Gregor Hens – Matta verlässt seine Kinder

Das schmale Buch mit dem grautönigen Schutzumschlag liegt schon länger im Fach der bislang ungelesenen Exemplare. Der Autorenname Gregor Hens in schwarzen Buchstaben – noch nie was von gehört. Der Titel in mattem Blau: Matta verlässt seine Kinder – ach Gott, keinen Bock auf ein Familiendrama und Kinder hab´ ich eh nicht. Verlag S.Fischer – auch nicht gerade mein Favorit. Immerhin schreibt die Neue Zürcher Zeitung: „Gregor Hens ist mit seinem Buch über die Vergänglichkeit der Liebe ein Meisterwerk gelungen“, wie ich auf dem Buchrücken lese. Aber steht das so oder ähnlich nicht auf jedem Buchrücken?

Keine Erwartungen

Klappentext vorne: eine kurze, eher verwirrende Inhaltsangabe. Allerdings hat dieser Gregor Hens davor schon zwei Bücher veröffentlicht, ist also kein Neuling. Im Klappentext hinten dann sein Konterfei (natürlich in Schwarz-Weiß!): ernst, ernster, so richtig ernst. Aber Kölner ist der Junge und damit hat er bei mir klare Pluspunkte gewonnen. Ich seufze und schnappe mir das schmale Büchlein, lege mich ins Bett und schlage es freudlos auf.

Ein Juwel entdecken

Nach den ersten vier Sätzen schwindet meine Unlust. Der nächste kurze Abschnitt beeindruckt mich. Auf der zweiten Seite dämmert mir, ich habe ein Juwel entdeckt. Und am Ende der ersten Szene bin ich so baff, dass ich gerade nochmal von vorn anfange:

Freitag

Der Minutenzeiger hängt fest. Alle sechzig Sekunden baut sich Druck auf, der Zeiger soll seiner Anklage folgen, soll umspringen. Er strebt an der der linken Seite hinauf in Richtung der achten Stunde. Er zerrt in Richtung Westsüdwest.

Nach dreißig, fünfunddreißig Sekunden, einer halben Ewigkeit im dumpfen, überheizten Warteraum des Konsulats, beginnt sich das Material im Innern der Wanduhr zu dehnen, es biegt sich. Ein millimeterlanger Hebel drückt gegen eine Metallsperre, vibriert kaum merklich. Mit der immer wieder einsetzenden Kraft eines winzigen unrunden Schwungkörpers, mit der weiteren Drehung eines Zahnrads um einen halben Tick, erhöht sich der Druck noch einmal. Fünfzig, fünfundfünfzig, siebenundfünfzig. Die kleine Blechspirale ist bis zum Äußersten gespannt, gleich, gleich – jetzt muss sie springen.

Im letzten Moment rutscht etwas, eine Art Notkupplung. Der Zeiger fällt zurück. Wenn die Stille im Raum absolut wäre, wenn das nicht das Grundrauschen wäre, von der Straße und vom Klimasystem des Gebäudes, könnte man ein dünnes Knacken, wie den Laut eines überdrehten Flaschenverschlusses, hören. Den Auslöser einer guten Kamera. Der Zeiger fällt zurück in seine Ausgangsposition, ruht. Der verborgene Mechanismus sammelt Kraft für den nächsten Anlauf.

Karsten spürt, obwohl er weder den tödlich langsamen Taktschlag hört, der sein Warten punktiert, noch das seismische Erzittern des Uhrzeigers an der gegenüberliegenden Wand ausmachen kann, die Anstrengung, die Konzentration, die den blassgrün tapezierten Raum immer wieder von neuem erfüllt. Es scheint ein Wille, eine Unnachgiebigkeit in diesem Vorgang zu liegen.

Es ist ziemlich genau 18 Uhr 28 in Karatschi –

Fuck Karatschi. In Karstens linkem Auge platzt, als er den Blick von der Uhr abwendet, ein Blutgefäß. Er merkt es nicht, aber er spürt, dass sich irgendwo in seinem Kopf ein Stau gelöst hat. Er spürt es und weiß, was er zu tun hat….“

(Zitat aus Matta verlässt seine Kinder von Gregor Hens)

Minutiöse Details genießen

Ganze 234 Wörter widmet Gregor Hens dem banalen Ereignis einer kaputten Uhr. Ich sehe diese Uhr und den verdeckten Mechanismus, der sie antreibt, höre ihr ticken, sitze dort – ich weiß noch nicht wo – auf einem Stuhl und atme die stickige, trockene Heizungsluft. Alles wirkt friedlich, die kaputte Uhr einschläfernd, auch die Erwähnung der fernöstlichen Stadt weckt keine Spannung, bis dann der Hammerschlag Fuck ertönt. Ich bin plötzlich hellwach und in mir breitet sich die Ahnung aus, diese kaputte Uhr umfasst einen ganzen Kanon an Assoziationen, einen breiten Fächer von Gefühlen und steht im Kontrast zu dem, was Karsten jetzt tut.

Der Wirklichkeit ins Auge blicken

Meine Ahnung trügt mich nicht. Sprachlich meisterhaft und eigenwillig formuliert lerne ich Karsten Mattas Geschichte kennen. Der arme Kerl schreibt Investitionsempfehlungen für reiche Amis, die ihr Geld in Entwicklungsländern vervielfachen. Dabei zieht die Handlung überraschende Kreise, verwebt sich vom Vorher über das Jetzt zum Bald. Zwei Frauen begleiten Karstens Leben, das in einer ungeheuerlichen Wirklichkeit stattfindet. Erbarmungslos erinnert sich Karsten an das, von dem ich glauben möchte, dass es nicht so ist, nicht so sein kann, nicht so sein darf. Aber Gregor Hens ist gnadenlos. Nüchtern erzählt er von Karstens Leben, wobei das Verlassen seiner Kinder nicht im Zentrum steht, sondern zu einer nahezu unausweichlichen Folge seiner Erlebnisse wird. Mit scharfer Feder gezeichnet ist ein Charakter, der nicht anders kann, als sein Umfeld in sich aufzunehmen, und die erschreckenden Zustände der fernen Länder ins wohlhabende Deutschland mitnimmt. In seine Familie. In seine Liebe. In sein privilegiertes Leben, von dem ich schließlich an einer Autobahnraststätte Abschied nehme und einen letzten bewundernden Blick auf den grauen Einband werfe.

Das Buch und der Autor

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Gregor Hens bei Wikipedia 

Offizielle Webpräsenz von Gregor Hens 

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