Der ungeladene Gast von Sadie Jones

Angekündigt wurde Der ungeladene Gast von Sadie Jones als Bestseller für den Herbst 2012. Den Erscheinungstermin Anfang September begleiteten zahlreiche Marketingkampagnen in Print und Online sowie Anzeigen in einschlägigen Magazinen wie zum Beispiel Brigitte. Genützt hat dieser ganze Aufwand zugunsten der Autorin Sadie Jones leider gar nichts, befindet sich das Buch doch auf Rang 67.853 der Bestsellerliste bei Amazon. Wie konnte das nur passieren?

Was draus machen

Aus meiner Sicht ist es ein gutes Beispiel dafür, dass Marketing zwar nützt und beim Einsatz hoher Kosten auch einen Bestseller stemmen kann, allerdings nur dann, wenn das Buch inhaltlich und stilistisch zumindest hinreichend überzeugt. Der ungeladene Gast hat dies bei mir nicht geschafft. Das Buch ist sogar ziemlich am äußersten Rand dessen gelandet, was ich bereit bin, zu lesen. Die Synopsis mag ja unter Umständen noch überzeugend sein: In einem abgelegenen Landhaus, das durch seine Einzigartigkeit besticht und von seinen Bewohnern tief geliebt wird, gehen am Abend der Geburtstagsfeier von Emerald, der Tochter, merkwürdige Dinge vor sich. Gegen Ende nehmen sie gespenstische Ausmaße an und bewirken eine starke positive Veränderung all derjenigen, die den Abend miterlebten. Denn nicht nur das Haus zeichnet sich durch Individualität aus, auch deren Bewohner, die Familie Swift, ist gänzlich davon beseelt. Besonders Charlotte, die Mutter, und Imogen, die jüngste Tochter, sind von ausgesprochen eigenartiger Natur. Nachdem sich die Schrecken und Wirrnisse der Nacht im Morgentau eines herrlichen Frühlingstages auflösen, entlässt Sadie Jones den Leser mit einem vollendeten Happy End, wie es harmonischer gar nicht sein könnte.

Kein gutes Beispiel

Diesen vielversprechenden Handlungsrahmen setzt die Autorin Sadie Jones leider extrem dürftig um. Da fallen nicht nur ungeschickte Formulierungen oder lange und schwer verständliche Sätze ins Auge, sondern auch noch eine Sprache, die jeder angehende Autor laut Expertentipps zu vermeiden hat. Hier das Zitat einer Passage, in der es darum geht, das Pferd Ferryman vor den Wagen zu spannen:

„…… Das hat und gerade noch gefehlt“, stöhnte Florence Trieves. Ihre Hand zuckte hoch und befingerte angespannt die Uhr an ihrer Brust. Dann stieß sie ein „Mein Gott“ aus, da sie erst jetzt die Männer bemerkte, die sich mit Ferryman abmühten, der immer größeren Anstoß daran nahm, zum Rückwärtsgehen gezwungen zu werden, und ein für ein so großes Pferd sehr hohes und schrilles Wiehern von sich gab.

Die Frauen – auch Smudge, die sich aufgeregt und entsetzt zugleich an Florences Rock klammerte – traten auf die Veranda hinaus, um besser sehen zu können.

„Ho“, rief Robert, als das Pferd unvermittelt einen Satz nach vorn machte.

Clovis bekam einen Stoß von Ferrymans mächtigem Kopf ab, wurde nach hinten geschleudert und trat dabei auf Ernests Jacke, die auf dem Boden lag. Er bückte sich, hob sie auf, schüttelte sie aus und warf sie als eine Art Scheuklappe über den Kopf des Pferdes.

„Das ist Ernests Jacke“, quietschte Patience, aber das Pferd, das jetzt nichts mehr sehen konnte und orientierungslos war, stand einen Moment später endlich in der Deichsel.

Ernest und Robert machten sich daran, die Riemen festzuzerren. Dabei fiel Emerald auf, dass Ernest von dem sie immer noch nur den Rücken sehen konnte, sehr kräftige und gerade Schultern hatte und einen halben Kopf größer war als Robert.

„Hör zu, Emerald“, sagte Clovis. „Stanley und ich nehmen das Fuhrwerk und Robert den Brougham. Ihr anderen bleibt hier.“

„Wieso kann ich nicht auch mitkommen?“, wollte Emerald indigniert wissen…….“

(Zitat aus Der ungeladene Gast von Sadie Jones)

Gewusst wie

Sadie Jones krönt ihre an vielen Stellen schleppende Handlung mit lauter Adjektiven und schreckt sogar vor dem Verhältniswort indigniert nicht zurück. Ich selbst bin durchaus ein Freund von Adjektiven, wenn sie richtig gewählt sind und zur bildhaften Erzählung etwas beitragen. In diesem Buch ist dies jedoch an den seltensten Stellen der Fall. Bei manchen Kombinationen frage ich mich wirklich, wie das aussehen soll, zum Beispiel wenn Emerald die Schulter zuckt und sie gleichzeitig ein Zittern überkommt.

Kreative Schreibtechniken

Hin und wieder nutzt Sadie Jones Vergleiche, um den Leser in die Situation hineinzuziehen, die jedoch nicht mit Einfallsreichtum oder szenischer Genauigkeit brillieren. Die Charaktere wirken in ihrer beabsichtigten Einzigartigkeit stereotyp – was tatsächlich schon an ein Kunststück grenzt, dies so hinzubekommen. Sie erinnern mich im übrigen an bestimmte Grundzüge einiger Personen aus Das Geisterhaus von Isabell Allende. Den Spannungsbogen bekommt Sadie Jones etwa nicht durch schreibtechnische Finessen hin sondern schlichtweg durch die Schilderung von Ungeheuerlichkeiten (anstelle von spannenden Ungereimtheiten!), auf die es mich als Leserin nach Antwort verlangt.

Gähnen inklusive

An vielen Stellen zeichnet sich Der ungeladene Gast durch ermüdende Längen aus, also Geschehnisse, welche die Handlung in keiner Weise vorantreiben. Sadie Jones füllt etliche Seiten mit Nebensächlichkeiten, die keine Bedeutung für die Geschichte haben. Und auch mit der Glaubwürdigkeit hat sie wenig zu schaffen, das belegen besonders die zahlreichen handwerklichen Aktionen, zu denen diese herrschaftlichen Familienmitglieder in einer einzigen Nacht fähig sein sollen. Wer jemals in seinem Leben mit Spaten, Erde, Schubkarre oder Mauerwerk gearbeitet hat, wird darüber sicher nur entrüstet schnaufen können.

Nun ja, immerhin zeigt der Buchtrailer dem interessierten Leser ziemlich genau auf, was er von diesem Buch erwarten kann: ein wenig Schall, eine Menge Rauch, ein herrschaftliches Haus und viel mehr eben nicht.

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