Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

Ein ganzes Leben erzählt  Robert Seethaler auf 150 Seiten. Würde der Zeilenabstand nicht ungewohnt groß ausfallen, wäre er wahrscheinlich mit der Hälfte der Seiten ausgekommen, um die Geschichte von Andreas Egger aufzuschreiben. Sie mag in Österreich spielen, die Landschaft und die Namen der Charaktere weisen darauf hin. Robert Seethaler selbst gibt dem Leser keine Ortsnamen an die Hand, vielleicht war dafür kein Platz mehr. Überhaupt ist der Autor ein Freund weniger Worte, die er dafür umso präziser verwendet.

Im Namen des Herrn

Allerdings gibt das Leben des Andreas Egger auch nicht besonders viel an Erzählstoff her. Er ist ein sehr schweigsamer Zeitgenosse, geprägt durch harte Arbeit, von der es Anfang des 20. Jahrhunderts noch jede Menge gab. Aufgewachsen ist er bei den Pflegeeltern, den Kranzstockers. Es sind gottesfürchtige Menschen, an die Frau kann ich mich gar nicht mehr erinnern, so unwichtig ist sie für deren Leben. Aber er, der Kranzstocker, der steht auf Züchtigungen in Gottes Namen.

„…..In seiner nächsten Erinnerung sah er sich als etwa Achtjährigen nackt und dünn über der Ochsenstange hängen. Seine Beine und sein Kopf pendelten knapp über dem nach Pferdeseiche stinkenden Boden, während sein kleiner, weißer Hintern in die Winterluft ragte und Kranzstockers Hiebe mit der Haselnussgerte empfing. Wie immer hatte der Bauer die Gerte im Wasser gebadet, um sie geschmeidig zu machen. Jetzt zischte sie kurz und hell durch die Luft, bevor sie mit einem seufzenden Geräusch auf Eggers Hinterteil landete. Egger schrie niemals, was den Bauern nur zu härteren Hieben anspornte. Der Mann wurde geformt und gehärtet durch Gottes Hand, um sich die Erde und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer und heißt Hubert Kranzstocker. Wenn es ihm gefällt, gräbt er seinen Acker um, packt sich eine ausgewachsene Sau auf die Schultern, setzt ein Kind in die Welt oder hängt ein anderes über die Ochsenstange, denn er ist der Mann, das Wort und die Tat. „Herrgottverzeih“, sagte Kranzstocker und ließ die Gerte sausen. „Herrgottverzeih.“…….“

(Zitat aus Ein ganzes Leben von Robert Seethaler)

In seiner großartigen Aufgabe als Mann fügt er dem kleinen Egger mit dieser Prozedur eines Tages einen Hüftbruch zu. Ab da hinkt Egger durch sein Leben.

 Die Stille schwindet

Trotzdem macht er das Beste daraus. Er findet Beschäftigung bei der Firma Bittermann & Söhne, die sich auf den Bau von Seilbahnen spezialisiert hat. Im Laufe der Zeit verwandelt sie auf diese Weise ruhige Täler und Dörfer in lärmende Touristenorte. Aber dies nur am Rande. Andreas Egger trägt dazu mit seiner Körperkraft bei, und zwar besonders aus dem einen Grund: Er liebt Marie und will mit ihr ein Heim gründen.

Wenn Liebe lodert

Für den Heiratsantrag lässt sich Egger, respektive der Autor Robert Seethaler, ein echtes Event einfallen, das mir am ganzen Buch am allerbesten gefallen hat. Die Figur Egger überrascht mich an dieser Stelle mit einem von Leidenschaft geprägten Ideenreichtum, den ich bei ihm nicht vermutet hätte. Denn ansonsten ist er ein ausgesprochen bodenständiger, nüchterner Mensch.

Abwärts

Leider und zu seinem tiefsten Unglück verliert er seine geliebte Marie viel zu schnell. Eine Lawine begräbt sie in dem einfachen Heim am Berghang, das Egger für sie geschaffen hat. Durch diesen Verlust kehrt er zurück in sein abgeschottetes Dasein, das er bis zuletzt in einer Art Höhle am Dorfrand verbringt.

Kreative Schreibtechniken

Die weiter oben zitierte Textpassage zeigt, dass sich Robert Seethaler zumindest bildhafter Verben bedient. Insgesamt jedoch ist sein Erzählstil minimalistisch geprägt, weshalb für bildreiche Gestaltung kaum Platz ist. Andererseits wählt er seine Worte sehr genau, was es mir als Leser ermöglicht, eigene Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen. Die Figur des Andreas Egger ist scharf entworfen und steht für die Geschichte so vieler Menschen, deren Leben eines der Millionen Mosaiksteinchen im Weltgeschehen ist: als Einzelner durchaus ersetzbar, im Zusammenhang jedoch unverzichtbar und für das eigene Leben eben alles, was man hat. Auch wenn mir persönlich ein ausschweifend kreativer Schreibstil besser gefällt, ist Ein ganzes Leben dennoch ein Beispiel, wie eine gute Geschichte auch mit wenig funktionieren kann.

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