Jenseits der Untiefen von Favel Parrett

Jenseits der Untiefen ist keine schöne Geschichte. Aber es ist eine gelungene Erzählung und ein tolles Buch. Ausnahmsweise gebe ich der vor Lob triefenden Kritik aus der Sunday Times recht: „Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch lesen, dann lesen Sie dieses“. Die 1974 geborene Autorin Favel Parrett legt mit diesem Roman, der bereits 2011 in Australien erschien, ein eigenwilliges Debüt hin. Sie erzählt von den Brüdern Joe, Miles und Harry, die in Australien leben und ans Meer gefesselt sind.

Nach Abalonen tauchen

Der vom Ozean und Pazifik umgebene Kontinent stellt letztendlich eine riesige Insel dar, weshalb es kein Wunder ist, wenn das Meer mit den dort lebenden Menschen in enger Verbindung steht. Viele leben sogar davon. So auch die Familie dieser drei Brüder. Der Vater verdient sein Geld mit dem Fang von Abalonen und fährt Tag für Tag noch im Dunkeln hinaus zu den Riffs, um in deren Spalten und Vorsprüngen danach zu tauchen. Was so weit nicht schlecht klingt, bedeutet für Miles jedoch das pure Grauen.

Harte Jugend

Wie alt dieser Junge ist, lässt sich nur erraten. Favel Parrett gibt sich nicht mit Zahlen ab, dafür ist sie der sprachlichen Poesie viel zu mächtig. Ich schätze ihn auf etwa fünfzehn – gerade alt genug, um seinen Vater tatkräftig unterstützen zu können, auch wenn er das eigentlich nicht sollte. Statt vormittags in die Schule zu gehen und nachmittags Zeit zu haben, sich selbst beim Erwachsen werden zu entdecken, muss Miles mit aufs Boot und den Härten des winterlichen australischen Klimas trotzen.

Fieser Vater

Und dann ist da noch sein kleiner Bruder Harry, um den er sich kümmern muss. Zum Glück leidet dieser unter starker Seekrankheit, sodass er zuhause bleiben darf. Denn Skrupel hätte der Vater ganz sicher nicht, auch den Kleinen in die Arbeit einzuspannen. Dad ist nämlich ein richtiges Arschloch. Ein Prolet. Ein Säufer. So obliegt es Miles, für Harry zu sorgen, denn Mum kam bei einem Autounfall ums Leben. Und der älteste Bruder Joe suchte bereits mit dreizehn Jahren das Weite. Das einzige, was als Verbindung zu seinen Brüdern bleibt, ist das Wellenreiten.

Altes Thema

Auf der Grundlage dieses mutterlosen Daseins, das bereits viele Bücher zu einer einnehmenden und unvergesslichen Lektüre gemacht hat, entwickelt Favel Parrett ihr Jenseits des Untiefen. Es ist eine jener Geschichten, die ans Herz geht, nicht zuletzt deshalb, weil es um Grausamkeiten gegen unschuldige Wesen geht. Da ist zum Beispiel die Szene, in der Harry nachts aufs Klo muss und dafür das Wohnzimmer durchqueren muss, in dem sein Dad mit seinem Kumpel Jeff säuft. Miles ist sich des Risikos bewusst, das sein kleiner Bruder damit eingeht, und befindet sich als Beschützer in Alarmbereitschaft.

„…..

„Da ist er ja, der kleine Dummkopf.“ Das war Jeffs Stimme.

Miles öffnete die Tür einen Spalt. Er konnte nur Jeff sehen, der im Sessel saß, und Harrys Rücken. Dad musste auf dem Sofa sitzen.

„Nimm einen Schluck, Harry“, sagte Jeff.

Eine Colaflasche stand auf dem Kaffeetisch. Es gab nie Cola im Haus. Jeff musste sie mitgebracht haben.

„Na los. Nimm einen Schluck.“

Harry schien zu glauben, Jeff würde ihm ein Glas Cola anbieten, denn er sagte okay. Jeff nahm die Flasche Whisky, die neben seinem Stuhl stand, und goss ein. Das Glas war halb voll, als er es Harry gab.

„Ich dachte, Cola“, sagte Harry und wollte Jeff das Glas zurückgeben.

„Du wirst das verdammt noch mal trinken.“ Aber es war nicht Jeff, der das sagte. Es war Dad. Jeff lachte. Sei Gesicht war rot und glänzend, und er lachte.

„Trink das“, sagte Dad.

Harry nahm einen Schluck. Er hustete, während er versuchte, das Glas auf den Tisch zu stellen, aber Jeff stand auf und nahm Harry in den Schwitzkasten, legte seinen dicken Arm um Harrys Hals und presste ihn fest an sich. Und bevor Miles wusste, was er tat, hatte er schon die Tür aufgerissen und rannte ins Wohnzimmer. Er sah Dad an, der schwammig und verquollen aussah. Glasige Augen, die keine Hoffnung versprachen.

„Lass ihn los. Du sollst ihn in Ruhe lassen!“, sagte Miles.

„Ah, der andere Dummkopf.“ Jeff drehte sich zu Miles um und zerrte Harry mit sich. Er grinste, er mochte die Aufmerksamkeit. Harry konnte sich nicht bewegen. Seine Augen waren blutunterlaufen, Tränen liefen ihm über die Wangen. Jeff rammte ihm das Glas an die Lippen und zwang ihn, den Mund zu öffnen. Die Flüssigkeit rann hinein, und Harry würgte und rang nach Luft. Whisky tropfte ihm übers Kinn.

…..“

(Zitat aus Jenseits der Untiefen von Favel Parrett)

Diese Szene entwickelt sich mit äußerster Brutalität weiter. Nachdem Miles und Harry dieser Lage nicht nur seelisch verletzt entkommen, flüchten sie zu George, einem wunderlichen Außenseiter, mit dem Harry sich angefreundet hat. Anhand des Umfelds der Protagonisten gelingt es der Autorin Favel Parrett immer wieder, ein Stück Australien zu vermitteln: die Weite, die ungebändigte Natur dieses Landes und die daraus resultierende Eigenartigkeit seiner Bewohner. Über das Schicksal des kleinen Harry bestimmt am Ende das Meer.

Kreative Schreibtechniken

Der Erzählung Jenseits der Untiefen nur etwas mehr als zweihundert Seiten zu widmen, ist schade. Denn Favel Parrett ist mit Harry der großartige Entwurf eines unvergesslichen Charakters gelungen. Das Buch beginnt damit und ich behaupte, kein Leser kann sich der Nähe und Sympathie entziehen, die sie zu Harry auf den ersten Seiten aufbaut. Sein Wesen zieht sofort tief in die Geschichte hinein und ich werde diese Überraschungstüten von Cadbury niemals vergessen. Auch das Umfeld und die Stimmung in Jenseits der Untiefen laden zum Verweilen, zum besser Kennenlernen ein click here to find out more. Aber da die Autorin auf kreative Schreibtechniken verzichtet, entsteht kein Resonanzraum für die vielen Eindrücke, die dort schlummern. Die durchaus gelungene prosaische Sprache bietet dafür zu wenige Mittel an. Für meinen Geschmack hätte ich mir einen kreativen Schreibstil gewünscht, wodurch das Buch automatisch länger geworden wäre. So hätte ich dann auch länger als zwei Nachmittage mit Harry, Miles und Joe leben dürfen. Aber auch wenn Jenseits der Untiefen den Freunden des Kreativen Schreibens wenig zu bieten hat, ist es dennoch ein einzigartiges und unbedingt lesenswertes Buch.

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Zur Website von Favel Parrett

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