Bo von Rainer Merkel

Bo ist bereits der fünfte Roman von Rainer Merkel, erschienen im März 2013. So dick, wie mein Daumen lang ist, handelt es sich bei Bo um einen fetten Leseschinken. Und wie alles Gute ist er viel zu schnell verzehrt oder auch aufgelesen, wenn auch noch lange nicht verdaut. Bo hat’s in sich. Und Rainer Merkel hat’s drauf. Geboren im schönen Köln studierte er Psychologie und Kunstgeschichte. Dann machte er sich auf nach Liberia, wo er in einer psychiatrischen Klinik der Hilfsorganisation Cap Anamur arbeitete. Bo ist eine Geschichte, die nur aus seinen Erfahrungen und seinem Wissen heraus entstehen konnte.

Benjamin und Brilliant

Der Protagonist heißt Benjamin, ist 13 Jahre alt und reist ganz allein nach Liberia. Bereits im Flugzeug beginnen seine schrägen Erlebnisse, indem er die ehemalige Botschafterin Liberias kennenlernt, die am Zielflughafen mit seinem Rucksack inklusive Pass, Ticket, Geld und einer ZARA-Tüte verschwindet. Ganz unschuldig ist er daran nicht, denn er lässt sich in die Fänge von Brilliant Hope Gweningale-Johnson ziehen, ohne zu ahnen, wie gefährlich das ist. Denn die junge Brilliant lebt tatsächlich wie ein wertvoller Diamant im wohlgepolsterten Schächtelchen einer sehr reichen Familie. Allerdings sind ihre Ecken und Kanten noch nicht wohlgeschliffen. Sie ist einfach eine verwöhnte Rotzgöre mit perfekten Zickenallüren und ebnet sich dadurch jeden Weg.

Bo

Auf dem kleinen Flughafen von Monrovia steht Benjamin also dann mitten in der Nacht völlig alleine und mittellos. Sein Vater, der ihn eigentlich abholen sollte, ist nicht da, und Benjamin hat weder Pass noch Geld. Dafür aber den alten, stinkigen Mantel der ehemaligen Botschafterin. Erst viel später stellt er fest, dass sich in der Innentasche viel Geld befindet. Aber da ist er schon mitten in der dunklen Nacht Liberias und Opfer eines versuchten Raubüberfalls, vor dem ihn Max mit seinem Taxi rettet. Für den rothaarigen Europäer auf der Rückbank weiß dieser zunächst keine andere Lösung, als ihn zu Bo zu bringen, der auf ihn aufpassen soll.  Bo kann seinen Schützling nur tastend erforschen, denn er ist blind. Diesen Satz würde er mir jetzt sehr verübeln, weil er es nicht mag, wenn man dies so herausstellt. Und letztendlich sieht Bo viel mehr als jedes Auge es vermag.

Flower

Bo bringt Benjamin am nächsten Tag in Blaue Haus, einer UN-Station in der Stadt. Dort nimmt er Quartier im Zimmer eines Arztes, der den Ort fluchtartig verließ und dabei sein Tagebuch vergaß. In weiten Teilen geht es darin um eine Patientin mit Namen Flower. Davon ist Brilliant, die diesen Benjamin aus dem Flugzeug nach einigem Suchen endlich aufspürt, fasziniert. Besonders, weil diese geheimnisvolle Person eine Menge möglicher Action verspricht, nach der Brilliant lechzt. So zettelt sie die Suche nach Flower an, an der Benjamin und Bo teilnehmen (müssen). Ab da entwickelt sich die Geschichte zu einem Road-Trip im Hinterland von Liberia.

Anders

Anders als viele Autoren, die einige Zeit in einem Land des Elends lebten, macht Rainer Merkel genau dies nicht zum Thema. Vielmehr befreit er sich vollständig von den westlichen Ansprüchen an ein gutes Leben und sieht das kriegsgeschüttelte Liberia mit den Augen seiner Einwohner. Denn diese blicken optimistisch in die Zukunft ihres Landes, nachdem sie Krieg und Diktatur überwunden haben. Wen stören schon Autowracks oder zerbombte Häuserruinen? Warum sollte eine Wellblechhütte nicht auch ein gemütliches Zuhause sein? Und wofür sollte man viel Geld besitzen, wenn das Leben gratis auch eine Menge bereithält? Geht es letztendlich nicht um ganz andere als materielle Sachen? Was macht Menschen wirklich glücklich? Auf diese letzte Frage gibt Rainer Merkel im letzten Kapitel von Bo eine Antwort. Insgesamt entsteht aus seiner Feder das Bild eines Landes, das sehr arm ist und dennoch stolz auf sich sein kann.

Kreative Schreibtechniken

Der Schreibstil von Rainer Merkel zeichnet sich nicht gerade durch kreative Schreibtechniken aus. Seine Sprache ist eher nüchtern statt bildhaft, er bedient sich keiner Vergleiche und weckt keine Assoziationen. Stattdessen macht er sich selbst die Mühe, sehr genau hinzuschauen und detailliert zu erzählen, was manchmal leider auch etwas langatmig ist. Dennoch sind die einzelnen Charaktere lebendig erschaffen und mindestens einer von ihnen bleibt auf jeden Fall unvergesslich: Bo. Der Handlungsverlauf ist oft sprunghaft, verursacht durch Brilliants Launenhaftigkeit und ihren daraus resultierenden Ideen, wie der Roadtrip weitergehen soll. Dadurch entstehen auch Längen in diesem Buch, denen entschlossene Streichungen gut getan hätten. In Bezug auf den Spannungsbogen erweist sich Rainer Merkel allerdings als meisterhaft und fügt den gängigen Instrumenten noch ein ganz neues hinzu. Ich nenne es einfach mal das Ich-weiss-etwas-was-du-nicht-weisst-Werkzeug.

In der folgenden Szene wird ein entflohener Insasse in die Klinik zurückgebracht. Er liegt auf der Ladefläche eines Pick-ups.

„……

„Und was ist das?“, rief der hagere, große Patient, der mit dem Oberkörper halb im Pick-up hing. „Was ist das, bitte schön?“

Benjamin trat etwas näher. Aber er konnte nichts sehen.

„Soll ich dich hochheben?“, fragte Paul.

Benjamin schüttelte den Kopf.

……“

(Aus Bo von Rainer Merkel)

Jetzt eilen weitere Leute zum Pick-up und äußern ihre Bestürzung und ihr Entsetzen zu dem, was sie auf der Ladefläche sehen. Natürlich will ich das jetzt auch sehen, aber da Benjamin sich weigert, sich hochheben zu lassen, bekomme auch ich als Leserin nichts zu sehen. Auf diese Weise erzeugt der Autor Rainer Merkel an mehreren Stellen Spannung, die er erst viele Seiten später auflöst.

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Über den Autor Rainer Merkel bei Wikipedia

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