Geheimnis erster Satz

Wer sich mit der Technik des Schreibens befasst und womöglich damit liebäugelt, eines seiner Werke zu veröffentlichen, weiß um die Bedeutung des ersten Satzes einer jeden Erzählung. Der erste Satz, er entscheidet über die Annahme oder Ablehnung des Buches beim Verlag und auch bei den Lesern. Aber kann es denn sein, dass wenige Worte entscheidend sein sollen, wo sie doch lediglich den Einstieg in eine ganze Geschichte mit Charakteren, Handlungsverlauf, Spannungsbogen und Dialogtechnik bieten? Yes, it can. Machen wir uns also mal auf die Suche nach dem Geheimnis, was dahinter steckt.

Der erste Eindruck

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie werden mit verbunden Augen an einen Ihnen unbekannten Ort geschafft. Nein, ohne Fesseln und auch nicht in Grauschattierungen. Einfach ganz normal – sie werden auf einen kleinen Überraschungsausflug entführt. Dann nimmt man Ihnen die Augenbinde ab. Das, was Sie dann sehen, entscheidet darüber, ob Sie sich an diesem, Ihnen bisher völlig unbekannten, Ort wohlfühlen. Ob Sie ihn erkunden möchten, ob Sie dort eine Weile Zeit verbringen möchten. Oder eben nicht.

Fensterladen auf!

Genauso ist es mit einem Buch. Der erste Satz öffnet einen Fensterladen, der den Blick auf die Geschichte freigibt. Und je mehr dieser Satz von der Geschichte zeigt, desto klarer ist der Blick aus diesem Fenster hinaus in die Welt, auf die wir uns mit jedem Buch einlassen. Durch die ersten Worte nimmt ein Text Kontakt zum Leser auf und auch hier gilt: Der erste Eindruck ist der Wichtigste. Allerdings bewahrt er auch nicht vor einer Enttäuschung, wie wir gleich sehen werden.

Jedenfalls, einem guten ersten Satz wohnt selbstverständlich eine hohe Kunstfertigkeit inne. Insofern existieren vier Typen von Büchern:

  1. Schlechter erster Satz – schlechtes Buch.
  2. Schlechter erster Satz – gutes Buch.
  3. Guter erster Satz – schlechtes Buch
  4. Guter erster Satz – gutes Buch

Die Verteilung sieht dabei aus, wie eine auf dem Kopf stehende Pyramide.

Schönster erster Satz

In Deutschland gab es im Jahre 2007 eine Initiative , den schönsten ersten Satz zu finden. Der Gewinner stammte aus dem Roman Der Butt von Günter Grass:

„Ilsebil salzte nach.“

Drei Worte, die so viel erzählen. Sie öffnen ein Fenster auf eine schrullige Frau, an einem groben Holztisch sitzend, vor sich eine Mahlzeit, die ihr so nicht schmeckt. Salz fehlt. Im Hintergrund erkenne ich ihren Mann, der noch am Herd steht und seinen eigenen Teller füllt. Eine Petroleumlampe brennt und wirft ein gelbliches Licht auf die Szene. Durch das kleine Fenster sehe ich Wolkenfetzen über den dämmrigen, fast schon dunklen Himmel jagen. Zugegeben, all das sehe ich wohl nur, weil auch ich noch nie einer anderen Ilsebil begegnet bin, als der aus dem Märchen Der Fischer und seine Frau. Und seinerzeit entschied die Jury, dies sei der schönste erste Satz.

Bester erster Satz

Schließlich ging es ja auch nicht um den besten ersten Satz. Eine Sammlung der besten ersten Sätze stellte American Book Review im Jahre 2010 zusammen. Ohne mich definitiv festlegen zu wollen, stammt einer meiner Liebelingserstensätze von T.C.Boyle:

„An dem Tag, als Walter Van Brunt seinen rechten Fuß verlor, hatten ihn sporadisch Spukgestalten der Vergangenheit heimgesucht.“

So beginnt World’s End. Ich bin schockiert und will mehr dazu wissen. Wer ist Walter Van Brunt? Wie verliert er seinen Fuß? Was sind das für geheimnisvolle Spukgestalten? Und wieso suchen die ihn heim? Welcher Konflikt liegt dem zugrunde? Also kurzum: Ich will mehr von diesem Walter Van Brunt wissen.

Kochkunst

Und damit kommen wir dem Geheimnis des ersten Satzes schon ein wenig näher. Ein guter erster Satz sollte nämlich Neugierde wecken, den Handlungsrahmen andeuten und der Geschichte Raum und Tiefe vermitteln. Dies kann man als Autor über eine widersprüchliche Beschreibung erreichen, eine schräge Präsentation, eine ungereimte Aktion, eine überraschende Schockierung oder eine erstaunliche Feststellung. Auch kann man eine Vorahnung wecken oder ein Geheimnis ankündigen. Bewährt hat sich ebenfalls ein erschaffener Konflikt. All diese Zutaten bilden das Grundrezept für den ersten Satz, wobei es freilich wie bei jedem Gericht die Kunst ist, diese Zutaten dem Kontext entsprechend zu verwenden. Dabei wünsche ich gutes Gelingen!

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Hier geht es zu den Schreibkursen der Schreibakademie.

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