Kapital von John Lanchester

Der Titel Kapital hört sich nach einem zeitgemäßen Sachbuch an, ist es doch eines der Themen, die unser Leben derzeit so gravierend bestimmen. Die Einflüsse des Kapitals spüren wir an so vielen Stellen, lesen davon in so vielen Berichten, sehen sein Antlitz in so vielen Bereichen – mal unschuldig verkleidet, mal in seiner wahren, äußerst hässlichen Gestalt. Der Autor John Lanchester hat das Kapital zu einem Romanstoff verwoben, der immerhin knapp 700 Seiten lang geworden ist. Er hat dafür farbige Fäden gewählt, an manchen Stellen ein tiefes Grau eingeflochten, jedoch insgesamt eine durchaus unterhaltsame Qualität hervorgebracht.

Pepys Road

Schauplatz ist die Pepys Road in London, eine Straße, in der ausschließlich alle Hausbesitzer auch gleichzeitig Millionäre sind. Sie liegt mitten in London und der Wert der Immobilien auf diesem begehrten Pflaster liegt bei rund 2,5 Millionen Pfund. Seinerzeit baute man die schmucken Häuser für Familien aus der unteren Mittelschicht. Heute wohnen dort allerlei Reiche und auch Boni-Reiter, die sich im Dunkeln in die City aufmachen und im Dunkeln in die Pepys Road zurückkehren, freilich mit einigen Dukaten mehr im Säckl. Kapital erzählt die Geschichte verschiedener Menschen, die dort leben.

Die Younts

Da ist dieser Roger Younts, der dort mit seiner Luxus-Lady Arabella und den zwei Söhnen wohnt. Ich lerne ihn kennen als Abteilungsleiter der Wertpapierabteilung von Pinker Lloyd und in dem Moment, wo er sich seinen Boni für 2007 ausrechnet. Er hofft auf über eine Millionen, die er auch dringend braucht, weil Arabella, nun ja, keinerlei Beziehung zu Geld hat und es mit vollen Händen ausgibt. Der Boni-Scheck, den er von seinem Vorgesetztem schließlich erhält, ist eine herbe Enttäuschung und bringt gewisse Änderungen im Leben der Younts mit sich.

Petunia Howe und Smitty

Mrs Howe ist die älteste Bewohnerin dieser Straße. Sie wurde dort geboren, wuchs dort auf, und stirbt dort auch an einem Gehirntumor. Bis zur letzten Minute pflegt ihre Tochter Mary sie und auch ihr Enkel Smitty schaut immer mal vorbei. Ansonsten ist er ziemlich beschäftigt mit seinem erfolgreichen Leben als Künstler.

Quentina

Diese Frau aus Zimbabwe ist ganz klar die unbeliebteste Person in der Pepys Road, verdient sie doch ein wenig Geld als Politesse. Eigentlich darf sie das gar nicht, denn sie wartet auf das Ergebnis ihres Antrages um Asyl. Es kommt der Tag, an dem dieser abgelehnt wird und sie nie wieder die Pepys Road betreten wird. Qunetina geht überhaupt nirgends mehr hin, ist sie doch nun eingesperrt in Abschiebehaft – eine richtig miese Angelegenheit, wie ich lesen muss.

Die Kamals

Die drei Brüder pakistanischer Abstammung betreiben einen Laden auf der Pepys Road und haben sich in London bestens eingelebt. Aber leider rücken die Jahre an, in denen sich viel zu viele Moslems allein durch ihre Religionszugehörigkeit verdächtig machen. Suchen sie dann auch noch einen bestimmten Namen im Internet, den ich hier lieber nicht aufschreibe (sonst habe ich am Ende auch noch die Men in Black am Hals!), geraten sie in die Fänge der erbarmungslosen Überwachungsmaßnahmen und landen nicht selten in sehr üblen Verhörsituationen. Hat man in einem solchen Fall nicht so eine Mutter, wie die Kamals, dann kann durchaus Schlimmstes passieren.

