Grenzgang von Stephan Thome

Zunächst gefällt mir, was ich lese. Der Autor Stephan Thome holt mich mit seinem ersten Satz in einen traumhaft schönen Garten bei Sonnenaufgang. Freude steigt in mir auf im Hinblick auf die vielen Seiten Grenzgang, die nun vor mir liegen. Wer hätte bei diesem schönen Anfang an ein quälendes Ende gedacht, das mich zu etwas veranlasst, was ich wirklich sehr selten mache: Die letzten Seiten lasse ich einfach weg; ich schließe das Buch, ohne das Ende zu kennen. Eigentlich ein Unding. Wie kann es denn dazu nur kommen?

Der Grenzgang?

Die Geschichte der Begegnung von Kerstin und Thomas ist eingeklammert von den Feierlichkeiten des Grenzgangs, ein Fest, das alle sieben Jahre stattfindet und das ich als Leser mehrere Male mitfeiern muss. Und dies, obwohl es gerade die Essenz der Tradition ist, dass diese Feierlichkeiten immer gleich ablaufen. Langeweile, besonders für Aussenstehende, ist also geradezu vorprogrammiert, wenn es dem Autor nicht gelingt, bestimmte Akzente zu setzen. Und dies hat Stephan Thome leider versäumt, indem er immer wieder die gleichen Rituale schildert – am Ende kenne ich den Ablauf des Grenzgangs auswendig. Gleichzeitig jedoch versteht er es, ein großes Fragezeichen bezüglich dieser Festlichkeit stehen zu lassen. Etwa in der Mitte des Buches konsultiere ich Google, um herauszufinden, was es mit dem Grenzgang auf sich hat und kann dies – selbstredend sehr unliterarisch – bei Wikipedia nachlesen.

Das Gerüst

Die Rolle der Protagonisten der Geschichte kommt Kerstin und Thomas zu, zwei Mittvierzigern, die, wie so viele, in der typischen Krise stecken, die die moderne Zeit für diese Altersgruppe bereithält: gescheiterte Beziehung, verkorkste Karriere und alleinerziehend beziehungsweise kinderlos. Natürlich liegt es auf der Hand, wie sich Frau und Mann in dieser Situation verhalten. Sie suchen nach einem neuen Partner und einer späten Berufschance und in dieser Hinsicht bietet Grenzgang keine Überraschung. Partnervermittlung, Swinger-Klub, One-Night-Stands und mit Vitamin B in die neue Karriere starten – alles das ist drin in dem Buch. Wie aus dem Leben gegriffen, könnte man sagen, aber ich schreibe, wie ins Klischee gepresst. Überraschende Wendungen finde ich nicht und nur ein einziges Mal enttäuscht der Autor meine Erwartungen.

Bergige Landschaft, flache Charaktere

Mit Kerstin und Thomas verbringe ich zwar etliche Stunden, dennoch bleiben sie mir fremd; ich lerne sie nicht kennen. Ich kenne zwar den Kontext, in dem sie sich bewegen und auch viele Gedanken, die sie so haben, aber ich kann keine Nähe zu ihnen aufnehmen. Vielleicht liegt es daran, dass Kerstin an keiner Stelle mehr als zwei Sätze sagt. Oder dass Thomas‘ Reflexionen zu seinem Dasein überwiegend aus Fragen bestehen, die ich ihm leider auch nicht beantworten kann. Die Haarfarbe von Kerstin – sie ist natürlich blond – erfahre ich im letzten Drittel des Buches und ärgere mich darüber ziemlich. Denn in meiner Vorstellung hatte sie diesen typischen Rotton der Mittvierziger, in ihrem Fall relativ dezent, auf keinen Fall knallig und auch nicht intensiv, denn das hätte nicht zu ihrem arg blassen Charakter gepasst.

Irritierende Wendung

Allerdings ist sie immerhin für eine Irritation gut, als sie Thomas Weidmann, der übrigens der Klassenlehrer ihres Sohnes Daniel ist, das erste Mal besucht. Es ist an einem Sommerabend und Kerstin Werner kommt ein wenig verschwitzt bei ihm an. Sie geht direkt ins Bad und gibt sich dort in aller Ruhe einer intimen Waschung hin, die sie allerdings bestens auf das geplante Folgende vorbereiten soll.

„….. Dann nimmt sie sich das zweite Handtuch von den Schultern und beendet die Aktion. Beide Handtücher wandern in den Wäschekorb, sie steht nackt, trocken und sauber in Thomas Weidmanns Bad und erlaubt sich einen Moment des Innehaltens vor dem Ankleiden. Zwei Sekunden, wie für einen Erinnerungsschnappschuss mit bloßem Auge: Was sie gerade getan hat, hätte sie vor einem Monat nicht getan. Das mag ein gutes oder schlechtes Zeichen sein, aber für den Moment fühlt es sich richtig an. Jetzt noch den Slip in die Handtasche, ein Aufschütteln der blonden Mähne, dann zieht sie die verbliebenen zwei Kleidungsstücke wieder an, schlüpft in ihre Sandalen, drückt auf die Klospülung und hat noch zehn Sekunden, um das Bad ohne Ablenkung in Augenschein zu nehmen……“

(Zitat aus Grenzgang von Stephan Thome)

Also echt, das hätte ich der Kerstin wirklich nicht zugetraut! Dabei kenne ich sie bereits 359 Seiten lang. Bisher, und auch danach wieder, gibt sie sich gutbürgerlich und eher schüchtern und nun bietet sie dem Klassenlehrer ihres Sohnes ähnlich wie eine läufige Hündin ihr Pünzchen an. Das soll mal jemand nachvollziehen können.

Das Ende vor dem Ende

Nun hat eine solche Story ein natürliches Ende. Dann nämlich, wenn der Reigen zum Nahkampf übergeht und die Zwei zusammenfinden, haben die Geschichte und diesem Fall auch Kerstin und Thomas ihren Höhepunkt. Der Handlungsverlauf eines spannenden Buches bietet dann nur noch das Ende an, dem der Autor sich widmen kann. Die Auswirkungen und Resultate der Entscheidung bilden den Ausklang der Geschichte. Stephan Thome widmet sich diesem Ende nicht nur sehr ausgiebig über etwa fünfzig Seiten inklusive Epilog, sondern er mutet mir erneut diesen Grenzgang zu, der an dieser Stelle keinerlei Relevanz mehr zur Geschichte hat und mich unerträglich langweilt.

Kreative Schreibtechniken

In Hinsicht des kreativen Schreibstils hält der Autor, was er im ersten Satz verspricht. Immer wieder entführt er mich von den schwarzen Buchstaben auf ecrufarbenem Papier in meine eigene Vorstellungs- und Empfindungswelt. Dafür bedient er sich passender Vergleiche und Assoziationen sowie bildhafter Formulierungen, die weit über den Wortschatz an gebräuchlichen Verben hinausgehen. Um so ärgerlicher finde ich es, dass er thematisch im Flachland stecken bleibt und auch dem Grenzgangsfest keine Facetten zu geben vermag, die es aus dem immer gleich ablaufenden Volksfest herausholen könnten.

Hier noch ein Interview mit Stephan Thome, in dem er über sein Buch Grenzgang spricht:

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Übrigens: Auch mit seinem neuen Buch Fliehkräfte steht Stephan Thome wieder auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2012. Viel Glück!!!

Stephan Thome bei Suhrkamp / Insel

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.