Der Untergang Barcelonas von Albert Sánchez Piñol

Den neuen Roman von Albert Sánchez Piñol Der Untergang Barcelonas habe ich mit Spannung erwartet. Mit seinem  Buch Pandora im Kongo hat er bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ist es doch ein ausgesprochen lesenswertes Werk, nicht nur im Hinblick auf den Einsatz kreativer Schreibtechniken. Insofern hatte ich erwartet, der Autor würde die spanische Geschichte mit ähnlicher Kunstfertigkeit bearbeiten und einen historischen Roman der Weltklasse hinschmettern.

Ingenieurskunst

In Der Untergang Barcelonas beginnt er die Wirrnisse des sogenannten Erbfolgekriegs am Ende des 18. Jahrhunderts mit seinem Protagonisten Martí Zuviría, der sich zu diesem Zeitpunkt in Frankreich in der Ausbildung als Ingenieur befindet. Etwas befremdet bin ich von dem, was Ingenieure seinerzeit lernen. Nach etlichen Seiten wird mir klar, sie werden für die Kriegskunst, genauer gesagt die Kunst der wirkungsvollen Verteidigung ausgebildet. Sie lernen, Bastionen zu entwerfen, die sowohl einer Belagerung als auch dem nachfolgenden Angriff standhalten.

Fachliteratur

Zum Glück fügt Piñol in Der Untergang Barcelonas seinen weitschweifigen Ausführungen einige Abbildungen hinzu, denn seine Worte selbst stellen die fachtechnischen Anforderungen an Bastionen und Angriffsgräben leider nicht bildhaft genug dar. So quäle ich mich also knapp 200 Seiten durch ein Fachgebiet, das mich ehrlich gesagt einen Feuchten interessiert. Gespickt mit einigen Witzigkeiten, für die der Autor die Charaktere Ducroix erschaffen hat, und einer aussichtslosen, wenngleich auch leidenschaftlichen Liebesromanze mit der umwerfenden Jeanne, bleiben Zuvis Ausführungen am unteren Rand meines Interesses.

Kriegswirren

Dann schließlich geht es endlich los und Zuvi Langbein springt mit einem riesen Satz mitten ins Getümmel der Habsburger auf der katalanischen Seite und der Bourbonen auf der spanischen. Der Untergang Barcelonas nimmt seinen Anfang in weiter Entfernung. Die Schlachten von Almansa, Tortosa, Brihuega und Villaciciosa führen mit einem weiten Umweg über Madrid schlussendlich nach Barcelona. Zahlreiche Generäle, Oberleutnants und Hauptmänner zeichnen sich für die Siege und Niederlagen beider Seiten verantwortlich. Der gute Zuvi befindet sich immer mittendrin und gibt sein Bestes, marode Bastionen zu optimieren oder wirkungsvolle Angriffsgräben zu entwerfen. Auch wenn seine Bemühungen immer wieder von den roten oder schwarzen Plüschlingen durchkreuzt werden, die weit hinter der Front ihre Fäden zugunsten der einflussreichen Elite ziehen.

Kriegskunst

„…….
Der Laufgraben wurde in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1714 eröffnet.
[….]
Dass ein Laufgraben an seinem ersten Lebenstag angegriffen wird, ist bei jeder Belagerung die Regel und so gewöhnlich, dass es vielmehr erstaunt, wenn dieser Angriff ausbleibt. Die Arbeiter und die Truppe, die sie entdeckt, befinden sich in besonders exponierter Lage. Das übliche Manöver besteht darin, dass man von den Mauern aus den Laufgraben v¡bombardiert, wobei im Pulk eine umfangreiche Truppe ausfällt. Ist der Ausfall gut vorbereitet, werden die Belagerten mit etwas Glück die Laufgrabeneskorte und die bisher kaum vertiefte Parallele überrennen, die noch wenig Schutz bietet. Bei diesem ersten Ausfall versuchen die Belagerten, die Arbeiten zunichtezumachen, ja den Graben wieder zuzuschütten und sich gleich darauf zurückzuziehen. Das hört sich läppisch an, aber im Krieg ist die Moral alles. Die Stadt hat eine Botschaft an die Angreifer geschickt: „Was ihr errichtet habt, ist eingerissen!“. Die Arbeiten müssen von neuem beginnen.
Die bourbonischen Stellungen waren verwundbar, wie bei jedem Laufgraben am ersten Tag. Aber beim Überarbeiten von Verbooms Entwurf hatte ich darauf bestanden, ganz nah an den Mauern zu beginnen. In ungewohnt kurzer Entfernung, keine Frage. Eineinhalb Gewehrschuss weit, an die sechshundert Meter nur. Meine geheime Hoffnung, die ich Verboom natürlich verschwieg, bestand darin, dass ein so aufmerksamer General wie Don Antonio die Arbeiten bemerken würde. Alles spielte uns in die Hände. Da die erste Parallele so nah an den Mauern lag, würden unsere Jungs den Graben in einem Blitzangriff stürmen können. Wenn sie sich beeilten, würden sie erst Verluste erleiden, wenn es Mann gegen Mann ging, und im Nahkampf konnten die französischen Söldner des Ungeheuers und Kleinphilipps spanische Rekruten mit ihrer Leidenschaft nicht mithalten.
….“
(Zitat aus Der Untergang Barcelonas von Albert Sánchez Piñol)

Fachbegriffe

Was die damalige Kriegskunst angeht, weiß ich jetzt durchaus ein wenig Bescheid, auch wenn ich das meiste – trotz Skizzen – nicht richtig begriffen habe. Auch für viele Worte des Fachvokabulars fehlen mir Bilder, beispielsweise für Schanzkörbe, Gabionen oder Glacis. Wer diese hässliche, dicke Waltraud ist, die der gute Zuviría immer mal beschimpft, weiß ich nicht – die Rezensenten von Amazon sind sich sicher, es handelt sich dabei um die Haushälterin des Guten. Naja, vielleicht habe ich da im Eifer des Gefechts etwas überlesen.

Kreative Schreibtechniken

Der Vergleich mit dem ersten Roman von Albert Sánchez Piñol lässt bei mir Ratlosigkeit aufkommen. Denn Der Untergang Barcelonas ist dagegen mehr als schwach. Sein exzellentes Händchen für gelungene Charaktere kommt nur ansatzweise zur Geltung. Der Handlungsaufbau ist zwar durch die geschichtlichen Ereignisse vorgegeben, hätte aber durchaus einen zweiten, thematisch auflockernden Erzählstrang erhalten können. Der Spannungsbogen ist mehr als dürftig, gezeichnet durch Längen, die wohl für die allermeisten Leser eine Qual darstellen. Ich frage mich wirklich, wie ein und derselbe Autor zwei stilistisch so gänzlich unterschiedliche Werke verfassen kann. Der witzig-spritzige Zynismus, den Piñol in Pandora im Kongo immer wieder zur Schau stellte, fehlt dem Werk Der Untergang Barcelonas fast gänzlich. Und auch das Ende versöhnt mich keineswegs mit diesem wenig genussreichen Schinken von Buch. Nach einer so detaillierten Vorgeschichte hätte der Autor dem Nachhall schon noch ein paar Seiten widmen können. Von den paar übriggebliebenen Gestalten, die nach jener mörderischen Schlacht um Barcelona am 11. September 1714 noch lebten, muss ich abrupt Abschied nehmen. ¡Mal fet, fillet!

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