Jaume Cabré – Das Schweigen des Sammlers

Hätte meine Schwester mich gefragt, welches Buch ich mir zu Weihnachten wünsche, ich hätte mir ganz sicher nicht Das Schweigen des Sammlers von Jaume Cabré gewünscht. Denn einige Monate zuvor hatte ich sein Buch Senyoria schon nach etwa zehn Seiten kurzerhand in die Schublade der Lese-ich-nie-wieder-Bücher gesteckt. Auf die unerbittliche Grausamkeit des 18. Jahrhunderts wollte ich mich nicht einlassen. Und auch mein Weihnachtsgeschenk lege ich erst einmal auf den Stapel, bevor ich mich zum Lesen entscheide. Zunächst werfe ich einen Blick auf den Beileger aus festem Karton. Das wird anstrengend, denke ich in Anbetracht des Figurenverzeichnisses, das vom 14. bis ins 20. Jahrhundert reicht.

Hochbegabung und Intellektualität

Immerhin gibt der Autor den Geschehnissen annähernd 900 Seiten Raum, um sich entfalten zu können. Jaume Cabré erzählt die Geschichte von Adrià, dem Sohn eines Antiquitätenhändlers. Sein Leben ist eine Aneinanderreihung von tragischen Ereignissen, die eine kurze Zeit von der Liebe mit Sara erhellt sind. Es spielt sich ab in einem Ambiente von höchster Begabung und Intellektualität, das freilich an elitären Zügen nicht entbehrt.

Literatur als Balletttanz

Und genau das ist es, was mir persönlich an dem Buch nicht gefällt: Es handelt in einem Kontext, zu dem nur die wenigsten von uns Zutritt haben. Mich befremdet das, es wirkt so am wahren Leben vorbei erzählt. Dennoch besticht das Buch durch die virtuose Erzählkunst des Autors. Mühelos wie ein Balletttänzer verbindet er die Handlungsstränge, springt leichtfüßig durch die Jahrhunderte und dreht Pirouetten mit den Lebensgeschichten der einzelnen Charaktere. Das Verbindungsglied dabei bildet die Storioni, eine wertvolle Geige.

Bemerkenswerter  Stil

Wirklich fasziniert bin ich von seinen Zeitsprünge und Perspektivwechseln, die sogar innerhalb eines Satzes stattfinden. Ohne mich zu versehen, befinde ich mich plötzlich und völlig ahnungslos mitten im Geschehen einer anderen Person, einer anderen Epoche. Teilweise bewerkstelligt der Autor dies so spurlos, wie ein Magier.

„……Adrià verstand es als Einladung und streckte die Hand aus. Mein Vater schlug darauf und es tat sehr weh. Er sagte nicht einmal Finger weg. Er machte weiter mit seiner Lupe und sagte, wie kommt es, dass das Leben es dieser Tage so gut mit mir meint.

Japanischer Dolch für den weiblichen Selbstmord, rekapitulierte Adrià. Dann setzte er seinen Rundgang fort zu den Keramikgefäßen. Die Stiche und Handschriften hob er sich bis zuletzt auf, weil er vor ihnen den größten Respekt hatte.

„Wann kommst du uns helfen? Wir haben viel Arbeit.“

Adrià sah sich in dem Laden um und strahlte Cecília an: „Sobald Vater mich lässt.“

Sie setzte zu einer Antwort an, überlegte es sich aber anders, und einen Moment stand ihr Mund offen. Dann begannen ihre Augen zu glänzen, und sie sagte, komm, gib mir einen Kuss.

Und ich musste sie küssen, schließlich wollte ich keine Szene machen. Im vergangenen Jahr war ich noch unsterblich in sie verliebt gewesen, aber mittlerweile wurde mir die Küsserei lästig. Ich war zwar noch sehr jung, hatte jedoch die Phase tiefer Abneigung gegen Küsse bereits erreicht, die sonst erst mit zwölf oder dreizehn beginnt; in Nebensächlichkeiten war ich schon immer frühreif. Diese heftige Kussaversion dauerte von meinem achten oder neunten Lebensjahr bis……nun ja, du weißt, bis wann. Oder vielleicht weißt du es gar nicht. Übrigens, was meintest du damit, als du zum Lexikon-Vertreter sagtest, du hättest ein neues Leben begonnen?

Eine Weile beobachteten Adrià und Cecília die Passanten, die vorübergingen, ohne einen Blick ins Schaufenster zu werfen…….“

(Zitat aus Das Schweigen des Sammlers von Jaume Cabré)

Labyrinthische Erzählkunst

Manchmal jedoch fällt mir die Orientierung aufgrund dieses eigenwilligen Schreibstils schwer. Zumal das erzählerische Ich immer wieder direkt zu einer Person spricht, die lange im Dunkeln bleibt. Erst später stellt sich heraus, dass es seine große Liebe Sara anspricht. Auch die Orientierung an Satzzeichen verwehrt Jaume Cabré seinem Leser an vielen Stellen. Gesagtes steht nicht unbedingt in Anführungszeichen – ein abstrakter Umgang mit den Regeln der Orthografie, der durchaus eine hohe Schreibkunst darstellt. Kursiv geschriebene Passagen komplettieren das erzählerische Labyrinth, in dem ich an manchen Stellen leider den roten Faden verliere. Bei einer so komplexen Geschichte, die ein Rezensent als „titanisch“ bezeichnete, kann das halt schon mal passieren.

Diskriminierung hautnah

So richtig unter die Haut gehen mir jedoch Geschehnisse, die der Autor selbst vielleicht als Nebenhandlung bezeichnen würde. Wie der Name Sara schon vermuten lässt, handelt es sich um eine Jüdin. Auch ihre Lebensgeschichte nimmt Handlungsraum ein und ist gezeichnet von den Erfahrungen, die ihre jüdische Familie im Zweiten Weltkrieg machten. Welche Demütigungen sie hinnehmen mussten, die immer qualvoller wurden und bei der Mehrzahl in der Gaskammer endeten. Jaume Cabré schildert dies in seinem schonungslos harten Ton, der mich bei Senyoria so abschreckte.

Früher, jetzt und später

Er öffnet ebenfalls meinen Blick für die Antwort auf die Frage, wie so etwas überhaupt passieren kann. Und evoziert die Erkenntnis, mit welch banalen Strategien und Methoden wir Menschen uns zu Gräueltaten verführen lassen und auch noch glauben, diese hätten triftige und gute Gründe. In den Wochen, die ich mit dem Buch verlebe, betrachte ich die Nachrichten mit Argwohn und werde ein schreckliches Gefühl nicht los: Die damaligen Mechanismen haben sich nicht verändert und wir Menschen wahrscheinlich ebenfalls nicht. Auf die aktuellen Geschehnisse kann ich jetzt ein geschulteres Auge werfen. Denn ich will: Jetzt sehen, und nicht: Später weinen.

Das Buch und der Autor

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Website von Jaume Cabré

 

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