Besser von Doris Knecht

Der Text auf dem Buchrücken von Besser ist gut: Eine Frau, die zugibt, ihren Mann hereingelegt zu haben. Das weckt Neugierde und Erwartungen. Ich finde Menschen gut, die den Mut haben, bestimmte Dinge zu erkennen, auch wenn diese unschön sind. Ich freue mich auf die Geschichte, denn das Wesen einer Geschichte ist schließlich eine Veränderung oder Entwicklung. Und bin gespannt darauf, was diese Frau aus ihrer Einsicht macht.

Das Thema

Toni ist ein extrem cooles Mordsweib. Sie schafft es, ihr Inneres komplett und inklusive ihrer Vergangenheit vor ihrem gesamten Umfeld zu verbergen. Denn Toni bewegt sich in den gehobenen Kreisen, wo ein unendlicher Geldfluss sprudelt und die Menschen in Glück und Freude immer reicher werden. Glücklich sind sie deswegen nicht unbedingt. Aber das ist etwas, das uns nicht erst die Autorin Doris Knecht verraten muss. Wir wissen das eh schon. Immerhin geht die Thematik von Besser noch ein wenig darüber hinaus: Reiche leisten sich gern einen Liebhaber, tun gern so, als seien sie kreativ, trinken gern guten Wein und haben auch kein Problem, ein Vermögen in Restaurants zu schleppen. Ach ja, und wie alle guten Eltern lieben sie ihre Kinder und stopfen sie mit erstklassiger Bildung, Kultur und Ökofutter voll. Auf der Grundlage dieser Stereotypen entwickelt Doris Knecht ihre Story Besser.

„……Es gibt bei uns auch keine dicken Kinder. Die gibt’s nur in der Unterschicht. In Elenas Kindergartengruppe ist kein Kind übergewichtig. Doch, eins, und dessen Mutter ist Friseurin in einem Salon Gaby, was niemand für Zufall hält. Alle anderen Mütter sind Anwältinnen, Journalistinnen, Medientheoretikerinnen oder Organisationspsychologinnen, Webdesignerinnen, Ärztinnen oder Architektinnen. Oder sie sind Frauen von Anwälten und Architekten, die in ihren eigenen Superberufen gerade kurz aussetzen, um ein drittes oder viertes Kind zu werfen, was momentan wahnsinnig schick ist. Man sollte jetzt Minimum drei Kinder haben, alles darunter gilt als ärmlich und unentschlossen. Egal. Es ist jedenfalls nur das Kind von der Friseurin dick, die, auch kein Zufall natürlich, selbst nicht schlank ist…….“

(Zitat aus Besser von Doris Knecht)

Der Schreibstil

Schreiben kann Doris Knecht. Ihre Erfahrung als langjährige Kolumnistin vereint sich dabei mit Talent. Dabei heraus kommt ein spritziger, frecher Schreibstil, der nicht zuletzt von dem hohen Schreibselbstbewusstsein zeugt, den ihre berufliche Tätigkeit zwangsläufig mit sich bringt. Anfangs gefällt mir dieser Stil, aber es dauert nicht lange, da beginnt er mich zu nerven, bis er mich am Ende sogar ankotzt. Ich weiß nicht, ob ein durchgängig kolumnistischer Stil generell nichts in einem Roman zu suchen hat oder ob es dem Buch Besser einfach an Tiefe mangelt und sich dieser hingerotzte Ton somit quasi bis hin zur Unerträglichkeit potenziert. Störend finde ich auch die vielen Wörter und Formulierungen aus dem Österreichischen. Falsche Präpositionen sollte ein Lektorat schon korrigieren und wenn schon Obers dann bitte ein Glossar wo drin steht, was Obers ist. Übrigens ist es Sahne – da soll mal jemand drauf kommen!

 Die Charaktere

Toni hatten wir bereits. Viel mehr gibt es über sie auch kaum zu sagen, außer vielleicht, dass sie genau der Stereotype von Frau eines reichen Mannes entspricht, die zutiefst gelangweilt ihr sorgloses Dasein frönen kann. Und auch ihr Mann Adam weicht nur in einem einzigen Merkmal vom Typ reicher Mann ab: Er ist ein Volltrottel, ein Depp, wie er im realen Leben wohl kaum zu finden ist. Toni taugt das natürlich. Sehr. Denn Adam verlangt nichts von ihr, er gibt nur und immer. Seiner Frau und seinen Kindern. Und manchmal auch noch Anderen, die sein Mitgefühl wecken. Zum Glück hat dieser Adam, von dem ich gerade mal erfahre, was er zumindest ungefähr für einen Job ausübt, so viel Geld, dass es länger reicht, als die Halbwertzeit von Plutonium andauert. So gesprochen kann er sich also leisten, der totale Depp zu sein. Da er selbst davon nichts weiß, ist’s eh einerlei. Charaktermäßig lässt mich Doris Knecht in Besser am langen Arm verhungern. Keine der Figuren hat einen Tick, keine ist wirklich exzentrisch oder gar einzigartig. Kurzum: alles Charaktere, zu denen ich keine Nähe gewinne und die ich dementsprechend sofort wieder vergesse. Stimmt nicht ganz. Kleinkind Juri, der jüngste Sohn von Toni und Adam, ist recht originell gelungen, erhält aber nur eine kleine Nebenrolle in Besser.

