Hart auf hart von T.C. Boyle

Hart auf hart von T.C. Boyle lese ich sicherheitshalber zwei Mal hintereinander, bevor ich diese Rezension verfasse. Es kommt öfter vor, dass ich nach dem letzten Satz eines Boylschen Werkes gleich mit dem ersten wieder anfange. Bisher geschah das aber immer aus reiner Begeisterung für den jeweiligen Roman. Bei Hart auf hart gibt es dafür einen anderen Grund: Ratlosigkeit. Das neue Buch von T.C. Boyle ist für mich nicht rund.

Sten Stenson

Der erster Teil von Hart auf hart bereitet mir höchstes Vergnügen: Da ist er wieder, T.C. Boyle mit seinem zynischen Blick auf die Unstimmigkeiten dieser Welt; auf die Gesellschaft, in der wir leben. Einige Kreuzfahrtreisende, die eine Menge Geld für all die Annehmlichkeiten an Bord, fernab von den beängstigenden weltlichen Geschehnissen, hingeblättert haben, geraten auf einem Landausflug in eine bedrohliche Situation. Der pensionierte Schuldirektor und Vietnam Veteran Sten Stensen rettet sich und seine Mitreisenden, indem er einen der drei Aggressoren ungewollt tötet. Diese heldenhafte Tat bringt ihm eine Menge Publicity ein, mit der er jedoch nur schwer umgehen kann und die ihn bis in seinen Heimatort Mendocino verfolgt.

Sara Hovarty Jennings

Mit einem harten Schnitt, der jedoch leider kaum Spannung in sich trägt, springt Boyle ins Leben von Sara. Anfang vierzig, figurbewusst und systemfeindlich lebt sie allein mit ihrem Hund Kutya in einem gemieteten Holzhaus. Sie steht auf alles Ökologische und hat mit der Regierung oder ihren Handlangern keinen Vertrag. Daher ist sie auch nicht gewillt, der Polizistin Joanie Jerpback (ja, die Tochter von jenem Fiesling mit der verspiegelten Sonnenbrille aus Grün ist die Hoffnung!) bei einer Verkehrskontrolle ihre Papiere zu zeigen. DZN, Drohung Zwang und Nötigung, ist alles, was dieses Land für seine Bürger bereithält, so ihre Meinung. Für diese Verweigerung landet sie selbstverständlich, wenn auch nur kurzzeitig, in einer Zelle, und Kutya kommt in Quarantäne, da er nicht über die ordnungsgemäßen Impfungen verfügt. Beim ersten, legalen Versuch, ihn aus dem Tierheim herauszuholen, trifft sie auf Adam.

Adam Stenson alias Colter

Adam Stenson ist der Sohn des ehemaligen Schuldirektors und ganz schön daneben. Allerdings hat er eine ziemlich gute und durchtrainierte Figur und macht auch sonst ganz schön was her mit seinen zart bewimperten blauen Augen. Damit gewinnt er bei Sara sofort sämtliche Sympathien und weckt ihre erotischen Fantasien aufs Heftigste. Es dauert also keinen halben Tag, und schon liegen die beiden zusammen im Bett. Kutya, den Hund mit den Dreadlocks, haben sie erfolgreich, wenn auch nicht legal, aus dem Zwinger befreit und wahrscheinlich schläft er sich kräftig aus, während die beiden in den Federn toben. So agil Adam in sexueller Hinsicht ist, so wortkarg ist er insgesamt. Seinen richtigen Namen hat er schon lange abgelegt und nennt sich jetzt Colter, in Anlehnung an einen Trapper aus der Vergangenheit. Denn Adam sieht sich als Waldläufer, auch wenn sich seine Outdoortätigkeiten bisher weitgehend auf den Anbau von Opium beschränken. Erst als er seine Höhle – das kleine Waldhaus seiner verstorbenen Großmutter – verliert, zieht er sich ganz und gar in den Wald zurück. Und ehe er sich versieht, bringt er zwei Männer um. Von etlichen Polizeieinheiten gejagt, kann er sich hinreichend als Waldläufer beweisen. Bis ihn selbst die tödlichen Kugeln treffen.
Hier mal das Zitat der Passage unmittelbar nachdem Adam den ersten Mann erschossen hat. Sie vermittelt einen kurzen Eindruck von Adams geistigem Zustand.

„……Lange. Sehr lange. Er saß da, wo er gekniet hatte, und rauchte noch eine Pfeife. Das Eichhörnchen schimpfte weiter, und die Quelle pumpte Wasser heraus, als wollte sie nie mehr damit aufhören. Ein paar Moskitos kamen, und nach einer Weile erschienen auch einige Wespen und Schmeißfliegen und tanzten über der Leiche, die man vielleicht beerdigen sollte, vielleicht aber auch nicht. Colter hatte nie einen beerdigt, jedenfalls keinen Feind, und Fischauge war eindeutig ein Feind, auch wenn er aussah wie einer der Lehrer in der Schule. Was er dann aber schließlich tat, war, aufzustehen und sich die Leiche anzusehen, wie Colter es getan hätte, und für einen Moment erwog er, den Skalp zu nehmen, seinen ersten Skalp, verwarf den Gedanken aber wieder. Der Mann lag auf dem Rücken. Der erste Schuss hatte ihn in den Bauch getroffen, und im Zurückweichen hatte er sich anscheinend ein bisschen gedreht, und so war der zweite Schuss durch den Arm gegangen und in den Brustkorb gedrungen. Dort war ein Loch, allerdings war es nicht so groß wie das im Bauch. Sein T-Shirt – mit dem idiotischen Logo irgendeiner idiotischen Organisation – war sehr nass und sehr rot, so rot wie das Fahrrad, das an der Mauer hinter dem Haus gestanden hatte und einmal seins gewesen war. Seine Augen blickten ins Nichts. Und der Mund … der Mund brüllte eindeutig keine Kommandos oder Drohungen mehr. Trotzdem kam ihm die Sache irgendwie nicht richtig vor, und er sah ein helles, heftiges Leuchten von Farben, er sah, wie Dinge in ihre Bestandteile zerfielen und sich wieder zusammensetzen, nur ganz anders, vollkommen anders als zuvor, und er fühlte einen Schmerz, scharf und fordernd, einen Schmerz in seinem Bauch, und er dachte nicht lange nach, sondern ließ die Hose herunter, hockte sich hin und gab einen dünnflüssigen, stinkenden Schiss von sich……“
(Zitat aus Hart auf hart von T.C. Boyle)

