Die Kunst des Feldspiels von Chad Harbach

Die Kunst den Feldspiels ist der erste Roman des 1975 geborenen Chad Harbach. Allerdings ist der Autor in der amerikanischen Literaturszene kein unbeschriebenes Blatt, betreibt er doch seit vielen Jahren eine Literaturzeitschrift mit Namen n+1.  Insofern dürfte es ihm nicht schwer gefallen sein, auf sein Debut Die Kunst des Feldspiels hinreichend aufmerksam gemacht zu haben, was ganz sicher zum Erfolg dieses Buches beitrug. Denn zumindest im nicht amerikanischen Raum ist das Hauptthema kein Bereich, für den sich viele Menschen begeistern. Nach den ersten dreißig Seiten war ich geneigt, das Buch wegzulegen, denn detaillierte Baseball-Spielkunst interessiert mich überhaupt nicht. Dann jedoch fesselte mich Schwartzy.

Gelungener Charakter

Mike Schwartz ist Mannschaftskapitän der Harpooners, wie die Baseballmannschaft des Westish Colleges heißt. Schwartzy lebt für sein Team und im Laufe des Buches stellt sich heraus, dass ihm eigentlich gar nichts anderes übrig bleibt, weil er nichts anderes in seinem Leben hat. Tag und Nacht treibt ihn eine einzige Sache an: Den Harpooners zu Erfolg zu verhelfen, eine verflucht gute Baseballmannschaft daraus zu machen.

Die Kunst des Feldspiels

Darum setzt er auch alles daran, Henry Skrimshander, den er als Super-Shortstop entdeckt, in sein Team zu holen. So wird Henry zum Student am Westish College im kalten Wisconsin. Wobei sein Studentenleben selbstredend hauptsächlich aus dem Training für die Baseballmannschaft besteht. Aber das ist ihm nur recht und lieb, trägt er doch schon lange seine Bibel Die Kunst des Feldspiels von einem Baseballer Namens Aparicio mit sich herum. Die neue Chance, sich als Shortstop behaupten zu dürfen, trug er bisher als Traum mit sich herum. Jetzt soll daraus Realität werden.

O.

Da er aus einfachen Verhältnissen stammte, hätten seine Eltern ihm das College niemals finanzieren können. Nun jedoch, als Stipendiat, darf er sein Zimmer mit einem weiteren förderungswürdigen Collegemitglied teilen. Owen, auch O. oder Buddha genannt, ist homosexuell, was jedoch keinen der Mitstudenten stört. Auch Henry nicht. Im Gegenteil genießt er die Vorteile eines ordentlichen und hübsch eingerichteten gemeinsamen Appartements sehr. Im Übrigen ist Owen auch ein netter Kerl, der es immer wieder schafft, durch seine positiven Energien, die er mit Yoga und Mediation fördert, Ruhe ins Team zu bringen.

Neue Erfahrungen

Owen ist zudem noch ziemlich hübsch, was auch dem Präsidenten des Westish nicht entgeht. Er heißt befremdlicherweise Affenlight und verliebt sich unsterblich in seinen Schüler O. Mit fast sechzig Jahren erlebt er eine Art Coming-out, das auch ihm selbst unbegreiflich erscheint. Natürlich lassen sich die damit verbundenen Probleme leicht erahnen und am Ende stellen sie sich auch ein. Affenlight wird bei seiner Liebelei erwischt und muss seinen Platz räumen. Er tut dies dann doch überraschend anders, als eingefädelt und von mir als Leserin erwartet.

Suche nach dem Kernthema

Für seine Tochter Pella bricht damit eine Welt zusammen. Zu diesem Mädchen bekomme ich leider keinen rechten Zugang. Auf mich wirkt sie als Charakter indifferent, nicht schlüssig und im Prinzip überflüssig. Auch ihr Mann, der für einen Abend auftaucht und ein ganzes Kapitel füllt, hat für die Handlung des Buches keinerlei Bedeutung, weshalb sein Auftritt an den Haaren herbeigezogen wirkt. Pella ist übrigens die einzige weibliche Figur, der in dem Buch eine nennenswerte Rolle zukommt. Dieser Umstand bestärkt meine Unsicherheit darüber, was genau die Kerngeschichte in Die Kunst des Feldspiels darstellt. Ist es das Leben auf dem Field? Das Leben im College? Das Wesen des Lebens überhaupt? Oder ist es vielleicht das Thema Homosexualität? Letzteres nimmt in dieser Geschichte ehedem eine merkwürdige Position ein.

Talent verpflichtet

Wie auch immer, im Laufe der Geschichte erlebe ich ein großes Scheitern, das mich emotional einnimmt und an die Herausforderungen denken lässt, die jedes Leben so mit sich bringt. Ganz besonders dann, wenn man ein besonderes Talent hat, kann es schon mal verdammt schwierig werden. Aber genau so plötzlich, wie Henry Skrimshander in seine Krise hineinschlittert, entkommt er ihr auch. Das wiederum gibt es eben nur in Büchern und Filmen.

Kreative Schreibtechniken

Chad Harbach ist kein Creative Writer. Seine Sprache ist nur selten bildhaft, Beschreibungen scheinen ihm mehr zu liegen. Das macht mir als Leserin besondere Schwierigkeiten bei den vielen Passagen, die auf dem Field stattfinden. Um diese wirklich zu verstehen oder sie mir bildhaft vorzustellen, hätte ich einen Einführungskurs in die Techniken und Fachbegriffe des Baseballspiels benötigt, der natürlich weder existiert noch als Anspruch an den Leser gestellt werden sollte. Für mich nimmt das Fachkauderwelsch in Die Kunst des Feldspiels entschieden zu viel Raum ein, in dem ich mich nicht orientieren kann.

„….. Die Führung der Harpooners hielt bis zum dritten Inning vor. Dann wurde ein Amherst-Schlagmann vom Pitcher am Körper getroffen und durfte zur First Base vorrücken, die er nach einem Hit in Richtung Second verließ, und nachdem sich ein weiterer Schlagmann vorsätzlich out machen ließ, damit der erste sicher die Home Plate erreichte, stand es Unentschieden. Um ein Haar wäre es für Westish noch schlechter ausgegangen, dann aber tauchte Izzy – die Läufer auf First und Third waren bereits draußen – nach einem Ball, der zwischen Shortstop und Third Base hindurchflog, und schlenzte ihn, noch flach auf dem Bauch im Gras des Outfields liegend, zu Ajay hinüber, der die Spieler out machen konnte…..“

(Zitat aus Die Kunst des Feldspiels von Chad Harbach)

Bei diesem Zitat handelt es sich keinesfalls um eine Ausnahme. Sequenzen in diesem Stil füllen das Buch seitenweise. Dafür sind jedoch die Hauptcharaktere sehr gut gelungen. Besonders Schwartzy, der absolut überzeugend und scharf gezeichnet ist, werde ich nicht mehr vergessen. Auch der Handlungsaufbau ist sauber ausgearbeitet, der Spannungsbogen bis ans Ende straff gespannt. Aber das sind nicht ausgesprochene kreative Techniken, sondern allgemeingültige Ansprüche an gute Geschichten. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, in den begeisterten  Jubel zu diesem Buch einzusteigen. In meiner Sammlung stelle ich es zu den Exemplaren, die ich kein weiteres Mal lesen werde.

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