Bleak House von Charles Dickens

Eingewickelt in Geschenkpapier gelangt der Roman Bleak House von Charles Dickens in meine Hände. Ein lieber Freund hat ihn als Geburtstagsgeschenk für mich ausgewählt, denn an diesem Tag erblickte auch Charles Dickens das Licht der Welt. Seinerzeit, vor 200 Jahren. Von dem Autor kenne ich bisher nur die Erzählung des armen Oliver Twist. Ich erinnere mich noch genau, wie ich als Kind die gesprochene Fassung auf der Langspielplatte wieder und wieder anhörte und meine Empörung über solch ungerechte Verhältnisse mir jedes Mal bis zum Hals schlug. Ähnliches erwarte ich jetzt von dem Insel-Taschenbuch Nummer 1110, das über tausend Seiten stark ist und im London des 19. Jahrhunderts spielt.

Absurde Justiz

Aber gar so schlimm soll es nicht kommen. Ich entdecke einen anderen Charles Dickens als den meiner Kindheit. In ruhigem Erzähltempo breitet er eine mehrsträngige Erzählung aus, die zwar auch nicht der Härten und Ungerechtigkeiten der damaligen Londoner Gesellschaft entbehrt, diese jedoch viel subtiler und eingehender beleuchtet. Etliche Sequenzen widmen sich der Darstellung einer ins Absurde führenden Justiz, die eben nicht darauf ausgelegt zu sein scheint, Recht und Unrecht zu entscheiden, sondern vielmehr den Tropf darstellt, von dem sich die wohlhabende Schicht der Richter, Advokaten, Notare, Schreiber und Gerichtsdiener am guten Leben erhält.

„……An einem solchen Nachmittag muss der Oberste Lordkanzler hier sitzen – und er sitzt auch da – mit einer Nebelorgie um das Haupt, eingehüllt und umgeben von Scharlachtuch und Vorhängen; ein großer Advokat mit starkem Backenbart, dünner Stimme und einem endlosen Aktenstück trägt ihm vor, während er seine Blicke auf die Laterne im Dache richtet, wo er nichts als Nebel sieht. An einem solchen Nachmittag müssen ein paar Dutzend Beisitzer des Obersten Kanzleigerichts hier sitzen – und sie sitzen auch da -, vertieft in eines der zehntausend Stadien eines endlosen Prozesses, sich gegenseitig mit kniffeligen Präzendenzfällen Schlingen legend, knietief in technischen Spitzfindigkeiten watend; sie müssen ihre mit Ziegenwolle und Pferdehaar geschützten Köpfe gegen Wälle von Worten rennen und wie Schauspieler mit ernsten Gesichtern Gerechtigkeit mimen. An einem solchen Nachmittag müssen die verschiedenen Notare, von denen zwei oder drei die Rechtssachen von ihren dabei reich gewordenen Vätern geerbt haben, in einer Reihe stehen – und stehen sie nicht da?-, dort unten in einem mit Strohmatten ausgelegten Schacht (auf dessen Grunde man aber vergebens die Wahrheit suchen würde), zwischen dem roten Tische des Protokollführers und den seidenen Talaren, vor sich aufgehäuft Klagen, Gegenklagen, Verteidigungsschriften, Erwiderungen, Verfügungen, eidesstattliche Erklärungen, Erlasse, Eingaben an höhere Instanzen, Berichte von höheren Instanzen, ganze Berge kostspieligen Unsinns. ……“

(Zitat aus Bleak House von Charles Dickens)

Bilderbuch-Charaktere

Dabei entwirft der Autor zahlreiche Charaktere, die jeder für sich eine Facette verkörpern, aus der sich die damaligen Lebensverhältnisse zusammensetzten. Da ist die liebe Esther, eine Waise, die unter die liebevolle Obhut des Vormunds Jarndyce gerät und dort mit unermüdlicher Hingabe über ihre lieben Herzenskinder Ada und Richard wacht. Das Eigenschaftswort lieb taucht andauernd auf im Kreise dieser vier Personen, die das ganze Buch hindurch bemerkenswert gefühlvoll und zart miteinander umgehen. Richard verkörpert dabei den Typ des unverbesserlichen Traumtänzers, harmlos gegen andere und gnadenlos zu sich selbst im Verleugnen der Realität. Und da ist die wunderschöne und edle Lady Dedlock, die ein gefährliches Geheimnis mit sich herumträgt, an dem sie schließlich verzweifelt. Da ist der junge strebsame Guppy, der sich in der Kanzlei von Mr. Kenge unermüdlich hocharbeitet und ein zu unbeschwertes Gemüt besitzt, um sich an fragwürdigen Verordnungen und Regeln zu stoßen. Da ist Mr. Tulkinghorn, ein hemmungslos ausgebuffter Advokat, der für seine Klienten die Netze auswirft. Und da ist Mr. Skimpole, ein wahrer Künstler des Schnorrens auf eine so unbescholtene Art, dass er davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, der an bequemen Standard selbstverständlich nichts vermissen lässt. Diese Aufzählung der Charaktere ist keineswegs vollständig, sondern exemplarisch zu verstehen.

Kreativer Schreibstil

Natürlich sind kreative Schreibtechniken so gesehen nicht vorhanden, stellen sie doch schließlich einen modernen Schreibstil dar, der sich aus unseren heutigen Rezeptionsgewohnheiten ergibt. In der Zeit, als Charles Dickens seine Feder schwang, gab es noch keine bewegten Bilder, die über eine Leinwand oder sogar über einen Bildschirm flimmerten. Wohl aber schreibt er szenisch, sodass ich immer wieder das Gefühl habe, ich säße in einem Theater mit Bühne, Kulissen und Schauspielern, die auf- und abtreten. Darum eignet sich Bleak House auch hervorragend für eine Verfilmung:

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Über Charles Dickens bei Wikipedia

 

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