Charaktererschaffung: Micah Stroud

Micah Stroud ist ein Musiker, den der Autor T.C.Boyle in seinem Roman Wenn das Schlachten vorbei ist auftreten lässt. Bereits in meiner Rezension zum Buch stellte ich diese Charaktererschaffung als bemerkenswert heraus. Diese Figur wirkte als Sänger so lebendig auf mich, dass ich im Internet danach suchte. Vergeblich, denn Micah Stroud ist eine fiktive Figur. Die statistischen Daten der Schreibakademie zeigen jedoch deutlich, nicht nur mir ging es so. Immer wieder erscheint Micah Stroud als Suchbegriff, über den Besucher auf meine Seite gelangen. Ganz offensichtlich ist T.C.Boyle ein Meisterstück an Charaktererschaffung gelungen. Wie hat er das geschafft?

Auftakt

Bereits vor und nach seiner Charakterisierung ist der Name Micah Stroud immer mal erwähnt, handelt es sich doch um den Lieblingssänger der Protagonistin Alma. Seinen Charakter erhält er jedoch im Kapitel Die Black Gold im letzten Drittel des Romans. Alma geht mit ihrer Mutter Kat auf ein Konzert, das er in Santa Barbara gibt. Die erste, vielversprechende Charakterisierung von Micah Stroud übernimmt Alma auf Seite 296. C.Boyle lässt mich in ihre Gedanken schauen:

„….. „Wer war das noch mal?“

„Micah Stroud. Ich hab dir von ihm erzählt, er wird dir gefallen, Er ist“ – sie will sagen: Er ist genau das, was du dir heute morgen angehört hast, nur nicht weichgespült und poppig, denn er singt mit Feuer, mit echtem Feuer und Überzeugung, doch sie beherrscht sich – „ich weiß nicht. Aber glaub mir, er wird dir gefallen.“…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Mittels eines kontrastierenden Vergleichs erfahre ich etwas über seinen Charakter: Es handelt sich um einen Mann mit Leidenschaft. Das macht natürlich neugierig auf seinen Auftritt, der wenige Seiten später folgt. Kat und Alma sind auf Seite 299 im Konzertsaal angekommen.

Hauptteil

 „…..Sie spürt, wie sie sich entspannt, wie sie den Augenblick genießt. Die Wandlampen leuchten sanft, die Stimmen murmeln erwartungsvoll. Sie hat Micah Stroud mittlerweile sechsmal gesehen, zweimal in San Francisco, dreimal in L.A. und einmal in Phoenix. Für die Studentinnen, die hinter ihr in der Schlange gestanden haben, ist das heutige Konzert das erste, und sie beneidet die beiden darum, um dieses rauschhafte Erlebnis, wenn die Saalbeleuchtung langsam erstirbt und die Bandmitglieder sich in den Schatten bewegen und Gestalt annehmen und der Scheinwerfer das leere Mikrofon beleuchtet und der Drummer mit den Besen über das Hi-Hat wischt und mit einem mal Micah da ist und seine Stimme über dem Anker seiner Gitarrenakkorde aufsteigt und das Gebäude und die Menschen darin restlos durchdringt. So war es jedesmal. Jetzt beugt sie sich gespannt vor und beobachtet die Bühne. Wippt mit dem Fuß.[….]…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Hier verschafft der Autor dem Sänger einen professionellen Hintergrund:  Micah Stroud hat schon viele Konzerte gegeben. Besonders glaubhaft wird dies durch die Rückblende, die Alma auf die vergangenen Konzerte wirft.

Atmosphäre

Im Folgenden zieht T.C.Boyle mich tief in die typische Atmosphäre eines Live-Konzerts:

„…..Bald haben sich die leeren Plätze ringsum gefüllt, das Licht wird schwächer [……]Das Publikum kommt zur Ruhe [….] Und dann brandet Applaus auf – Affen, die ihre glatten Handflächen und schwieligen Finger zusammenschlagen, nicht anders als vor drei Millionen Jahren in der afrikanischen Savanne, und sie ist eine von ihnen und klatscht ebenfalls Beifall -, und dann geht der Ansager mit raschen Schritten zur Bühnenmitte, nimmt das Mikrofon und sieht nachdenklich ins Publikum, bis das Klatschen erstirbt.

