Die eiskalte Jahreszeit der Liebe von A.D. Miller

Ich liebe Schnee und Russland fasziniert mich. So kommt mir Die eiskalte Jahreszeit der Liebe von A.D. Miller gerade recht, zumal ich erst kürzlich ein Buch über dieses Land las, das mich schlichtweg umgehauen hat. Der Autor A.D. Miller war bis 2007 Moskaukorrespondent für eine britische Zeitung und ich gehe davon aus, er weiß, wovon er schreibt. Schon der erste Satz ist so verwirrend, wie dieses übergroße Land: „Ich roch sie, ehe ich sie sah.“ Ein toller Anfang, der meine Lesefreude in höchste Wallung versetzt.

Ein falsches Instrument

Doch gleich auf der nächsten Seite treffen mich des Autors Worte wie ein Schlag ins Gesicht: Der schreibt gar nicht für mich, sondern für sein Liebchen, das er in drei Monaten heiraten wird und mit Die eiskalte Jahreszeit der Liebe so eine Art Beichte seiner Zeit in Russland ablegt. So romantisch das an sich ja sein mag, so sehr fühle ich mich ausgeschlossen. Allenfalls bleibt mir das Gefühl einer Spannerin, die sich Einblick in eine intime Situation verschafft. Auch wenn mich der Autor A.D. Miller als Leser dazu legitimiert, indem er das Buch am Gott und die Welt verkauft, steigt doch an den vielen Stellen, in denen er sich direkt an sein Liebchen wendet, ein fader Lesergeschmack auf. Aus schreibtechnischer Sicht halte ich dieses Instrument für ziemlich ungeschickt.

Ordnung sollte sein

Ich weiß auch nicht, ob seine angenommene Liebesbeziehung zu der jungen, hübschen Russin Mascha tatsächlich Anlass zur Beichte bietet. Denn besonders leidenschaftlich gestaltet sich diese Affäre nicht. In der ganzen Geschichte spielt sie letztendlich eine untergeordnete Rolle, auch wenn Mascha und ihre Cousine Katja die Handlungsfäden ziehen. Aber Stopp – jetzt verfalle ich in den gleichen Fehler wie der Protagonist Nick und nehme die Dinge vorweg. Zwar entschuldigt sich dieser an jeder Stelle dafür, aber ich frage mich, warum er dann seine Geschichte nicht gleich in eine chronologische Ordnung bringt.

Die Story zählt

Okay, das sind für den Leser ärgerliche Kleinigkeiten, die eine grundgute Story durchaus wettmachen kann. Die eiskalte Jahreszeit der Liebe entführt mich in einen Winter in Moskau und ich muss zugeben, oftmals fror ich unter meiner warmen Bettdecke, so treffend ließ der Autor A.D. Miller diese eisige Kälte in mich hineinkriechen. Der Protagonist Nick ist Engländer und arbeitet als Anwalt in dieser gigantischen Stadt. Er sorgt für die vertragliche Absicherung enormer Summen, die Banken in Projekte verschiedener Art, oft jedoch in Ölförderungsaktivitäten hineinpumpen. Wo es um die Vergabe von fremden Milliarden geht, bleiben Schurken natürlich nicht lange fern. Und so bekommt es Nick mit dem Kosaken zu tun, der für mich als Leserin schnell die Geschäftswelt in Russland repräsentiert.

Hier mal ein kleiner Einblick in diese Welt und den Schreibstil des Autors A.D. Miller:

„……Ehrlich gesagt, selbst die Banker kümmerte es damals nicht besonders, ob die Banken, für die sie arbeiteten, ihr Geld auch zurückbekamen. Sie verdienten ihre Boni schon fürs Austeilen und würden vermutlich längst versetzt oder befördert worden sein, ehe die Russen oder wer auch immer mit den Rückzahlungen auch nur in Verzug geraten konnten. Die Banken aus dem Westen waren scharf darauf, mit Moskau ins Geschäft zu kommen, da alle anderen es auch zu sein schienen, und die meisten kümmerte es nicht besonders, an wen das Geld ging. Wenn sie Kredite an eine der großen Energiefirmen oder einen Metallbetrieb vergaben, dann oft ganz ohne Sicherheiten: Die Russen ertranken in Petrodollar; außerdem wussten die Firmenbosse, langfristig würden sie sowieso reicher werden, wenn sie sich nur an die Gepflogenheiten hielten – oder nicht?…..“

