Das größere Wunder von Thomas Glavinic

Ein größeres Wunder setzt mindestens ein kleineres voraus. Ich stelle mich also auf eine Geschichte ein, in der gleich mehrmals jene Begebenheit vorkommt, nach der sich wohl jeder von uns sehnt. Mal wieder heißt der Protagonist von Thomas Glavinics neuesten Roman Jonas und zunächst zieht mich seine Story auch in den Bann. Zweisträngig geschrieben lerne ich kapitelweise das Vorleben von Jonas kennen und nehme an seiner Expedition zur Besteigung des Mount Everest teil. Letztere sorgt naturgemäß für Spannung, denn dieser Berg hat es nun mal in sich. Und die Rückblenden zu den ersten Lebensjahren von Jonas lösen bei mir die emotionale Betroffenheit aus, auf die es der Autor Thomas Glavinic vielleicht abgesehen hat.

Literarischer Abhang

Kurzum, dem Autor gelingt es zunächst hervorragend, mich in seine Geschichte hineinzuziehen. Er nimmt mich mit bis auf den Gipfel von Jonas Jugend und lässt mich im Basislager am Mount Everest mitfiebern, dass der Aufstieg endlich losgeht. Dann jedoch stürze ich einen literarischen Abhang hinunter, der erst mit dem letzten Satz des Buches endet. Denn leider entwickelt sich die Story hin zu einer Plattitüde, die deutliche Charakteristiken eines Märchens aufweist.

Größere Wunder

Denn tatsächlich ist Jonas Leben von lauter Wundern durchzogen, die einen satten Ausgleich für die Schicksalsschläge liefern, die ihn treffen. Er verliert seinen Bruder und seinen besten Freund – für immer – sowie seine große Liebe Marie – nur für kurze Zeit. Ansonsten hat er kaum ein anderes Problem, wächst er doch im finanziellen Überfluss eines Mafia-Haushalts auf, dessen einziger Erbe er mit 18 Jahren wird. Jonas hat also Geld bis zum Abwinken.

Reisen auf die Schnelle

Da aber nun jeder Mensch eine Herausforderung, ein Problem braucht, konzentriert sich Jonas auf die reine Daseinsverwirklichung, die unter solchen Voraussetzungen natürlich erstaunliche Blüten treibt. Zunächst reist er – von hier nach da, von dort nach hier. Das liest sich dann so:

„……Er flog von Peking nach Beirut, von Ankara nach Sidney, von Belgrad nach Madrid, von Wien nach Prag, von Bangkok nach Kapstadt, von La Paz nach Kairo, von Dallas nach Honolulu, von Shanghai nach Astana, von Casablanca nach Genf, von Male nach Lissabon, von Porto nach Stockholm, von Frankfurt nach Moskau, von Dehli nach Kiew, von Salzburg nach Bukarest, von Venedig nach Barcelona, von Oslo nach Havanna, von Los Angeles nach Mexico City, von Melbourne nach Bagdad, von Budapest nach London, von Teheran nach Damaskus, von Helsinki nach Zagreb, von New York nach Berlin.

Er fuhr mit Zug und Bus von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, auf der Suche nach etwas, das er weder benennen noch fassen konnte, von dem er jedoch wusste, dass es existierte. Irgendwo hinter einer dünnen Membran wartete es auf ihn, auf seine Bereitschaft, es zu erkennen. Es war da, und er war da……“

(Zitat aus Das größere Wunder von Thomas Glavinic)

Suche nach was-weiß-ich

Und so erlebe ich also die Suche von Jonas nach etwas. Und genau so gestaltet sie sich auch: indifferent, zerstreut und, abgesehen von ein paar jungenhaft halsbrecherischen Eskapaden, wenig einfallsreich. Anstatt dass sich dieser Jonas mal mit irgendetwas beschäftigt – er könnte ja wahrlich alles machen! -, vielleicht Philosophie oder Kunst oder Architektur studiert, vielleicht aber auch einfach Möbel baut oder Kleidung herstellt – nein, statt dessen tingelt er herum, macht sich wirre Gedanken, die ab und zu in einer tiefen Erkenntnis kumulieren, und mehr nicht. Seinen Weg stattet der Autor Thomas Glavinic mit diversen Wundern aus, gemeinhin in Form von Menschen, die Jonas kennenlernen und ab da nur noch ein Lebensziel kennen: Diesen einzigartigen Jonas zu beschützen, für ihn da zu sein und ihm zu helfen.

Absurde Geschehnisse

Für Jonas ist das ziemlich praktisch. So kann er seine Kapriolen mit doppeltem Netz schlagen. Beispielsweise beauftragt er Tanaka – ein wahrer Übermensch, der alles regeln kann – einen stillgelegten Bahnhof nahe seinem Heimatort zu kaufen und dorthin einen bestimmten Container aus Neuseeland zu schaffen. Als er einige Zeit später zu diesem Bahnhof kommt, gefällt ihm der Container dort doch nicht. Also muss wieder Tanaka ran, diesmal um den Container an seinen ursprünglichen Standort zurückzubringen. Solche Probleme wünsche ich mir auch bei meinem Weg zur Selbstverwirklichung!

Kein Holden Caulfield

Jonas durch seine Jahre zu begleiten, fällt mir immer schwerer. Zumal er aus einem gravierenden Grund extrem unglaubwürdig ist: Einerseits kehrt er den moralisch und sozial absolut korrekten Typen raus, andererseits hat er überhaupt kein Problem damit, das dreckige Mafia-Geld als Grundlage seiner Triebbefriedigung vollumfänglich einzusetzen. Und dies auch in keinem Gedanken zu hinterfragen. Aus meiner Sicht präsentiert Thomas Glavinic in Jonas einen Charakter, der keinesfalls rund ist und daher auch nicht richtig überzeugt. Insgesamt erinnert er an den berühmten Holden Caulfield aus Der Fänger im Roggen, der ja immer wieder gerne als Vorlage für jugendliche Helden dient.

Kreative Schreibtechniken

Thomas Glavinic ist kein Kreativer Schreiber. Mit bildhaften Darstellungen hat er nichts zu schaffen, seine Dialoge könnten fast aus dem wahren Leben stammen, so schlecht sind sie mitunter. Diese Umstände schmälern für mich als Leserin die Teilnahme an der Expedition auf den Mount Everest erheblich. Die Geschehnisse in den Lagern sind ermüdend gleichförmig geschildert und von den Strapazen oder der Kälte dieses Berges kommt bei mir rein gar nichts an. Wie auch, wenn sich der mühsame Aufstieg tatsächlich so liest:

„……..

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

Ein Schritt. Eine Minute Rast.

……“

(Zitat aus Das größere Wunder von Thomas Glavinic)

 Ein wenig mehr Mühe hätte sich Thomas Glavinic schon machen können, wie ich persönlich finde. Dreißig Mal dieselben zwei Sätze zu wiederholen hat ganz sicher weder literarischen noch erzählerischen Wert.

Deutscher Buchpreis

Jaja, die deutschsprachige Literaturwelt, die ist schon recht komisch. Immerhin stand Das größere Wunder sogar auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013. Es gibt also tatsächlich noch größere Wunder, auch wenn dieses Buch aus meiner Sicht nicht dazu gehört. Aber hören Sie selbst, was alles in dem Buch steckt, was ich jedoch leider weitgehend unbemerkt überlas. Passieren konnte das aus meiner Sicht nur deshalb, weil der Schreibstil von Thomas Glavinic zu wenig unter die Haut geht. Jedenfalls unter meine Haut.

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Zur Website von Thomas Glavinic

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