Er ist ein kleiner dicklicher Mann in den Vierzigern mit glattem Haar, das ihm in die Augen hängt und die Ohren verdeckt, und er ergreift die Gelegenheit, um ein paar Worte über diese Konzertserie zu sagen, durch die alle zwei Monate national – und international – bekannte Künstler wie Micah Stroud (abermals Applaus) in das historische Theater unserer kleinen Stadt Santa Barbara kommen […..]  Er weiß, dass er sich kurz fassen muss, aber dennoch gibt es Buhrufe aus den vorderen Reihen, und irgendwo hinter Alma ruft einer Micah, Micah, Micah, bis die Menge den Ruf aufnimmt und der Mann am Mikrofon verstummt. Ein paar Sekunden steht er einfach da und sieht spitzbübisch in den Saal, dann breitet er die Arme aus, bis das Publikum sich beruhigt……“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Die Konzertbesucher übernehmen die Aufgabe, Micah Stroud in seiner Eigenheit als Superstar hinzustellen. Durch deren Handlung – das Rufen – wird deutlich, dass ihn eine begeisterte Fangemeinde umgibt. Hier ist es überflüssig, von vielen Fans zu sprechen, denn diesen Umstand vermittelt allein das Bild eines gefüllten Konzertsaals.

Background

Als weiterer Verstärker der Reputation von Micah Stroud fungiert nun der Ansager. T.C.Boyle lässt ihn sprechen:

„…..„Und jetzt“, ruft er mit ganz veränderter Stimme – sie ist volltönend und sonor, die Stimme eines Anreißers, eines Conférenciers -, „der Augenblick, auf den Sie gewartet haben…. Meine Damen und Herren, liebe Zwerge und kleine Fische, begrüßen Sie nun das Wunder aus den Sümpfen von Louisiana, den Löwen der Bayous, den Mann mit der größten Stimme und dem größten Herzen im ganzen Musikgeschäft: MICAH…..STROUD!“….“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Aufgrund der Schreibweise in Großbuchstaben, die in diesem Fall absolut unterstützend wirkt, höre ich den Ansager den Namen Micah Stroud brüllen. Insgesamt hat T.C.Boyle bis hierher also eine atmosphärische Dichte geschaffen, die der Figur Micah Stroud ein passendes und glaubhaftes Umfeld gibt für den nun bevorstehenden Auftritt:

Spotlight

„…..[….] Er steht allein auf der Bühne, mit der akustischen Gitarre, die Band wartet in den Kulissen, denn im Augenblick gibt es, in Umkehrung der üblichen Reihenfolge, nur Micahs Stimme und seine Gitarre. [….] Deswegen konzentriert sie sich ganz und gar auf Micah, der sich über die Gitarre beugt, bis die steife, glänzende, sorgfältig frisierte Tolle sich löst und glitzernde Schweißtropfen in das Spitzbärtchen rinnen……“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Zunächst erhalte ich ein äußerliches Bild von Micah Stroud, das natürlich der Exzentrizität – einer Haartolle – nicht entbehrt. Dann höre ich seine Musik:

Sound

„…..Er beginnt mit „Loggerhead Blues“, einem langsamen, trottenden Blues, der in den synkopierten lebhafteren Rhythmus von „Dip an Rise“ übergeht und schließlich in die tragische Klage „Minamata“ mündet, mit ihren Bildern von missgestalteten Kindern, die in das Fruchtwasser zurückkehren, aus dem sie gekommen sind, bis das Methylquecksilber aus der Umwelt verschwunden ist, aus den Eiern ihrer Mütter und den Samen ihrer Väter, und sie wieder erscheinen können, heil und unversehrt, um in reiner Freude mit winzigen Fingern und Zehen zu winken. Sie wiegt sich hin und her. Sie denkt nicht, sie empfindet nur, denn hier ist ein Mann, der versteht, der für die Umwelt kämpft, der, wenn er nur Bescheid wüsste, aufstehen und all seine Kraft und seinen Einfluss einsetzen würde, um sie und Tim und alles, was sie erreichen wollen, zu unterstützen…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Die Titel der Songs sind ein wichtiges Detail, das ihnen ein Gesicht verleiht. Durch die Zusammenfassung des Songtextes von „Minamata“ – dieser Titel allein ist reine Klage – erfahre ich auch etwas über die Disposition von Micah Stroud, über seine Einstellung, Weltanschauung und Abneigung. Auf diesem Wege lerne ich diesen Sänger immer näher kennen. Fast kenne ich ihn schon genau so gut wie Alma, die im weiteren Verlauf ihr Wunschdenken auf ihn projiziert:

