Der Atem der Welt von Carol Birch

Mit jeder Seite tauche ich tiefer ein ins Leben von Jaffy Brown, der sein Zuhause Ende des 19. Jahrhunderts im Stadtteil Bermondsey in London hat. Dort lebt er mit seiner Mutter in den schäbigen Baracken am Fluss, bis eines Tages Tim auftaucht und ihn auf Geheiß seines Chefs zu einer Himbeertasche einlädt. Natürlich ging dieser Belohnung eine große Tat voraus, denn zu dieser Zeit war das Naschen von Himbeertaschen nur den wohlhabenden Menschen vorbehalten. Dieser süße Einstieg führt Jaffy in ein völlig neues, ungeahntes Leben, dessen bittere Variation er beim Kauen des herrlichen Gebäcks noch nicht einmal erahnt.

Mitten in London

Jaffy wird von heute auf morgen zum Tierpfleger für einen auf exotische Arten spezialisierten Kaufmann und damit zu Tims Kollegen. Die Freundschaft der beiden entwickelt sich nur zögerlich und die Autorin Carol Birch versäumt keine Gelegenheit, mich in die Lebensumstände des damaligen Londons hineinzuziehen. Ich kann es hören, riechen, sehen. Dabei leuchtet Carol Birch nicht die Grausamkeiten und Schrecknisse aus, sondern konzentriert sich auf eine neutrale Darstellung der damaligen Gegebenheiten – ein Punkt, der mir von Anfang an positiv auffällt.

Weibliche Betrachtung

Diese erzählerische Haltung behält sie durchgängig bei. Carol Birch ist nicht daran gelegen, ihr Publikum durch menschliche Übeltaten in Atem zu halten. Vielmehr bedient sie sich der ganz normalen zwischenmenschlichen Beziehungen, um die Handlung voranzutreiben. Jaffy und Tim werden für die Exkursion einer Drachensuche auf einer fernöstlichen Insel auserwählt und stechen mit dem Walfangschiff Lysander auf eine dreijährige Fahrt in See. Damit findet ihre Jugend ein jähes Ende im Seemannsdasein, das in Der Atem der Welt durchaus kein Zuckerschlecken ist, sich jedoch von einer Seite zeigt, die ich gern als weibliche Betrachtung der Dinge bezeichnen möchte. Auch hier konfrontiert mich Carol Birch nicht mit ungerechten Gräueltaten eines machtvollen Kapitäns, sondern mit nachvollziehbaren Regelungen auf einem Schiff, das eine lange und mühevolle Fahrt vor sich hat.

Klare Regeln

„……Begeistert sprach der Kapitän dann zehn Minuten lang über Pflicht und Gehorsam und Sich-Zusammenreissen. Diejenigen, die noch nicht gesegelt seien, würden Betreuer erhalten, denen wir zu gehorchen hätten. „Eure Aufgabe ist es jetzt“, erklärte er, „alles, was ihr nur lernen könnt, so schnell wie möglich zu lernen.“ Es herrschten Gesetz an Bord, so streng wie überall sonst auch, mit klaren Regeln und klaren Strafen, wenn man sie brach. Es sei sehr einfach. Diese Regeln seien jederzeit einzusehen, da sie in Abschriften sowohl im Zwischendeck als auch im Logis aushingen. Und wer nicht lesen könne, müsse sich eben einen Vorleser suchen.

„Prägt sie euch sorgfältig ein“, sagte er. „Sie sind jetzt eure Bibel. Und dies hier!“ – wie ein Magier, der die Menge zum Aufstöhnen bringt, zauberte er aus dem Nichts plötzlich eine grässliche Geißel hervor – „ist das, was das Schiffsgesetz als Strafe für jeden vorsieht, der diese Regeln verletzt. Jeden. Ohne Ausnahme.“

Er hielt es hoch, ein bösartiges, zusammenklappbares, behaartes Lederding.

Seht euch das Ding jetzt sehr genau an, denn ich werde es wieder weglegen, und ich hoffe ernsthaft, dass ich es während unserer gesamten Reise nicht mehr sehen muss.“

Die Knute schwang langsam vor unseren mitwandernden Augen hin und her …….“

(Zitat aus Der Atem der Welt von Carol Birch)

Echte Seenot

Im Folgenden lerne ich die Mannschaft kennen, die selbstverständlich aus lauter sonderlichen Charakteren besteht. Ich erlebe den Walfang und die Jagd auf den exotischen Drachen – beides mit erheblichem Zartgefühl erzählt. Und ich harre bei den Überlebenden aus, nachdem die Lysander im Schlund des Meeres versunken ist. Dieser Part allerdings ist mir ein bisschen zu lang geraten, auch wenn die Intention der Autorin Carol Birch durchaus verstehe: Zu erzählen, wie sich diese Menschen mangels Alternative gegenseitig aufessen, bedarf schon eines gewissen Exkurs, wenn dies nicht auf die Schilderung von ordinärem Kannibalismus hinauslaufen soll. Und das ist an keiner Stelle der Fall. Im Gegenteil, was Seenot wirklich bedeutet, weiß ich erst nach diesem Buch.

Kreative Schreibtechniken

Der Atem der Welt besticht durch erzählerische Tiefe und Einfühlungsvermögen. Die Sprache von Carol Birch ist so deutlich, dass sich Vergleiche erübrigen, so konkret, dass Assoziationen wie von selbst entstehen. Die Charaktere sind mit genügend Ticks und Marotten ausgestattet, um eindrücklich vor meinem geistigen Auge zu entstehen. Immer wieder bettet die Autorin die Gefühle in ein weiches Polster aus Handlung. Herausragend finde ich den gänzlichen Verzicht auf Brutalität, und dies, obwohl die Story vom blanken Überleben handelt. Für mich ist es ganz klar eines der Bücher, das in die Schatzecke gehört.

Hier ein erster Eindruck von Der Atem der Welt der Autorin Carol Birch:

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