Das Verschwiegene von Linn Ullmann

Mit Das Verschwiegene präsentiert die norwegische Autorin Linn Ullmann ihren neuesten Roman. Kein Zweifel, Linn Ullman kann schreiben. Dies hat sie auch in ihrer jahrelangen Arbeit als Literaturkritikerin und Kolumnistin für norwegische Zeitungen bewiesen. Handlungsort der Geschichte ist überwiegend eine großzügige, jedoch leicht heruntergekommene weiße Holzvilla in Mailund. Dort wohnt Jenny Brodal, die an ihrem 75. Geburtstag wieder das Saufen beginnt, nachdem sie zwanzig Jahre lang trocken war. Anlass dafür ist – neben dem Verschwiegenen – eine Party, die sie gar nicht geben will.

Bis zum Hals

Jedoch hat sich Siri in den Kopf gesetzt, ein großartiges Fest anlässlich des Geburtstags ihrer Mutter zu organisieren. Für sie stellt das kein Problem dar, denn schließlich betreibt sie zwei Restaurants, eines in Oslo und ein Sommerrestaurant in Mailund. Entsprechend busy ist diese Siri, zumal es an ihr ist, das Geld für ihre vierköpfige Familie zu verdienen. Bis über beide Ohren verschuldet für ein zugiges Reihenhaus, müssen die Euro nur so reinklimpern, damit die Bank nicht ihr Siegel auf die Haustür klebt.

Autorenkrankheit Nummer 1

Von ihrem Mann Jon erwartet sie zwar eine ganze Menge, er jedoch leidet heftig unter einer häufigen Autorenkrankheit: der Schreibhemmung. Zwar schafft er es wie auch immer, seinen Verlag halbjährlich zu vertrösten und sogar immer wieder einen weiteren Vorschuss zu bekommen, zu mehr schriftstellerischer Leistung ist er jedoch nicht fähig. Die Autorin zeichnet in Das Verschwiegene das herrlich zynische Bild eines großspurigen Autors, der zwei Teile seiner weitschweifig angelegten Trilogie schreibt und sich für den dritten Teil in einem Vakuum befindet, aus dem er nicht ausbrechen kann. Dabei wäre es doch so einfach, seine bereits skizzierte Story runterzuschreiben:

„…….Jon hatte große Pläne für den abschließenden Band seiner Trilogie, er musste nur hineinfinden. Jetzt saß er in seinem Arbeitszimmer auf dem Dachboden von Mailund und war ganz sicher, dass der Roman sich in der Geschichte eines Mannes versteckte, der seine Geschichte erzählen wollte, eines Mannes wie zum Beispiel Herman R., und wenn es Jon nur gelänge, den Code zu knacken, stünde ihm die Tür zu seinen eigenen Geschichten weit offen.

Er sah seine Notizen durch.

Als Herman R. zwölf Jahre alt war und als Gefangener im Konzentrationslager Buchenwald in Deutschland saß, sah er eines Tages auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns ein kleines Mädchen. Hungrig und voller Angst fragte er das Mädchen, ob sie ihm etwas zu essen geben könnte. Es nahm einen Apfel und warf ihn über den Zaun.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder, jeder auf seiner Seite des Stacheldrahtzauns, sie sagten nichts, aber das Mädchen warf erneut einen Apfel über den Zaun. So trafen sie sich sieben Monate lang. Mal warf sie Äpfel über den Zaun, mal Brot. Dann wurde Herman in ein neues Lager verlegt, das Mädchen und der Junge wurden getrennt, aber Herman und seine drei Brüder überlebten den Krieg.

Fünfzehn Jahre später zog Herman R. Nach New York, und dort begegnete er einer jungen Jüdin aus Polen. Die Frau hieß Roma. Roma erzählte, dass sie als Kind während des Krieges mit ihrer Familie in Deutschland gelebt habe, wo sie sich für Christen ausgaben. Sie habe in der Nähe des Konzentrationslagers gewohnt, erzählte sie, und einem kleinen Jungen auf der anderen Seite des Zauns Äpfel zugeworfen.

Herman hatte das Mädchen gefunden, das ihn damals vor fünfzehn Jahren am Leben erhalten hatte, das Mädchen mit den Äpfeln, und er hielt sofort um ihre Hand an, und seither waren sie verheiratet……“

(Zitat aus Das Verschwiegene von Linn Ullmann)

Herrlichkeiten des Internets

Eine durchaus vielversprechende Story. Aber Jon sitzt Tag um Tag vor der ersten Seite, die Abend um Abend noch immer vor Leere gähnt. Stattdessen zerstreut er sich mit allerlei Dingen, die das vernetzte Leben so zu bieten hat: Er unterhält regen SMS-Verkehr mit diversen Frauen, surft durchs Internet oder liest die Tagesnachrichten vor und zurück. Gegenüber allen anderen gibt er vor, zu schreiben. Wobei er Siri, die mir beiden Beinen in der harten Realität steht, nur so weit täuschen kann, wie sie es selbst zulässt. Siri durchforstet stichprobenartig seinen Rechner und sein Handy und ist zumindest weitgehend darüber im Bilde, was für einen verlogenen Mann sie in sich hinein lässt.