(Zitat aus Die eiskalte Jahreszeit der Liebe von A.D. Miller)

So kann man’s verstehen

Vor diesem Hintergrund kann das derzeitige Desaster der Banken wohl kaum noch verwundern. Die Frage, wie solche Institute zu so horrenden Fehlbeträgen gelangen, sei damit hinreichend beantwortet. Schade nur, dass dafür die Bürger und ehrlichen Geschäftsleute aufkommen müssen. Aber nun schweife ich ab.

Maschas Masche

Denn auch kleine Ganoven treiben in diesem Moskau ihr Unwesen. Dass Mascha und Katja dazu gehören, wird Nick erst klar, als er bereits unwissend zu deren schäbigem Deal beigetragen hat – und dann auch nie wieder von seiner Mascha, seinem russischen Mädchen, etwas hört. Bestürzt stellt es dann fest, wie er die Babuschka Tatjana Wladimirowna obdachlos und arm gemacht hat. Nun ja, das passiert halt schon mal, wenn man sein Wissen als Anwalt für die dunkle Seite der Wirtschaft hergibt. Vor allem dann, wenn man wie Nick lieber in Striptease-Schuppen abhängt, als einen stillen Ort aufzusuchen, an dem man seine Synapsen mal aktiviert und nachdenkt.

Kreativer Schreibstil

Der Autor A.D. Miller sticht für mich durch ein gleichmäßiges Mittelmaß hervor, das sich durch einen Schreibstil kennzeichnet, der weder besonders kreativ noch besonders unkreativ ist. Streckenweise vermittelt er mir ein deutliches Bild von Moskau, wie es unter den Schneemassen versinkt und frostig vor sich hindümpelt. Dann wieder langweilt er mich mit den unsäglichen Praktiken des Bad-Bankings, die mich im Detail null interessieren und die ich selbst gedanklich kaum nachvollziehen kann. Oftmals tritt der Journalist in A.D. Miller vor den Autor; ein Eindruck, der auch hinsichtlich des Handlungsgerüsts bei mir entsteht. Da riecht es nach journalistischem Handwerkszeug, das Skandale aufdeckt. Dies in eine spannende und fesselnde Geschichte zu verwandeln, ist jedoch eine Kunst für sich und bedarf einer Menge Feingefühl, woran es A.D. Miller in Die eiskalte Jahreszeit der Liebe aus meiner Sicht mangelt. Ein sachlicher, prosaischer Stil nach dem Motto Ein Anwalt in Moskau packt aus überlagert in vielen Szenen die literarischen Bemühungen des Autors.

 Epilog

Die wenig gelungene Mischung aus tatsächlichen Gegebenheiten und einer fiktiven Geschichte lässt sich für mich kaum einordnen. Gleichzeitig kommt dabei aber auch keine einzigartige Kombination zustande, die einen Sonderplatz erhalten könnte. Teilweise habe ich mich gefragt, ob der Autor mir als Leser die Augen öffnen will für ein Russland, von dem man sich besser fernhält; also fast schon Negativpropaganda betreibt. Seinem Liebchen würde ich raten, diese Hochzeit noch einmal genau zu überdenken. Denn in seinem letzten Satz offenbart sich ein Hinweis auf die eventuelle Schizophrenie ihres zukünftigen Gatten:

„….Vor allem aber bleibt ein Gefühl von Verlust. Das ist am schlimmsten. Mir fehlen die Trinksprüche und der Schnee. Mir fehlt die Neonpracht auf dem Bulwar mitten in der Nacht. Mir fehlt Mascha. Mir fehlt Moskau.“

(Zitat aus Die eiskalte Jahreszeit der Liebe von A.D. Miller)

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