Drei Protagonisten

Hart auf hart lebt also von insgesamt drei Protagonisten, die jedoch für T.C. Boyles schreiberisches Können allesamt unscharf bleiben. Die meiste Transparenz erreicht die Figur des Sten Stenson, der dem Verhalten seines Sohnes machtlos und vorallendingen völlig hilflos gegenübersteht. Innerhalb dieses Kontextes wirkt Sten Stenson überzeugend. Sara und Adam hingegen bleiben in vielen ihrer charakterlichen Facetten undurchschaubar. Warum diese Sara gegen die Staatsmacht so revoltiert, ist Boyle keine Erklärung wert. Dabei wäre genau dies eine Möglichkeit für mich als Leserin, Nähe zu dieser Frau aufzunehmen; sie kennenzulernen. Und die Figur Adam weist deutliche Züge von Schizophrenie auf, ohne dass jemals einer der vielen Psychologen und Ärzte, zu denen seine verzweifelten Eltern ihn geschickt haben, diese Diagnose stellt. Genau so unklar, wie seine Persönlichkeitsstörung bleibt, wirkt er auch als handelnde Figur auf mich.

Riesen Bestseller

Ganz ehrlich gesagt, für mein Empfinden hat T.C. Boyle den Roman Hart auf hart aus irgendeinem Grund ganz schön verzockt. Er selbst spricht im Buchtrailer von einem riesen Bestseller, denn die Waffenthematik sei höchst aktuell. Aus meiner Sicht gelingt es ihm mit Hart auf hart allerdings nicht, dieses Thema in den Fokus zu rücken. Hätte dieser Adam keine Waffen gehabt, dann hätte er wahrscheinlich, in alter Tradition dieses Colter, mit Pfeil und Bogen seine Widersacher bekämpft. Schuld am Tod der Menschen ist Adams Psyche und nicht seine Kampfausstattung.

Entwicklung zum Thriller

Weiterhin spricht Boyle davon, Hart auf hart würde sich zu einem spannenden Thriller entwickeln. Mal davon abgesehen, dass sich ein guter Thriller von der ersten bis letzten Buchseite aufbaut und sich demnach nicht dazu entwickeln kann, sondern eben in diesem Genre verfasst ist oder nicht, erkenne ich diese Entwicklung bei Hart auf hart nicht. Für einen Thriller fehlt die Spannung, sind zu wenige bis gar keine Ereignisse mit langer Hand vorbereitet, gibt es kein unaufgeklärtes Verbrechen, das den Leser auf eine falsche Fährte führt und, und, und.

Kreative Schreibtechniken

Auch in Hart auf hart wartet T.C. Boyle mit seinem kreativen Schreibstil auf und findet einmal mehr viele Metaphern und Vergleiche, die seine begnadete Inspiration zeigen. Hingegen lassen bei Hart auf hart der Handlungsverlauf und damit auch der Spannungsbogen viele Wünsche offen. Wie schon gesagt, sind auch die Charaktere nicht überzeugend gelungen, weil sie im negativen Sinne verschwommen bleiben. Mehr Tiefe und weniger Breite hätten dem Stoff, aus dem Hart auf hart gewoben ist, gut getan. Aber wer weiß, unter welchen Umständen Herr Boyle Hart auf hart verfasst hat. Da sind die Häuser von Frank Lloyd Wright, deren Unterhalt sicher nicht ganz billig ist. Und die Kinder werden auch immer älter, gehen vielleicht auf die Uni, gründen eine Familie oder gar eine Firma. Und dann ist da noch der Verlagsvertrag, der seinen Tribut zollt. Natürlich sind das alles nur Vermutungen meinerseits, denn irgendeine Entschuldigung brauche ich ja für dieses mäßige Machwerk meines erklärten Lieblingsautors. Im Übrigen hat T.C. Boyle schon mehrere Bücher verfasst, die ich nicht gelungen finde. Also freue ich mich ganz einfach auf sein nächstes Werk, das vielleicht wieder in die Tiefe, statt in die Breite gehen wird.

P.S.

Mit heutigem Stand befindet sich Hart auf hart auf Platz 30 der Top 100 von Amazon. Insgesamt sechs Rezensionen mit je 5 Sternen sind dazu bisher erschienen. Und alle singen sie das Marketinglied des Verlags in leicht veränderter Tonlage….

 

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.