Ein Mann von Welt von Antoine Wilson

Ehrlich gesagt habe ich von Ein Mann von Welt nicht viel erwartet. Der Zufallsgriff in meine Bücherkiste brachte es hervor und so geriet es vor meine Nase. Teil eins beginnt mit Kassette 1, Seite a & b. Es handelt sich also um die Abschrift einer Tonbandaufzeichnung. Anders wäre es auch nicht gegangen, denn der Protagonist Oppen Porter liegt bis zum Hals eingegipst im Krankenhausbett und wird noch vor Morgengrauen sterben, seine Worte. Vorher hat er jedoch seinem Sohn Juan-George noch einiges mitzuteilen. Juan-George allerdings ist noch gar nicht geboren, sondern schwimmt noch im Bauch seiner Mutter Carmen, die am Krankenbett wacht.

Schräge Erzählweise

Zunächst irritiert mich die Erzählweise, besonders weil Oppen Porter immer wieder von deinem Großvater spricht und damit seinen Vater meint. Bei ihm wohnt er nämlich bis zu seinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr und hätte sicher auch noch länger dort verweilt, wenn sein Vater nicht plötzlich gestorben wäre. Eines Nachmittags findet Oppen ihn tot im Wohnzimmer liegend. Ohne zu zögern, leistet er seinem Wunsch folge und beerdigt ihn kurzerhand im Garten, neben den geliebten Hunden Ajax und Atlas. Knapp zwei Meter groß und handwerklich geschickt, stellt das kein Problem für Oppen Porter dar. Aber klar, für die Polizei, die dem schnell auf die Spur kommt, ist dieser Tatbestand eine Verletzung der Gesetze. Und so wird Großvater am Tag darauf gleich wieder enterdigt, Porters Worte.

Freunde und Helfer

Einmal in Gesellschaft der Gesetzeshüter angekommen, erfährt Oppen deren Fürsorglichkeit in vollem Umfang. Diese meinen nämlich, einen schutzbedürftigen Menschen in ihm zu erkennen. Nicht nur wegen dieser schrägen Beerdigung, sondern auch wegen des Lebens, das er so führt: In der ganzen Stadt Madera bekannt und dort Mayor genannt, schiebt man ihm die Rolle als Depp zu. Und dies allein deshalb, weil Oppen Porter ein extrem friedlicher, genügsamer und freundlicher Mensch ist. Allerdings macht ihm der Verlust seines Vaters und damit der Zusammenbruch seiner täglichen Routinen eins klar: Ein Mann von Welt ist er noch nicht.

Ein Mann von Welt werden

Aber werden will er es. So nimmt er die Einladung seiner Tante Liz an und fährt mit dem Bus in die Großstadt, nach Panorama City. Auf der Fahrt lernt er Paul Renfro kennen, einen echten Denker, seine Worte, der seine Zukunft entscheidend mitbestimmen wird. Zunächst sagt jedoch Tante Liz, wo es für Oppen Porter langgeht: Sie vermittelt ihm einen Job im Fast-Food-Restaurant, besorgt ihm einen Psychologen und bringt ihn in seiner Freizeit in der Leuchtturmgemeinde unter. Da Oppen nun mal friedlich, genügsam und freundlich ist, macht er dieses Programm auch brav mit. Allerdings sieht er die Dinge letztendlich ganz anders, als seine Tante, die durchweg das ganz Normale verkörpert.

Die Fritten-Passage

Trotzdem steigt er in dem Fast-Food-Restaurant innerhalb von kürzester Zeit vom Springer zum Frittenmann auf. Dabei wird ihm klar, was Aufsteigen wirklich bedeutet und auch sein Freund Paul hilft ihm dabei, den wahren Durchblick zu bekommen. Aber Oppen Porter ist ja brav und zieht den von Tante Liz geplanten Lebenswandel – zunächst – konsequent durch, auch wenn diese Beförderung einen Tiefpunkt für ihn darstellt.

„…… Es war ein ziemlicher Tiefpunkt. Aber Tiefpunkte sind wertvoller als Höhepunkte, denn wenn du einen Höhepunkt erreichst, willst du, dass es immer so weitergeht, was unmöglich ist, während du, wenn du einen Tiefpunkt erreichst, überall nach einem Ausweg suchst, und dabei siehst du Dinge, die dir vielleicht sonst gar nicht aufgefallen wären. Ich hatte gerade den Frittierkorb aus dem heißen Öl genommen und ihn in die Halterung gesteckt, damit das Fett ablaufen konnte, bevor die Pommes in den Trog unter der Wärmelampe ausgeschüttet wurden, ich hatte das gerade gemacht, und da sah ich, ganz oben auf all den anderen Pommes, eine einzelne Pommes, normal, was Farbe und Struktur und Breite anging, aber ungewöhnlich lang. Ich hatte möglicherweise schon einmal eine gesehen, sie traten ungefähr alle hundert Fritten oder so auf, aber erst, als ich meinen persönlichen Tiefpunkt hatte, erkannte ich, erst als Roger Macarona mir sagte, ich sollte verdammt noch mal die Klappe halten, erst da erkannte ich ihr Potenzial. Ich legte die ungewöhnlich lange Pommes beiseite, und ab da achtete ich darauf, alle ungewöhnlich langen Pommes zur Seite zu legen, ich schob sie zum Rand des Trogs, bis ich genug zusammenhatte, um damit eine von unseren Frittenschachteln aus Pappe zu füllen, und dann richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Theke, um den Empfänger zu bestimmen…..“
(Zitat aus Ein Mann von Welt von Antoine Wilson)

Die Empfängerin ist schließlich eine junge Frau, deren Reaktion Oppen Porter die Auszeichnung zum Mitarbeiter des Monats einbringt. Tante Liz ist davon selbstverständlich völlig begeistert und sieht ihren Neffen auf dem besten Wege. Bis dann plötzlich ein Arm durch die Decke in der Küche bricht und schlaff herunterhängt. Diese Begebenheit leitet sowohl das Ende der Zeit bei Tante Liz als auch der Erzählung ein.

Kreative Schreibtechniken

Selten habe ich einen Roman gelesen, der so voll von kreativen Erzählideen steckt wie Ein Mann von Welt. Da ist zunächst das Setting, das den Roman durchgängig als gesprochenen Text erscheinen lässt. Demnach gibt es in dem ganzen Buch auch nicht einen einzigen Dialog. Der Autor Antoine Wilson löst das durch geschickte Einschübe, meine Worte. Der Handlungsaufbau ist nicht nur spannend, sondern lässt mich an vielen Stellen auch schmunzeln, gerät Oppen Porter doch immer tiefer ins Dilemma seiner Ehrlich- und Nettigkeit. Auch der Spannungsbogen ist straff, denn was ich wirklich von Anfang an wissen will, ist, warum Oppen im Krankenhaus liegt. Gleichzeitig finde ich in Ein Mann von Welt etliche Lebensweisheiten, denen ich voll und ganz zustimme. Der Erzählstil hätte durchaus bildhafter ausfallen können, was Antoine Wilson jedoch durch seine vielen brillanten Ideen wettmacht. Ich bin wirklich gespannt, was er noch so alles hervorbringen wird.

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