Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier

In Ein Leben mehr erzählt die kanadische Autorin Jocelyne Saucier die erstaunliche Geschichte gleich mehrerer Menschen. Da sind die drei alten Männer, die Fotografin, die beiden Kiffer und die Tante, deren Leben zusammentrifft und sich bald nur noch um die Vergangenheit dreht. Für zwei von ihnen beginnt dadurch eine ungeahnte Zukunft, einige geraten ins Hintertreffen und eine von ihnen findet eine neue Lebensaufgabe. Man muss wohl in New Brunswick geboren sein, um so eine wundersame Geschichte zu erfinden.

Einige interessante Elemente

Erzähltechnisch interessant sind die Einleitungen, mit denen Jocelyne Saucier in Ein Leben mehr ein jedes Kapitel beginnt. Sie verfasst sie in der Gegenwart, weshalb sie wie Regieanweisungen wirken. Die Geschichte selbst erzählt sie dann in der Vergangenheit. Auf diese Weise bekommt die Erzählung mehr Dynamik. Aus meiner Sicht wäre das zwar nicht nötig gewesen, dennoch freue ich mich immer über gelungene schreiberische Experimente. Auch die Erzählperspektive ändert die Autorin mitten im Buch, so elegant und unauffällig, dass ich es erst viel später merke.

Drei alte Männer

Ein Leben mehr entführt mich in die Wälder Kanadas, wo drei steinalte Männer entschieden haben, in Würde und Freiheit zu leben. Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Das wird ihnen besonders schmerzlich klar, als einen von ihnen – Ted Boychuck – das Zeitliche segnete. Ted hinterlässt außer seiner Hütte ein verschlossenes Nebengebäude, von dem keiner so richtig weiß, was er darin lagerte. Tom und Charlie belassen Teds Heim zunächst so, wie er es verlassen hat. Sie kümmern sich um die täglichen Dinge wie fischen und jagen, deren Erledigung ihre Existenzgrundlage darstellt.

Zwei junge Burschen

Einige Meilen entfernt lebt Steve in einem heruntergekommenen Hotel. Gemeinsam mit seinem Freund kümmert er sich um die Alten, bringt ihnen Lebensmittel, Werkzeuge und Kleidung. Im Übrigen sind sie auch Geschäftspartner, denn Steve baut dort bei den Alten sein Gras an. Eine schöne Sache, die allen Beteiligten genügend Geld in die Kasse spült, um auch mal was anderes als die gefangenen Fische zu essen.

Eine namenlose Fotografin

Auf der Recherche nach den Zeugen des Großen Brandes gelangt die Fotografin in Steves Hotel. Sie arbeitet an einer Porträtreihe der Menschen, die diese Katastrophe überlebten. Auch Ted Boychuck gehört dazu. Als Steve sie zu den Alten bringt, ist er jedoch gerade verstorben. Zunächst ist die Fotografin darüber sehr enttäuscht, kann sie doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass sie Großes entdecken wird.

Ein Leben mehr

Dazu verhilft ihr nämlich Marie-Desneige, die Tante von Steves Freund Bruno. Als rebellischer Neffe entscheidet er kurzerhand, seine zierliche Tante nicht zurück in die Psychiatrie zu bringen, wo sie bereits ihr ganzes Leben verbracht hat, sondern ihr quasi die Freiheit zu schenken. Sie zu den Alten zu bringen, scheint eine verrückte Idee zu sein, die aber zum Glück funktioniert.

„…. Der kleinen Gemeinschaft am See standen große Veränderungen bevor. Die Vorstellung von einer Frau in dieser rauen Umgebung – noch dazu einer sehr alten und gebrechlichen Frau – war abwegig, aber sie bahnte sich ihren Weg. Noch sprach es niemand aus, aber alle wussten, dass sie die Frau nicht dorthin zurückschicken würden, wo sie herkam. Die Gemeinschaft am See war unerschrocken und rebellisch genug, um das Unmögliche möglich zu machen. Aber wie?

Das Problem mit seiner Mutter hatte Bruno gelöst. Er hatte sie von einer Tankstelle in Huntsville aus angerufen und ihr erzählt, die Tante sei ihm ausgebüxt, während er drinnen an der Kasse zahlte. Er haben überall nach ihr gesucht, aber sie sei unauffindbar. Dann rief er die Polizei, beantwortete geduldig alle Fragen, unterschrieb seine Aussage und fuhr davon. Ihr höfliches Desinteresse beruhigte ihn. Sie würden sich kein Bein ausreißen, um nach einer alten Frau zu suchen, die niemand haben wollte.

Nun, da seine Tante für die Welt gestorben war, musste die Gemeinschaft am See für sie sorgen. Es gab eine Menge zu tun. Zuallererst brauchte sie eine anständige Unterkunft. Teds Hütte bot sich an, aber ganz wohl war ihnen bei dem Gedanken nicht. Alle hatten das Gefühl, dass Ted noch dort lebte. ….“

(Zitat aus Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier)

Ein spätes Liebespaar

Während Charlie und Marie-Desneige eine Turtelei beginnen, recherchiert die Fotografin, die von der Tante den Namen Ange-Ainée bekam, weiter zum Thema der Großen Brände. Die Lagerhütte des verstorbenen Ted birgt in dieser Hinsicht einen unerwarteten Schatz, den jedoch einzig Marie-Desneige mit ihrer spirituellen Kraft entschlüsseln kann. Allesamt verleben eine spannende, rührende Zeit, die jäh endet, als sich die Rauschgiftbehörde dieses Ortes annimmt und die gesamte Idylle sprengt.

Kreative Schreibtechniken

Der Handlungsaufbau von Ein Leben mehr ist grandios, die Geschichte herzergreifend schön. Aber Jocelyne Saucier verwendet leider keine kreativen Schreibtechniken, um sie zu erzählen. Daher sind diese knapp zweihundert Seiten auch viel zu kurz geraten für eine so schöne Story. Weder hält sich die Autorin mit einem bildhaften Erzählstil auf, noch schärft sie die Pfeile des Spannungsbogens. Fast alle Aufgaben lösen die Figuren ohne Komplikationen. Für mich als Leserin gibt es in dieser Hinsicht kaum Überraschungen und keine Möglichkeit, emotional mitzufiebern. Ganz im Gegenteil finde ich viele Geschehnisse leicht peinlich, weil sie so widerstandslos ablaufen. Die gelungen ausgewählten Figuren hätten mithilfe einiger kreativer Schreibtechniken zu unvergesslichen Charakteren erwachsen können – so bleiben sie eher flach und in wenigen Wochen werde ich nachsehen müssen, wie sie nochmal hießen. Das ist wirklich schade an diesem Buch. Dennoch ist Ein Leben mehr unbedingt lesenswert und bekommt hier in der Schreibakademie einen Platz bei den Glanzlichtern.

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Jocelyne Saucier bei Wikipedia 

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