Nähe

„…..Und dann, als die anderen Mitglieder der Band aus den Kulissen treten und Micah sich die Elektrogitarre umhängt und der Drummer mit seinen zwei hellleuchtenden Stöcken den Takt schlägt, denkt sie doch und fragt sich, ob er je auf den Inseln war, ob er sich des Ernstes der Lage bewusst ist und weiß, was auf dem Spiel steht. Sie sieht zu ihrer Mutter, der das Konzert zu gefallen scheint, und dann wieder auf die Bühne, wo die ersten Akkorde von „Swamp Saviour“ mit der Wucht eines atmosphärischen Phänomens erklingen, doch sie ist jetzt gar nicht mehr in diesem Saal – nein, sie ist auf der Insel. Micah Stroud ist bei ihr, und gemeinsam nehmen sie die Schäden in Augenschein, die die Schweine angerichtet haben, beugen sich tief hinunter und betrachten die gefangenen Füchse in der Ruhe und Sicherheit ihrer Käfige. Sie fragt ihn, ob er nicht einen Song für dieses Projekt schreiben könnte, eine Hymne über die Rettung und Erlösung der Natur, und er neigt sich zu ihr, und das Sonnenlicht blitzt in seinen Augen, als er sagt: Na klar, mach ich, und dazu spende ich alle Einnahmen aus diesem Song für die gute Sache. Na, was sagst du dazu? Ist das gut genug? Nein? Okay, dann leg ich noch einen Scheck drauf … aber nur, wenn’s da eine kleine Gegenleistung gibt; denn weißt du eigentlich, wie unwiderstehlich du bist? Machst du auch mal Urlaub? Ich meine, hättest du Lust, mit auf Europatournee zu gehen? Stockholm? Warst du schon mal in Stockholm …?…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Almas Fantasien machen aus Micah Stroud nicht nur einen hilfsbereiten Menschen, sie deuten auch sein Temperament als Weiberheld an. Auf diese Weise hat T.C.Boyle mir geschickt eine Seite dieses Micah gezeigt, die ich innerhalb dieser Konzert-Szene nicht hätte kennenlernen können.

Applaus

„…..Vier Stücke zusammen mit der Band, dann wird die Bühne dunkel. Er dreht sich einen Moment um, verschwindet im Schatten, um die Gitarre zu wechseln – jetzt ist wieder die akustische dran – und tritt dann an das altmodische Standmikrofon, das zu seinem Markenzeichen geworden ist, um sich zu erkundigen, ob es allen gut geht. O ja. Allen geht’s gut. Sogar Almas Mutter, die, als das Publikum bestätigend brüllt, einen Kriegsschrei aus den sechziger Jahren ausstößt. „Heiße Stadt“, murmelt Micah und wischt sich mit einem schlaffen Handtuch den Schweiß vom Gesicht. „Kann ich hier ganz gut gebrauchen, an diesem kühlen Abend an der kalifornischen Küste, wo ein armer Kerl aus den Bayous sich an dem wärmen kann, was ihr guten Leute ausstrahlt“ – Pfiffe, Beifall -, „und dafür danke ich euch aus tiefstem Herzen.“

Er verbeugt sich und nimmt den Applaus entgegen, sein verschwitztes Haar fällt ihm in die Stirn, und als er sich aufrichtet und das Scheinwerferlicht sein Gesicht trifft, sieht sie, dass er grinst.“…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Kats Begeisterung transportiert die Erkenntnis, dieser Micah Stroud ist einfach ein Universaltalent. Er versteht es, jung und alt in seinen Bann zu ziehen. Und spätestens jetzt will ich seine Musik auch wirklich hören. Ton für Ton.

Abgang

Etwa zwanzig Seiten später, nach einer ausführlichen Rückblende, folgt die Abschlussszene der Charakterisierung von Micah Stroud.

 „…..Nach drei Zugaben, einer wohl zehn Minuten anhaltenden Ovation und dem rituellen Streuen langstieliger Rosen vor Micah Strouds Füssen durch eine Schwesternschaft kreischender Fans, bei deren Anblick Alma sich nur noch alt fühlt, schiebt sie sich neben ihrer aufgekratzten Mutter durch den Mittelgang und die großen Türen.

