Kreative Schreibtechniken: Empfindungen spürbar machen

Ein Ziel des kreativen Schreibstils ist es, die Leser möglichst tief in das Geschehen hineinzuziehen und darüber emotionale Nähe aufzubauen. Je bildhafter sich die Szenen entfalten, umso erlebbarer ist eine Geschichte und umso unvergesslicher bleibt sie für die Leser. Im Folgenden schauen wir uns diese Technik anhand eines Beispiels genau an und bearbeiten die folgende Sequenz: „Das Thermometer zeigte 43 Grad Celsius an und ihr war heiß.“  Im Sinne des kreativen Schreibens müssen die Leser bei einer solchen Aussage ins Schwitzen geraten. Sie müssen die Hitze bestenfalls körperlich spüren. Aber wie kann ein Autor das erreichen?

Schritt 1 – Ein passendes Adjektiv/Adverb

Im Gegensatz zu vielen anderen Schreibtheorien ist das Adjektiv/Adverb beim kreativen Schreibstil keineswegs verpönt. Im Gegenteil: Richtig gewählt kommt ihm eine wichtige Rolle als Beitrag zur Bildhaftigkeit zu. In dem Beispiel können etliche Adverbien diesen Beitrag leisten:

„Das Thermometer zeigte 43 Grad Celsius an und ihr war furchtbar/ extrem/ unerträglich/ irrsinnig/ ätzend etc. heiß.“  

Die Wahl der richtigen Ergänzung ergibt sich aus dem Jargon, in dem die Geschichte verfasst ist oder auch aus dem Charakter der Person, die Hitze empfindet. Ich entscheide mich hier einfach mal für diese Variante:

„Das Thermometer zeigte 43 Grad Celsius an und ihr war unerträglich heiß.“  

Das Beiwort „unerträglich“ löst bei Lesern sofort eine Assoziation aus, die freilich individuell verschieden ist, jedoch immer ein unerwünschtes oder lästiges Gefühl weckt. Allerdings gelingt es dadurch noch lange nicht, den Lesern den Schweiß auf die Stirn zu treiben, und das ist ja unser Ziel.

Schritt 2 – ACTION!!!

Um dies zu erreichen, müssen wir den Leser aktiv in das Geschehen einbeziehen, indem wir seine Sinne ansprechen. Zum Beispiel könnten wir ihn das Thermometer sehen lassen, und ihm nicht einfach nur sagen, wie viel Grad es anzeigt:

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß.“  

Jetzt haben wir es erreicht, dass der Leser das Thermometer sieht. Darüber hinaus haben wir die Situation verschärft, indem es sich ganz deutlich um die Temperatur im Schatten handelt. Da wir immer in Gegensätzen denken, assoziieren die Leser zu „Schatten“ auch automatisch „Sonne“. Das heißt, die Leser sehen die Sonne, ohne dass wir diese überhaupt erwähnen. Damit sind schon mal gute Voraussetzungen für des Lesers Schwitzbad geschaffen.

Schritt 3 – Vergleichen

 Jedoch müssen wir dafür zunächst einmal das Schwitzen ins Spiel bringen. Zum Beispiel so:

 „Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß und der Schweiß lief in Strömen an ihrem Körper hinunter.“  

Damit werden wir allerdings nichts bis wenig erreichen. Diese Beschreibung ist so plump und banal, so bekannt und gewöhnlich, dass sie die Leser kaum erreichen wird. Ein solches Bild ist quasi zum Überlesen prädestiniert. Da müssen wir uns schon etwas tiefer Gehendes einfallen lassen. Etwas, das den Leser überrascht, ihn wachrüttelt oder zumindest seine Aufmerksamkeit weckt.

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß. Das geblümte, fast schon unverschämt weit ausgeschnittene Kleid klebte an ihr, wie ein nasser Lappen im Spülbecken. Immer wieder griff sie nach den Taschentüchern und tupfte sich vorsichtig das Gesicht ab, wobei sie darauf achtete, ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up so wenig wie möglich zu verschmieren.“

Jetzt können die Leser diese schwitzende Frau vor sich sehen. Das Bild entsteht unwillkürlich vor ihrem inneren Auge, und dies, ohne dass wir das Wort „schwitzen“ überhaupt erwähnt haben! Und wahrscheinlich sehen sogar einige Leser noch viel mehr: das vor Hitze gerötete Gesicht, die gequälte Mimik, die körperlichen Rundungen und so fort. Dennoch sitzen die Leser noch immer trocken in ihrem Sessel. Vielleicht ist ihnen schon ein wenig warm geworden, aber vom echten Schwitzen sind sie noch weit entfernt.

