Die Frauen von T.C.Boyle

Der Roman Die Frauen von T.C.Boyle ist keinesfalls eine allgemeine Betrachtung des weiblichen Geschlechts. Vielmehr nimmt er die vier Frauen des berühmten Architekten Frank Lloyd Wright ins Visier und erzählt durch sie und mit ihnen vom Leben dieses charismatischen Mannes. Schuld daran ist selbstverständlich eine Frau, seine Frau, T.C.Boyles Frau, die unbedingt in einem Haus des Baumeisters wohnen wollte und seither in Kalifornien die Vor- und Nachteile eines solchen Baukörpers am eigenen Leibe erfährt. Diesen Umstand und vielleicht auch das Gedenkjahr 2009 zum 50. Todestag von Frank Lloyd Wright, in dem dieses Buch nun ausgerechnet erschien, nahm T.C.Boyle wohl zum Anlass für seinen Roman Die Frauen.

Die Fellowship

Es ist ein junger Japaner namens Tadashi Sato, der die Geschichte erzählt. Im Herbst 1932 kam er nach Wisconsin in die USA, um auf dem Anwesen Taliesin beim Meister persönlich zu lernen. Frank Lloyd Wright, der zwar reich an Erfolg aber immer pleite war, hatte die geniale Idee, dort eine Fellowship zu gründen. In der Realität gestaltete sich dies so, dass seine Fellower 😉 viel Geld dafür bezahlten, auf Taliesin von morgens bis abends zu schuften. Und dies nicht nur im Zeichensaal, sondern je nach Bedarf auch auf den Feldern, in den Ställen oder in der Küche.

Geniale Wesenszüge

Mit dieser Fellowship deuten sich der Geschäftsgeist und die Selbstherrlichkeit von Frank Lloyd Wright bereits an. Immerhin bescherte diese Kombination der Nachwelt mehr als 200 Gebäude mit der architektonischen Handschrift des durchsetzungsfähigen Künstlers. Wobei der Hauptteil seiner Einnahmen aus dem Handel mit wertvollen Kunstgegenständen – meist japanischen Ursprungs – stammte, die er seinen Kunden oft gleich mit dem Haus andrehte.

Die Frauen

Aber um all das geht es in Die Frauen wenn überhaupt nur sekundär. Primär geht es um Catherine, Mamah, Miriam und Olgivanna, die – so stellt T.C.Boyle es sich jedenfalls vor – das Leben Frank Lloyd Wrights heftig kolorierten. Waren die Frauen auch noch so verschieden, so einte sie alle die Tatsache, dass sie erheblichen Ärger in sein Dasein brachten. An ihnen entzündete sich das herrschaftliche Heim Taliesin mehrfach und auch den Sheriff und das Gericht trägt jede von ihnen – gewollt oder ungewollt – in sein Leben.

Von hinten

Dabei beginnt T.C.Boyle seinen Roman mit Olgivanna, der letzten Ehefrau von Frank Lloyd Wright, und rollt seine Frauengeschichten somit von hinten auf. Das führt dazu, dass ich das Haus Taliesin zuerst abbrennen sehe, bevor ich ganz am Schluss erlebe, wie es gebaut wird. Selbstverständlich setzt T.C.Boyle diese Konzeption gekonnt um und löst damit Spannung statt Verwirrung aus.

 Unten zu viel

Gleichwohl kenne ich keinen anderen Roman, der mit so einer Vielzahl von Fußnoten ausgestattet ist. Eigentlich Merkmal einer wissenschaftlichen Arbeit dienen sie hier als Ergänzungen zu der Erzählung, die Tadashi verfasst. Ein Umstand, den ich gewöhnungsbedürftig finde, fühle ich mich doch andauernd aus der Erzählung hinausgerissen. Darum las ich diese Zusatzinformationen auch erst mit, als ich das Buch zum vierten oder fünften Mal genoss. Vorher war ich einfach zu beschäftigt mit der Hauptgeschichte.

Kreative Schreibtechniken

Übrigens ist Die Frauen eines der wenigen Bücher, das ich sofort wieder von vorne begann, nachdem ich den letzten Satz gelesen hatte. Ich wollte einfach noch nicht Abschied nehmen von Taliesin, wollte dort noch viel länger verweilen, weshalb ich eben einfach wieder von vorne begann. Im Hinblick auf einen gelungenen Roman im Stil des Kreativen Schreibens ist dem wohl nichts mehr hinzuzufügen. Auch eine Analyse erübrigt sich, spricht doch jedes von T.C.Boyle verwendete Wort für sich. Aber ein Beispiel, das will ich durchaus geben. Das folgende Zitat findet sich gleich am Anfang, als Tadashi mit seinem Automobil nach Taliesin unterwegs ist:

„……Das Ganze wurde dadurch noch komplizierter, dass ich es nicht schaffte, das Verdeck zu schließen, weshalb mein Gesicht nicht nur von der sengenden Sonne und einer gnadenlosen Kanonade von Staub, Hühnerfedern und pulverisiertem Dung ausgesetzt war, sondern auch dem Glotzen jedes einzelnen phlegmatischen Einheimischen, den ich auf dem Weg durch Wisconsin passierte. Die Radfurchen waren eine Plage, die Schlaglöcher Pfuhle voll verfärbtem Wasser, das alle zwanzig Meter geysirartig in die Höhe spritzte. Und dann die Insekten: Noch nie im Leben hatte ich so viele Insekten gesehen – als wäre die Urzeugung eine Tatsache und die Erde würfe sie einfach so aus, wie Pollenkörner, zahllos wie Sand oder Staub. Sie zerplatzten auf der Windschutzscheibe zu leuchtenden Klecksen aus Flüssigkeit und festen Stoffen, bis ich die Straße kaum mehr erkennen konnte. Und überall die ziellos herumlaufenden Farmhunde, die umherirrenden Gänse, desorientierte Schweine und selbstmörderische Kühe – ein Hindernis nach dem anderen tauchte unvermittelt in meinem Blickfeld auf, bis ich schließlich vor jeder Kurve, jeder Kreuzung innerlich erstarrte. Ich muss an hundert Farmwagen vorbeigefahren sein. An tausend Feldern. Unzähligen Bäumen. Ich klammerte mich am Lenkrad fest und biss die Zähne zusammen….“

(Zitat aus Die Frauen von T.C.Boyle)

Und damit bin ich mitten in Wisconsin, sitze quasi auf dem Beifahrersitz neben Tadashi und halte wie er den Atem an, als Taliesin sich aus den Hügeln erhebt, als würde es aus ihnen herauswachsen.

Mir persönlich wäre es wohl lieber gewesen, wenn T.C.Boyle sein Augenmerk mehr auf das Gebäude als auf die Frauen gerichtet hätte und mir davon mehr gezeigt hätte. Aber gut, es gibt genügend architektonische Dokumentationen, in denen ich darüber etwas erfahren kann. Oder diesen kurzen Film zum Beispiel:

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Deutschsprachige Seite über T.C.Boyle

 

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