Niemand ist normal

In Das Verschwiegene erzählt Linn Ullmann überwiegend die Ereignisse im Sommer 2008, den die Familie in der weißen Holzvilla in Mailund verbringt. Dort fokussiert sie die Befindlichkeiten und Lebenssituationen der Charaktere. Dazu gehören auch noch die beiden Töchter Alma und Liv sowie Jennys Mitbewohnerin Irma und nicht zuletzt Mille. Dabei schafft es die Autorin, durchweg alle Figuren ziemlich schräg zu entwerfen. In Das Verschwiegene finde ich nicht einen einzigen normalen Charakter, auch nicht in den Nebenrollen. Tatsächlich tritt jede Figur widersprüchlich auf und trägt damit Das Verschwiegene zur Schau. Besonders schräg gelungen finde ich diesen Jon. Zum Beispiel unterhält dieser eine Liebelei mit Karolina und schreibt ihr dennoch die folgende SMS, die er allerdings nicht abschickt:

„….. Ich werde nirgends mit dir hinfahren und niemals mehr mit dir reden. Du bist uncharmant, pathetisch, lächerlich, hässlich und langweilig, und ich hasse es, mit dir und deiner welken Fotze zu schlafen, und du stinkst, und du erinnerst mich an alles, was an mir und an der ganzen verdammten Welt verachtenswert ist. J Jon……“

(Zitat aus Das Verschwiegene von Linn Ullmann)

Rätselhafte Figur

Eine weitere Figur des Romans ist Mille, die als Betreuung der beiden Töchter mit nach Mailund kommt. Denn dafür hat keiner der Familie Zeit: Siri muss die Restaurants schmeißen, Jon muss (eigentlich) schreiben, Jenny ist als Großmutter völlig ungeeignet und Irma, tja diese Irma ist ehedem ein einziges Fragezeichen. Jedenfalls soll Mille die Aufsicht über Alma und Liv übernehmen. Daraus gestaltet Linn Ullmann einige verspielte Szenen im Garten und auf der Blumenwiese, die Jon von seinem Dachatelierfenster aus heimlich beobachtet. Der schreibgehemmte Autor hat dabei keine Hemmung, der jungen Mille auf Arsch und Titten zu glotzen und sie zumindest gedanklich bettfertig zu vermessen. Bevor es allerdings zu weiteren Verfänglichkeiten kommen kann, verschwindet Mille. Und zwar am Abend der ungewollten Geburtstagsparty. Die Autorin gewährt den Lesern noch einen kurzen Blick auf das, was Mille an diesem Abend passiert, bevor sie spurlos verschwunden ist und von der Polizei und den Dorfbewohnern gesucht wird. Es ist der kleine Simen mit seinen beiden Freunden, der einige Jahre später Milles Leiche findet. Damit übrigens fängt der Roman an.

Kreative Schreibtechniken

Linn Ullmann schreibt sehr präzise und vermittelt dadurch deutliche Bilder. Diese könnten aber noch viel farbiger, viel zugänglicher und lebhafter sein, wenn sie dafür Techniken des Kreativen Schreibens einsetzen würde. Weil sie darauf verzichtet, bleiben die Bilder nüchtern, was ich durchaus als stilistisches Merkmal ihrer Erzählweise zu schätzen weiß. Innerhalb des Handlungsgerüsts hat mich der Spannungsbogen auch ohne Cliffhanger gefesselt, die Rückblenden sind gut platziert und übersichtlich gestaltet. Nicht überzeugt hat mich hingegen die Rolle von Mille. Weder ihr Dasein noch ihr Verschwinden liefern einen Beitrag zur Geschichte. Ihr Weglassen hätte in Das Verschwiegene keine weiteren Konsequenzen gehabt. An der Person Mille ist nichts anderes festgemacht, als die kriminalistische Note des Romans, was auf mich wirkt, wie an den Haaren herbeigezogen. Noch hinzu kommt, dass sich das Verschwinden von Mille nicht aufklärt und auch das Versprechen der Erzählung nicht eingelöst wird, Siri, John und Jenny wüssten entscheidende Dinge zum Tod von Mille. Aus meiner Sicht ist also die Figur Mille überflüssig wenn nicht sogar ärgerlich. Schade, denn begeistert hat mich Das Verschwiegene wegen seiner skurrilen und doch klar durchsichtigen Struktur und diese Mille trübt diesen Eindruck leider ein wenig.

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Eine Antwort auf „Das Verschwiegene von Linn Ullmann“

  1. Dass der Leser nichts weiter über Milli erfährt, hat mich gar nicht gestört. Was mit ihr passiert ist, sollte wohl nicht näher thematisiert werden. Dafür hat mich der Schreibstil der Autorin fasziniert und auch, wie genau sie die Schwächen der Menschen beobachtet hat.

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