Die Terranauten von T.C.Boyle

In Die Terranauten beschäftigt sich T.C.Boyle mit einem modernen Entwurf der Arche: Acht Menschen sollen zwei Jahre lang autark in einer künstlichen Biosphäre leben. Alles Notwendige bis hin zur Atemluft erzeugt das System selbst. Ihre Nahrung müssen die Probanden eigenhändig anbauen, denn während dieser zwei Jahre kommt in dieses geschlossene System nichts rein und nichts raus. Welche Herausforderungen solche Umstände an die Bewohner – die Terranauten – einer künstlichen kleinen Welt stellen, dem geht T.C.Boyle auf die Spur. Wie leben die Terranauten miteinander und welche Konflikte entstehen unter diesen Gegebenheiten? Eine spannende Frage, besonders dann, wenn ein Autor sie literarisch behandelt. Und wenn dies dann auch noch T.C.Boyle ist, steigt die Neugierde auf dieses Buch.

Drei Stimmen

Das erzählerische Konzept von Die Terranauten ist der abwechselnde Monolog von Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp – beide drinnen in E2 – sowie Linda Ruy, die zwar ebenfalls für den dahinter steckenden Konzern Mission Control arbeitet, aber das Projekt von außen betreut. Die Story beginnt in der Phase, wo Mission Control das Team für die zweite Runde von Ecosphere ernennt und eine Art Konflikt auftaucht, der die ganze Geschichte begleitet: Dawn und Linda kandidierten beide für die Position der Nutztierwärterin und natürlich ist Linda enttäuscht, als die Wahl auf ihre Freundin fällt. Denn mit dem Job als Terranautin geht freilich eine Menge Publicity einher, in der sich nun diese Dawn baden darf.

So etwas wie ein Konflikt

Es ist zunächst diese Konfrontation von Interessen, auf der T.C.Boyle Die Terranauten aufbaut und bis Seite 350 muss ich mich leider damit begnügen. Reichlich dürftig finde ich den von Boyle inszenierten und von Linda angezettelten Zickenkrieg, bei dem es neben Neid auch um Männer geht. Und ebenso drinnen in E2 dreht sich das Geschehen um solch vorhersehbare Probleme wie Konkurrenz, sexuelle Beziehungen und Futterneid. Denn Fette und Kohlehydrate, die so schön zufrieden machen, sind rar: Schokoriegel, Pizza und deftige Burger gibt es drinnen nicht. Stattdessen besteht das Essen aus Porridge – einem Haferbrei – Rote Beete Auflauf und Ziegenmilch. Ach ja, und Bananenwein, den Troy genialerweise zu elaborieren weiß.

Nicht viel los in E2

Auf etwas mehr als einem Hektar sind unter der riesigen Glaskuppel Anbauflächen für Gemüse, Obst, Korn und sogar Reis untergebracht. Ein wenig Proteine liefern die Nutztiere und die Fische im Ozean, der letztendlich nicht mehr als ein Salzwasserschwimmbad mit Wellenmaschine ist. Auch ein Stück Regenwald gibt es, in dem sich all die Tierarten tummeln, die für E2 zugelassen sind. Schließlich geht es bei dem Experiment ebenso darum, wie sich die einzelnen Arten unter solchen Bedingungen verhalten und wie sie ihr Überleben sichern. Oder eben nicht. Aber auch blinde Passagiere schleichen sich trotz aller Kontrolle an Bord der postmodernen Arche: Kakerlaken und Mücken machen den Terranauten das Leben schwerer, als es ehedem schon ist.

Spärliche Welt

So entwirft T.C.Boyle also die Welt der Terranauten. Für meinen Geschmack ein wenig mager und arm an überraschenden Konflikten, die Leser so gerne mögen. Ich frage mich, was mit ihm los ist; wo sein Ideenreichtum hin ist und warum er der Situation E2 keinen Zynismus abgewinnen kann. Sein Roman Die Terranauten plätschert so unspektakulär vor sich hin wie die Wassergewinnungsanlage, mit dem der Kuppelbau ausgestattet ist.

Terranauten tun es

Selbst als endlich ein tief greifendes Problem auftaucht, das zwar nicht vorhersehbar war, jedoch recht nahe liegt in Anbetracht der munteren Vögelei im Habitat, hält Boyle sein Feuerwerk an Fantasie so sehr in Zaum wie ein Gastwirt den Lärmpegel im innerstädtisch gelegenen Biergarten. Geradezu zaghaft schraubt er die Spannung hoch bis zu dem Punkt, als Dawn entscheidet, ihr Kind auszutragen und drinnen zur Welt zu bringen. Der Vater ist selbstverständlich dieser smarte Ramsay, den auch Linda nicht von ihrer Bettkante gestoßen hätte. So kommt der kleinen Eve die Rolle als Goldeselchen von E2 zu, denn PR-technisch ist das ein riesen Ding mit dem Baby unter der Kuppel.

Ein Hoch auf die PR

Die gute Linda flippt darüber schier aus und legt mit ihrer Sauferei noch einen drauf, was jedoch nicht zu ihrer erotischen Anziehungskraft beiträgt, sondern eher abschreckt. Schade. Sie würde doch auch so gern vögeln, wenn auch nur draußen. Tja, so treibt es T.C.Boyle in Die Terranauten: Viel Brimborium um wenig Substanz. Ich meine bald, er hat sich für seinen eigenen Romanerfolg eine Menge der PR-Kampagne von Mission Control abgeschaut und selbst verwurstet. Dabei heraus kommt in beiden Fällen Geld für die aktuelle und zukünftige Finanzierung des jeweiligen Projekts.

Persönliches

Als Fan von T.C.Boyle und seinen vielen, großartigen Romanen und Geschichten, enttäuscht mich Die Terranauten. Mir fehlt der Boylsche Blickwinkel auf die Idee einer künstlichen Welt, die im Falle eines irdischen Exodus ein Ort wäre, wo die Menschheit quasi neu beginnen kann. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um die damit verbundenen Probleme vorherzusehen. Das ständige Miteinander, die Versorgung mit Nahrung und das Triebhafte in uns, das wird Konflikte bereiten, das liegt ja auf der Hand. Von T.C.Boyle hatte ich weitere Aspekte erwartet, die dabei eine Rolle spielen könnten. Oder zumindest Tiefgang bei der Betrachtung der logischerweise eintretenden Problematik. Die Terranauten ist in jedem Fall massentauglich und es würde mich nicht wundern, wenn ihm damit der zweite Bestseller in Folge gelingt.

 

Das Buch Die Terranauten in einem Satz:

Ein wenig spannendes Buch über das Leben in einer künstlichen Biosphäre.

Meine Bewertung von Die Terranauten aus schreibtechnischer Sicht:

Bildhafte Sprache * * * * *

Charaktere * * * * *

Handlungsaufbau * * * * *

Spannungsbogen * * * * *

Dialoggestaltung * * * * *

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Zur Website von T.C.Boyle vom Hanser Verlag

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