Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Mit Ein wenig Leben debütiert die in New York lebende Journalistin Hanya Yanagihara als Romanautorin. Ihr erstes Werk, das in den USA bereits 2015 erschien, gilt als die literarische Sensation: Beste Verkaufszahlen und jede Menge Diskussionen um diese Geschichte machen es dazu. Zwei Jahre später erscheint Ein wenig Leben im Hanser Verlag, der bereits im Vorfeld die Buchbranche auf einen Bestseller einstimmt. Das provokante Cover – Porträt eines jungen Mannes in höchster Emotion – wird also eine Weile die Schaufenster und Büchertische der verbleibenden Buchhandlungen dominieren. Was die Leser in Ein wenig Leben erwartet, ist jedoch nicht unbedingt das, was die Marketingmaschine verspricht.

Literarische Sensation

Im College treffen vier junge Männer zusammen: Malcom, JB, Willem und Jude. Schnell verbindet sie eine tiefe, enge Freundschaft, doch wie diese genau entsteht und was sie ausmacht, verrät Hanya Yanagihara nicht. Nehmen wir es also so hin – diese vier Männer sind sich extrem zugeneigt und werden ihr ganzes Leben lang in Verbindung bleiben. Jeder von Ihnen erreicht großen beruflichen Erfolg und das klägliche Studentenleben weicht einem Dasein mitten im Jetset von Soho mit viel Geld, Ansehen und Ruhm. Innerhalb dieses Rahmenkontextes, der durchaus den Charakter einer Soap Opera hat, erzählt Ein wenig Leben die Geschichte von Jude.

Opfer von Missbrauch

Jude war in seiner Kindheit ein ständiges Opfer von Missbrauch. Zuerst in einem Kloster, wo er lauter perversen Mönchen ausgesetzt war, die ihn züchtigten und vergewaltigten. Einzig Bruder Luke schien da anders zu sein, weshalb sich Jude auch in seine Obhut flüchtete. Aber auch dieser Bruder Luke entpuppt sich letztendlich als pädophiler Mann, der als Zuhälter seine Geschäfte mit Jude macht. Jede Nacht ist der Junge irgendwelchen Männern ausgesetzt, bis die Polizei vor der Tür steht und Bruder Luke sich umbringt. Besser wird es für Jude jedoch nicht: Er kommt in ein Heim, wo ebenfalls alle Erzieher Vergewaltiger sind und schlussendlich landet er im Keller des Psychiaters Dr. Trayson, der ihm die letzten und schlimmsten Verletzungen zufügt.

Alle lieben Jude

Im College ist Jude also bereits gebrandmarkt. Seine tiefen seelischen Wunden, seine vielen Narben und körperlichen Beschwerden dominieren sein Dasein. Zum Glück findet er diese Freunde, die ihn lieben und mit all seinen Macken annehmen. Dennoch: Helfen können sie ihm nicht. Das vermag niemand, auch nicht Andy, der Arzt, oder Harald, der Dozent, die sich beide bis zur Selbstaufopferung um Jude kümmern. Ein wenig Leben findet er jedoch erst in den Armen von Willem, mit dem er nach vielen Jahren der Freundschaft eine Beziehung eingeht.

Serielle Kunst

Hanya Yanagihara füllt fast tausend Seiten mit dem Dilemma von Jude, das selbstverständlich dramatisch ausgeht: Am Ende bleibt von den vier Freunden nur noch JB übrig. Dieser hat übrigens eine glänzende Karriere als Maler hingelegt. Besonders bemerkenswert erscheint mir dabei, dass es allein durch das Malen von Porträts seiner drei Freunde – hauptsächlich natürlich von Jude – hingekriegt hat. Wer auch nur ein bisschen von der Kunstszene versteht, weiß, wie unglaubwürdig das ist.

Ein reines Konstrukt

Womit ich meine Hauptkritik an Ein wenig Leben anbringe: Die Geschichte wirkt sehr konstruiert. Dadurch provoziert die Autorin eine Melodramatik, die mich als Leserin mal peinlich beschämt, mal richtig wütend macht. Ich habe noch kein Buch gelesen, in dem die Sätze „Es tut mir leid“ und „Ich liebe dich“ so häufig vorkommen. Zwischen diesen beiden Polen pendelt Ein wenig Leben ständig hin und her, ohne jedoch wirklich in die Tiefe dieser zwei Emotionen zu gehen. Insofern hat Hanya Yanagihara nicht nur das Rahmenkonzept einer billigen Story verwendet, sondern ist aus meiner Sicht auch beim Füllmaterial nicht wirklich über Klischees und oberflächliche Schilderungen hinausgegangen.

Zarte Momente

Zwar entwirft die Autorin – besonders zwischen Jude und Willem – immer wieder Szenen voller Zärtlichkeit, Behutsamkeit und tiefer Freundschaft, aber verteilt auf diese fast tausend eng bedruckten Seiten, überwiegen leider vielen, eher nichtssagenden oder sogar retardierenden Passagen. Mit Letzteren meine ich zum Beispiel das ständige Ritzen oder die wiederholten Rückblenden von Jude. Mich hat das ziemlich genervt. Insofern hätte dem Buch Kürze sehr gut getan, denn dann wäre wahrscheinlich auch die von den Medien beschworene Würze dieses Buches kräftig geworden. In dieser irre langen Fassung schmeckt mir Ein wenig Leben eher wassersuppig.

Das Buch Ein wenig Leben in einem Satz:

Eine viel zu lange Geschichte über Verletzungen, Freundschaft und Liebe.

Meine Bewertung von Ein wenig Leben aus schreibtechnischer Sicht:

Bildhafte Sprache * * * * *

Charaktere * * * * *

Handlungsaufbau * * * * *

Spannungsbogen * * * * *

Dialoggestaltung * * * * *

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Website zum Buch beim Hanser Verlag

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