Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist der erste Roman von Haruki Murakami, der mir in die Hände fällt. Bisher sah ich es als Leselücke an, noch kein Buch dieses famosen japanischen Schriftstellers gelesen zu haben. Die Gestaltung des Covers ist gleichzeitig schrill und altmodisch mit dem Hartplastikeinband, der dem schwarzweißen Buchdeckel seine Farbe verleiht. Eine hübsche Umweltsünde, die der Dumont Verlag 2014 begeht. Und natürlich eine direkte Anspielung an den farblosen Herrn Tazaki, den ich auf den folgenden Seiten kennenlerne.

Am Anfang steht der Tod

Tsukuru Tazaki denkt an nichts anderes als an den Tod. Zumindest ein halbes Jahr seines Studentenlebens lang. Den Verlust seiner Freunde kann er allein durch diesen Gedanken verkraften, der ihn einige Monate völlig einnimmt und dann zum Glück spurlos verschwindet. Genauso spurlos, wie seine vier farbigen Freunde sein Leben verließen. Den Grund dafür erfährt Tsukuru erst einmal nicht. Er nimmt diese Tatsache in seiner Farblosigkeit einfach hin, ohne nachzuhaken. Stattdessen kniet er sich in seine Studien als Ingenieur, spezialisiert auf den Bau von Bahnhöfen.

Faszination Bahnhof

Denn Bahnhöfe faszinieren ihn schon seit seiner Kindheit. Nichts macht Tsukuru lieber, als seine Zeit in diesen zugigen Gebäuden zu verbringen und lauter eigene Studien anzustellen. Freilich sind bereits alle Bahnhöfe in Tokio gebaut, weshalb er in den Genuss einer Neuschaffung nicht kommen wird. Aber Optimierungen, die sind immer mal angesagt. So besteht dann sein Arbeitsalltag aus der Planung und Organisation vom Einbau neuer Aufzüge oder ähnlichem.

Spurloses Verschwinden

In seiner Freizeit beschäftigt er sich vorzugsweise mit Büchern, Schwimmen oder ausgewählten Menschen. Sein Freund Haida, mit dem er etliche schöne Stunden verbringt, verschwindet leider ebenso plötzlich und unerklärlich aus seinem Leben, wie einst seine Jugendfreunde. Und wenn da nicht diese Sara wäre, in die der farblose Tazaki schwer verliebt ist, dann wäre sein Leben tatsächlich grau in grau.

Klischee und Philosophie

Sie ist es, die ihn wachrüttelt und auf die Suche schickt nach den Antworten auf die bisher ungeklärten Freundschaftsverluste. Eine haarsträubende Story muss Tsukuru am Ende erfahren, die ich als Leserin ziemlich unglaubwürdig finde. Und auch ein wenig peinlich berührt bin ich von diesem Plott, der aus meiner Sicht lauter Klischees bedient. Schade, denn gleichzeitig stecken die Seiten von Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki voll mit philosophischen Ansichten.

„…… Eifersucht war – das hatte Tsukuru durch diesen Traum begriffen – das trostloseste Gefängnis, das es auf der Welt gab. Denn es war ein Gefängnis, in das der Gefangene sich gewissermaßen selbst einsperrte. Niemand zwang ihn dazu. Er ging aus freien Stücken hinein, schloss von innen ab und warf den Schlüssel durch das Gitter nach draußen. Und niemand auf der Welt wusste, dass er dort eingekerkert war. Nur wenn er sich selbst dazu entschloss, konnte er es verlassen. Denn das Gefängnis befand sich in seinem Inneren. Doch er war außerstande, diesen Entschluss zu fassen. Sein Herz war von einer unüberwindlichen Mauer umgeben. Das war die wahre Natur der Eifersucht……“

(Zitat aus Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami)

Kreative Schreibtechniken

Haruki Murakamis Erzählweise ist ruhig und fließend wie ein Wasserspiel in einem Zen-Garten. Überhaupt scheint er als Autor die einzelnen Passagen in seinem Romangarten herumzuschieben, wobei dabei leider auch Doppelungen vorkommen. Insgesamt mag diese Ruhe die Geschichte tragen, aber bei den Dialogen wirkt sie auf mich eher störend, weil sie ein schleppendes Moment mit sich bringt. An vielen Stellen ist der wörtliche Austausch langweilig und misslungen, weil kein szenisches Geschehen mit einhergeht oder sogar das Echo dominiert. Dafür erschafft der Autor jedoch viele Assoziationen und Vergleiche, wie sie schöner – vielleicht sogar ästhetischer – nicht hätten ausfallen können.

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