten Punkt hinaufgekämpft. Immer wieder war er auf dem unbefestigten Abfall gestolpert, manchmal auch knietief eingesunken. Aber jetzt hatte er es geschafft und blinzelte gegen die Sonne. So weit er blickte, breitete sich diese bunt gesprenkelte Landschaft um ihn herum aus. Nahezu jeder Farbton war vorhanden in den Resten von Verpackungen, den Überbleibseln von Möbelstücken und sonstigen Gegenständen, die in diesem Meer aus Müll landeten. Dazwischen wuselten etliche seiner Kollegen herum, um auch heute wieder ein Stück Überleben zu finden.

Heute war einer dieser Tage, an dem er eigentlich nichts brauchte. Die Woche hatte sich sammeltechnisch äußerst erfolgreich gestaltet und er hätte sich durchaus mal einen Tag Müllpause gönnen können. Jedoch trieb ihn die Suche nach etwas Speziellem, etwas Seltenem hierher. Denn Hang Luan liebte Bücher. Wann immer er Zeit hatte, suchte er nach diesen gebundenen Papierschätzen und sein kleines Regal neben dem Bett zierten schon mehrere Exemplare. Mit seiner rostigen Eisenstange, die ursprünglich mal einen Zaun gehalten hatte, stocherte er in dem losen Gefüge herum, deckte auf und brachte nach oben, was andere Menschen nicht mehr sehen und haben wollten. Aber das Glück hatte er offenbar zu Hause vergessen, denn er fand keinen einzigen Einband, der eine Geschichte zusammenhielt.

Zu Hause, dachte er missmutig. Im Grunde hatte es gar keinen Sinn, ein Buch zu finden, denn seine Hütte hatte nur eine schmale Eingangstür aus mehreren Lagen Pappkarton, die er alle paar Wochen erneuern musste. Für ein Fenster fehlte es nicht nur an Material sondern auch an Platz. So umfing ihn jedes Mal tiefe Dunkelheit, wenn er sein Heim betrat. Die Schwärze der Nacht lebte als Mitbewohner in fast jeder dieser Hütten. Und im Grunde brauchte er auch gar kein Buch, dachte er mürrisch, wo er es doch selbst am Tage nicht in aller Ruhe lesen konnte.

Wie sich sein Geist so mit diesem Frust trübte und sein Körper unter der Hitze ächzte, fiel sein Blick auf etwas Funkelndes, das so hell leuchtete, wie ein faustgroßer Diamant. Einen Diamanten hatte er zwar noch nie gesehen, aber gehört hatte er davon. Als er sich diesem Lichtpunkt näherte, erlosch er jedoch wie eine Lampe, die jemand ausgeknipst hatte. Hang Luan fehlte dafür jede Erklärung. Er stakste vorsichtig wieder an den Punkt zurück, von dem aus der das Funkeln gesehen hatte. Er war leicht zu merken, weil genau dort die Pfoten eines verwesten Hundes in die Höhe ragten. Und siehe da, von dort aus konnte er diesen Lichtpunkt wieder ausmachen. Daneben lag zum Glück etwas Rotes, wahrscheinlich ein alter Polsterbezug. Nun steuerte er geradewegs darauf zu und machte eine fast volle Wasserflasche aus, die halb aus dem Müllmeer herauslugte.

Sollte es denn wirklich so einfach sein, fragte er sich, von erstem Lachen geschüttelt, das immer lauter und heftiger aus ihm hervorbrach. Einige seiner Kollegen drehten sich bereits nach ihm um. Hang Luan zog die ein Liter Plastikflasche heraus und hob sie wie einen Pokal in die Höhe. „Jetzt ist er übergeschnappt“, waren sich seine Kollegen einig. Und in gewisser Weise hatten sie damit auch recht, denn in Hang Luan war eine Idee gefahren, die sich als Vision in ihm ausbreitete und ihn vollständig vereinnahmte:

 

Zum Projekt A Liter of Light.

 Zum Artikel, der mich dorthin brachte.

 

 

 

 

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