Schritt 4 – Assoziationen wecken

Es führt also kein Weg daran vorbei, im Leser den Gedanken an eine Situation zu wecken, die ihn schwitzen lässt. Das könnte so aussehen:

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß. Das geblümte, fast schon unverschämt weit ausgeschnittene Kleid klebte an ihr, wie ein nasser Lappen im Spülbecken. Immer wieder griff sie nach den Taschentüchern und tupfte sich vorsichtig das Gesicht ab, wobei sie darauf achtete, ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up so wenig wie möglich zu verschmieren. Sie kam sich vor wie nach einem langen Tennismatch in der Mittagssonne.“  

Schön und gut, aber wie viele Leser haben so ein Tennismatch in der Mittagssonne schon erlebt? Suchen wir also lieber mal nach einer gängigeren Assoziation. Zum Beispiel:

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß. Das geblümte, fast schon unverschämt weit ausgeschnittene Kleid klebte an ihr, wie ein nasser Lappen im Spülbecken. Immer wieder griff sie nach den Taschentüchern und tupfte sich vorsichtig das Gesicht ab, wobei sie darauf achtete, ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up so wenig wie möglich zu verschmieren. Sie kam sich vor wie ein aufgespießtes Hähnchen im Grill, so als würde eine Gasflamme auf sie einbrennen und kross braten.“  

Hier können wir davon ausgehen, die meisten der Leser haben schon mal ein Brathühnchen gekauft und die Hitze eines solchen Ofens gespürt. Durch diesen Vergleich ergeben sich gute Chancen für erste Schweißperlen auf des Lesers Stirn.

Schritt 5 – Noch einen draufsetzen

Sicherheitshalber sollten wir die Situation noch ergreifender aufzeigen. Wir sollten den Lesern noch einen weiteren Eindruck anbieten, der sie ins Schwitzen bringt. Versuchen wir es mal so:

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß. Das geblümte, fast schon unverschämt weit ausgeschnittene Kleid klebte an ihr, wie ein nasser Lappen im Spülbecken. Immer wieder griff sie nach den Taschentüchern und tupfte sich vorsichtig das Gesicht ab, wobei sie darauf achtete, ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up so wenig wie möglich zu verschmieren. Sie kam sich vor wie ein aufgespießtes Hähnchen im Grill, so als würde eine Gasflamme auf sie einbrennen und kross braten. Um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen, hielt sie das Glas Cola, in dem dicke Eisklötze badeten, mit beiden Händen fest umschlossen. Allerdings war der Effekt nicht der, den sie sich erhofft hatte: Ihre Hitze ließ die Eiswürfel so schnell schmelzen, wie das Polareis im Klimawandel.“  

Womit wir einen klassischen Fehler begehen würden. Da haben wir die Leser so schön hineingezogen in die Assoziationswelt der Hitze und nun schicken wir sie aufs Eis! Wir wecken das Empfinden von Kälte, anstatt die Hitze zu verstärken. Suchen wir also lieber nach Bildern, die dies ermöglichen, zum Beispiel Wüste, Wollkleidung, Sonne und ähnliches. Das könnte sich so lesen:

„Das Thermometer hing im Schatten der Fensterlaibung und kletterte munter auf die Ziffer 43 zu. Ihr war unerträglich heiß. Das geblümte, fast schon unverschämt weit ausgeschnittene Kleid klebte an ihr, wie ein nasser Lappen im Spülbecken. Immer wieder griff sie nach den Taschentüchern und tupfte sich vorsichtig das Gesicht ab, wobei sie darauf achtete, ihr sorgfältig aufgetragenes Make-up so wenig wie möglich zu verschmieren. Sie kam sich vor wie ein aufgespießtes Hähnchen im Grill, so als würde eine Gasflamme auf sie einbrennen und kross braten. Die gnadenlos sengende Sonne ließ die Luft flimmern und ihr Umfeld wie eine Fata Morgana erscheinen. Unwillkürlich dachte sie an Beduinen, die einem solchen Wetter eingemummt in schwarzer Wollkleidung begegneten. Bei dieser Vorstellung japste sie nach Luft. “  

Fazit

Um eine Geschichte ergreifend zu erzählen, müssen wir uns als Autor schon einige Mühe machen. Es reicht nicht, den Lesern etwas vorzusetzen, was sie glauben soll. Wollen wir Geschichten erzählen, die den Lesern im Gedächtnis bleiben, müssen wir sie daran teilhaben lassen. Das, was wir schreiben, muss Gefühle im Leser auslösen und das können wir am besten durch einen kreativen Schreibstil erreichen.

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2 Antworten auf „Kreative Schreibtechniken: Empfindungen spürbar machen“

  1. Hallo,

    dass beim kreativen Schreiben Adjektive und Adverbien nicht verpönt sind, stimmt so nicht. Auch beim kreativen Schreiben kommt es aufs Verfassen von literarischen Texten an, und auch dort darf welche schreiben, wenn sie angebracht sind.

    Herzliche Grüße

    Jutta

    1. Hallo Jutta,

      da waren Sie wohl etwas schnell – sowohl beim Lesen des Beitrags als auch beim Schreiben Ihres Kommentars. Hier steht ja genau das: Die Adjektivve müssen passend respektive richtig gewählt sein. Oder wollten Sie auf diese Weise mal schnell auf Ihre eigene Schreibwerkstatt aufmerksam machen? Ich habe gleich mal reingeschaut, muss Ihnen jedoch sagen, Ihre Beiträge sind sehr unübersichtlich und lang, auch wenn ich die Themen durchaus ansprechend finde.

      Viele Grüsse,
      Stephanie

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