Das peinlichste Jahr meines Lebens von Mark Lowery

Das peinlichste Jahr meines Lebens ist durchaus ein gut gewählter Titel, denn wer wird da nicht neugierig. Besonders, weil es nicht das schönste, das erfolgreichste oder das glücklichste Jahr ist, sondern eben das peinlichste. Darüber etwas zu erfahren, ist auf jeden Fall selten und somit spannend. Beim Blick auf das Cover bin ich geneigt, es als das peinlichste Cover ever seen zu einzustufen. Der Esel darauf ist zwar wirklich süß, wirkt aber sehr deplatziert. Auf einem Olivenhain würde er sich jedenfalls besser machen 😉 Wie auch immer, mit dem Eselscover in der Hand beginne ich zu lesen. Erste Seite: großes Erstaunen.

1. Die Liste

Das peinlichste Jahr meines Lebens von Mark Lowery beginnt mit einer Liste! Sie besteht aus zehn Punkten und erinnert an eine Seminararbeit. Dabei ist es das Kapitel Umgang mit Gefühlen, 1. Stunde; eine Überschrift, die auch nicht schlecht verwirrt. Letztendlich jedoch präsentiert Mark Lowery auf diese Weise den Charakter seines Protagonisten allumfassend und auf eine ganz neuartige, kreative Weise. Nach der ersten Seite weiß ich alles über diesen Michael Swarbricks und das peinlichste Jahr seines Lebens. Einen Reim darauf kann ich mir allerdings nicht machen, was die Neugierde auf das Buch durchaus steigert.

2. Die Fußnoten

Das nächste untypische Kennzeichen für ein literarisches Werk lässt nicht lange auf sich warten: Ab Seite drei erscheinen Fußnoten am Ende der Seite und zwar ziemlich geballt. Dieses Konzept setzt sich durch das gesamte Buch fort, was mir persönlich nicht so gefällt. Die unten stehenden Bemerkungen reißen mich regelmäßig aus dem Erzählfluss und mir wäre es lieber, wenn sie in den Text eingebunden wären. Allerdings öffnet Mark Lowery mit jeder Zusatzinformation ein neues Fenster; deutet also eine weitere Geschichte an und hätte er all diese mit in das Buch hineingebracht, wäre es ein gewaltig dicker Schinken geworden. Insofern sind diese Fußnoten schon eine Bereicherung, aber eben nur andeutungsweise.

3. Die Sitzungsprotokolle

Jedenfalls hat dieser Michael Swarbricks ganz schön was verbockt, weshalb er nun beim Schulpsychologen sitzt. Jede dieser Sitzungen ist protokolliert und stellt einen begleitenden Teil der Geschichte dar. Übrigens erfahre ich recht bald, dass Michael ein echter Fan von Listen ist und auf sich diese Weise einen Überblick seines Lebens verschafft. So gehören die zahlreichen Listen auf einmal wie selbstverständlich in dieses literarische Werk. Das peinlichste Jahr meines Leben könnte gar nicht ohne sein.

4. Der Psychologe

Ein wichtiges therapeutisches Mittel ist aus Sicht von Miss O’Malley, der Schulschwester, Vertrauenslehrerin und Koordinatorin der schulischen Fürsorge, das Aufschreiben seiner, Michaels, Geschichte. Nur deshalb kommt dieses Buch überhaupt zustande. Es entsteht aus den therapeutischen Maßnahmen heraus und Micheal erzählt rückblickend Das peinlichste Jahr seines Lebens.

Richtig gut gelungen ist auch der Charakter von Chas, dem Psychologen. Hier der Ausschnitt aus einem Sitzungsprotokoll (MS steht für Michael Swarbricks):

„…….

Chas: Yo, Mikey. Schön, dich zu sehen.

MS: Oh.

Chas: Okay, Baby. Fangen wir an. Es gibt was, das mir nicht aus dem Kopf geht. Hast du ne Ahnung was?

MS: Nein.

Chas: Es ist nämlich so, Alter: Ich hab deine Sachen auf dem Laptop gelesen.

MS: Ja, ich weiß.

Chas: Ständig fallen dir bei allen Leuten die winzigsten Details auf. Nur bei deinen Eltern nicht.

MS: Und?

Chas: Also sind das die schlimmsten Dinge, die du je gesehen hast, und du kannst sie nicht beschreiben. Du weißt, wie viele Warzen dein Freund Paul am Fuß hat.

MS: Neunzehn.

Chas: Schön. Aber es geht darum, dass in deinen Aufzeichnungen nichts darüber steht, wie deine Eltern aussehen.

[Fünfsekündige Pause]

MS: Beide Anfang vierzig. Mum blond. Dad schon fast kahl. Beide hässlich, wenn nackt.

Chas: Cool. Aber weißt du, was ich glaube? Das zeigt mir, dass du Angst hast. Zeigt mir, dass wir dem, was in deinem Kopf vorgeht, auf den Grund kommen müssen, verstehst du? Ich zeig dir mal ein paar Bilder. Und du sagst mir, woran sie dich erinnern.

MS: Hmmm. Was ist denn auf den Bildern?

Chas: Nichts, Kumpel. Gar nichts. Sie sind abstrakt. Du sollst mit bloß sagen, was du siehst. Kapiert? (Zeigt das erste Bild)

…….“

(Zitat aus Das peinlichste Jahr meines Lebens von Mark Lowery)

 5. Die Geschichte

Herrlich, wie Mark Lowery den stets bemühten Jugendpsychologen zeichnet, der vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt, um an seinen Probanden heranzukommen. Und wie dieser Michael ihn regelmäßig an seiner Mauer abprallen lässt. Nach und nach erfahre ich aus seinen eigenen Schriften und den Sitzungsprotokollen, welche Ereignisse das peinlichste Jahr seines Lebens ausmachen und warum er eine tiefe Aversion gegen Nudisten hat.

6. Die kreativen Schreibtechniken

Letztendlich haben mich die Story als solche und der Schreibstil von Mark Lowery nicht überzeugt, wohl aber der absolut kreative formale Stil des Buches. Das peinlichste Jahr meines Lebens ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Autoren Grenzen durchbrechen können und für eine eigene Geschichte auch eine ganz eigene Form finden können. Bei Mark Lowerys Werk gipfelt dieses Konzept ganz zuletzt in einigen Abbildungen von Postkarten, die das Ende der Geschichte erzählen.  Als ein Beispiel, was konzeptionell und gestalterisch innerhalb von zwei Buchdeckeln möglich ist, ist es ein absolut empfehlenswertes Buch.

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Zur Website von Mark Lowery

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.