Zbigniew

Keine Ahnung, wie man diesen Namen ausspricht. Zbigniew ist Pole und schuftet in London, um seinen Eltern ein angenehmes Leben im Alter zu ermöglichen. Er verdient sein Geld mit Renovierungen und kommt auf diesem Wege in die Pepys Road. Sein Geschäft läuft recht gut, weniger gut ist es allerdings um seine Beziehung bestellt. Bis er schließlich Matia kennenlernt, das ungarische Kindermädchen der Younts, und nur durch sie eine halbe Millionen Pfund verliert. Ein Menge Kapital – und trotzdem ist die Begegnung ein Glücksfall.

Gemeinsamkeiten

Der Autor John Lanchester eint in Kapital all diese unterschiedlichen Charaktere durch eine einzige Aktion: WIR WOLLEN WAS IHR HABT! Eine Postkarte mit einem Foto des jeweiligen Hauses auf der Vorderseite und diesem Spruch auf der Rückseite, liegt in unregelmäßigem Abstand in jedem Briefkasten der Pepys Road. Ein rätselhaftes Geschehen, das die Bewohner mehr und mehr beunruhigt. Schließlich muss sich Inspektor Mill darum kümmern, was seine unglaublich langweilige Routinearbeit bei der Polizei zumindest ein wenig auflockert.

Kapital

„….. Es gehörte zu den Gesetzen der Branche, dass man kein Geld verdienen konnte, ohne Risiken einzugehen, aber dank der Wunder der modernen Finanzinstrumente konnte man dieses Risiko fast gänzlich ausschalten. Und natürlich tat die Bank alles nur irgend Mögliche, um sich selbst zu helfen. Ein Teil des Handels war algorithmisch, was hieß, dass seine Basis rein mathematischer Natur war und er so konfiguriert wurde, dass er von der Eigendynamik der Preisentwicklung profitierte: Wenn die Preise sich in eine bestimmte Richtung bewegten, dann war es mehr als wahrscheinlich, dass sie am nächsten Tag dasselbe tun würden. Also benutzten manche Händler in der Abteilung eine Software, mithilfe derer man aus genau diesem Phänomen Profit schlagen konnte. Ein Teil der Handelsgeschäfte bestand aus dem sogenannten Flash Trading, bei dem man seinen Profit aus dem Bruchteil einer Sekunde schlug, der zwischen dem Platzieren eines Gebots an den Märkten und der tatsächlichen Auftragsausführung lag…….“

(Zitat aus Kapital von John Lanchester)

Kreative Schreibtechniken

Solche Dinge erfahre ich also in dem Roman Kapital: Flash Trading. Da wundert mich gar nichts mehr! John Lanchesters Stil ist geprägt von einer klaren Sprache, die immer auf den Kern der Dinge zielt. So fabuliert er über das Leben in der Pepys Road und schafft es, die Charaktere liebenswert und unvergesslich zu schildern. Er wirft einen sehr genauen Blick auf die Menschen und deren Kontext, betrachtet ihre Verhaltensweisen nüchtern und frei von Urteilen. Das alles lässt Kapital zu einer unterhaltsamen Erzählung werden. Das Eintauchen in die Geschehnisse fällt leicht, und ehe ich mich versehe, sind die 700 Seiten einfach so weggelesen. Aber auch wenn das Buch vom Aufbau her durchaus kreativ angelegt ist, bedient sich der Autor nur sehr bedingt des kreativen Schreibstils. Ein Bild der Pepys Road habe ich erst bekommen, als ich mir die Bilder bei Google anschaute. Viele Charaktere bleiben ohne Aussehen, nirgends kann ich etwas riechen, hören, schmecken oder fühlen. Und das mitten in London oder am Tisch voll mit Spezialitäten aus Pakistan. Der Einsatz von mehr Werkzeugen des Kreativen Schreibens hätte das Kapital aus meiner Sicht noch wertvoller gemacht.

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 Der Autor von  Kapital John Lanchester bei Wikipedia

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