„Du hattest recht“, sagt Kat, [….] „er ist tatsächlich was Besonderes. Ich meine, ich fand ihn toll.“…..“

(Zitat aus Wenn das Schlachten vorbei ist von T.C.Boyle)

Diese erneute Bestätigung des Sängers hat fast schon etwas von einer Werbestrategie, die jetzt noch einmal kurz die Gelegenheit nutzt, an das zu bewerbende Objekt zu erinnern, indem sie an die vorangegangene Begeisterung von Kat anknüpft.

Zusammenfassung

T.C.Boyle hat mit der Charaktererschaffung von Micah Stroud alle Register gezogen. Er hat diese Figur lebendig gestaltet und in allen Elementen sichtbar gemacht. Der Leser kann die Figur kennenlernen und Nähe zu ihr aufbauen. Die Komponenten ihrer Persönlichkeit sind in allen fünf Bereichen erkennbar: Disposition, Äußerlichkeiten, Temperament, Eigenheiten und Exzentrizität. All dies ist in Handlung eingebunden und spricht sinnliche Wahrnehmungen wie sehen und hören an. Auf diese Weise ist es T.C.Boyle gelungen, einen fiktiven Musiker so glaubhaft zu erschaffen, dass seine Leser nach dessen Musik suchen. Eigentlich ist das eine super Chance für einen unbekannten Sänger, der sich diesen Namen gibt: Er ist bereits berühmt noch bevor ein Lied von ihm bekannt ist ?

Hier geht’s zur Rezension zu Wenn das Schlachten vorbei ist in der Schreibakademie.

 

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2 Antworten auf „Charaktererschaffung: Micah Stroud“

  1. …. schöne und berührende Worte, aber ein übermäßiges Faible für das Wort „und“.
    Ein Satz mit 8x und?
    „Für die Studentinnen, die hinter ihr in der Schlange gestanden haben, ist das heutige Konzert das erste, und sie beneidet die beiden darum, um dieses rauschhafte Erlebnis, wenn die Saalbeleuchtung langsam erstirbt und die Bandmitglieder sich in den Schatten bewegen und Gestalt annehmen und der Scheinwerfer das leere Mikrofon beleuchtet und der Drummer mit den Besen über das Hi-Hat wischt und mit einem mal Micah da ist und seine Stimme über dem Anker seiner Gitarrenakkorde aufsteigt und das Gebäude und die Menschen darin restlos durchdringt.“
    Viel zu zäh … sorry

    1. Hi Tintenteufelin,

      im Hinblick auf die quantitative Verwendung von und ist Dein Einwand durchaus berechtigt. Das ist nicht nur einfallslos, noch dazu wird der Satz dadurch sehr lang. Alle Schreibtipps predigen das Vermeiden von Wortwiederholungen und die Bildung kurzer Sätze. Dieses Beispiel zeigt, dass es für jeden Bruch einer Regel begründete Ausnahmen geben kann.
      Die Frage ist: Warum macht T.C.Boyle das an dieser Stelle? Es scheint also Szenen zu geben, die allen Regeln des guten Schreibens trotzen.
      In diesem Fall unterstützt die lange Aufzählung mit lauter und den blitzartigen Gedanken von Alma: Sie denkt an ihren ersten Konzertbesuch und hat dabei ein komplexes Bild vor Augen, das sich aus all den aufgezählten Komponenten zusammensetzt. Da dieses Bild sofort und im Ganzen vor ihrem geistigen Auge erscheint, muss es für den Leser auch irgendwie als solches erkennbar sein.
      Hätte Boyle sich an die generellen Schreibregeln gehalten, würde diese Passage zum Beispiel so aussehen:

      „Für die Studentinnen, die hinter ihr in der Schlange gestanden haben, ist das heutige Konzert das erste. Sie beneidet die beiden darum, um dieses rauschhafte Erlebnis, wenn die Saalbeleuchtung langsam erstirbt. Die Bandmitglieder bewegen sich in den Schatten. Sie nehmen Gestalt an und der Scheinwerfer beleuchtet das leere Mikrofon. Der Drummer wischt mit den Besen über das Hi-Hat und mit einem mal ist Micah da. Seine Stimme steigt über dem Anker seiner Gitarrenakkorde auf und durchdringt das Gebäude und die Menschen darin restlos.“

      So gelesen, verliert die Sequenz als Ausdrucksform des erinnerten Eindrucks, den Alma hat. Durch die kurzen Sätze und das Weglassen von und erhält sie einen szenischen Charakter; also die Schilderung von Etwas, das gerade passiert.
      Darum finde ich das von Boyle gewählte Stilmittel an dieser Stelle ausgesprochen geeignet.

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