Der Handlungsverlauf

Eine kaputte Frau aus einer kaputten Familie sucht ihr Glück und findet es in Form des reichen Mannes. Der ist ein Depp und schlecht im Bett, also sucht sie sich einen heißen Lover, der sie von Zeit zu Zeit so richtig geil durchfickt. Danach geht es ihr Besser, ist ihr Dasein eine Weile nicht ganz so leer. Das gibt ihr Kraft für die feinen Abendessen, die wichtigen Leute, das tägliche Kindereinerlei, und auch das ausgiebige Shoppen macht gut durchgefickt einfach viel mehr Spaß. Dann passiert etwas! Türkischer Hausmeister aus Parterre ersticht seine Frau, Polin, blond, Engelslocken. Kleinkind dabei. Sieht das. Schock, schwere Not. Die reiche, kaputte Frau kommt zu dem Haus, vor dem die Blaulichter kreisen, und denkt zuerst, ihr Nest sei in Gefahr. Ist es aber nicht, im vierten Stock ist alles wunderbar. Frau ist nun so erleichtert, dass sie ihr Nest in einem neuen, gebenedeiten Licht sieht. Und auch ihren Mann. Macht mit dem Lover Schluss, will sich läutern. Das hält jedoch nicht lange an. Endszene: Neueinstieg in den Chat mit dem Superficker. Natürlich via Iphone. Und ich fühle mich von Doris Knecht unfreiwillig auf Diät gesetzt: Super-Low-Plot. Keine wirklichen Konflikte, somit auch keine spannende Lösungssuche.

Der Spannungsbogen

Falls die Autorin Doris Knecht überhaupt vorhatte, für ihre Leser einen Spannungsbogen aufzubauen, so ist dieser wohl zerrissen an ihren eigenen Worten, Wortschwallen, Wortschwemmen. Wir wissen ja, Toni ist cool. Und da Toni gleichzeitig erzählt, müssen wir uns eigentlich gar nicht wundern, dass es ihr völlig schnurze ist, was wir davon halten; ob es uns interessiert, wie sie zwei Seiten lang mit einer Tür kämpft oder uns eines erkenntnisreichen Morgens daran teilhaben lässt, wie sie eine Seite lang Kaffee aufsetzt. Beim Leser Ahnungen aufzubauen, ihn im Moment einer spannenden Entwicklung in der Luft hängen zu lassen, seine Erwartungen zu enttäuschen oder Geschehnisse hinaus zu zögern, damit hat Toni respektive Doris Knecht nichts zu schaffen. Lies oder stirb. Ich lese, weil ich denke, irgendwann muss die Geschichte doch mal losgehen. Tut sie aber nicht.

Die Dialoge

Viel zu sagen haben die Figuren von Doris Knecht erwartungsgemäß nicht. Als Leserin muss ich mich mit Dialogen solcher Art herumschlagen:

„…….

„Ich würde gern zu der Vanicek-Vernissage bei der Heiliger gehen“, sagt Adam. „Ich will vielleicht was kaufen.“

„Welche Vernissage?“

„Na, dieser Vanicek. Du kennst ihn doch, du hast an dem Abend bei Paul und Miranda länger mit ihm geredet.“

„Ach der. Ist ein Idiot.“

Elena schaut mit großen Augen zu mir herüber.

„Aha“, sagt Adam.

„Irrsinnig eingebildeter Trottel.“

„Mama! Trottel sagt man nicht!“

„Ja, Elena, Entschuldigung, du hast recht. Hiasl, er ist ein irrsinnig eingebildeter Hiasl.

„Hiasl darf man?“

„Ja, Hiasl darf man.“

„Aber der Hiasl kann was“, sagt Adam, „der hat Talent. Bei dem, was ich bislang von ihm gesehen habe.“

„Du hast schon was von ihm gesehen?“

„Ja, in Venedig.“

„Echt? Der war schon in Venedig?“

„Im Arsenale.“´

„Ach so.“

„Du wolltest ja nicht mitkommen.“

…….“

(Zitat aus Besser von Doris Knecht)

 Die Erzählperspektive

Eigentlich erzählt Doris Knecht die Geschichte in der Ich-Form aus Sicht von Toni. Aber manche Kapitel schreibt sie auch in der Du-Form, was ich nicht nur als unnützen Stilbruch empfinde, sondern auch echte Ablehnung in mir weckt. Was um Himmels willen habe ich mit einer Tasse wie dieser Toni zu tun? Mit der Du-Form zwingt sie mich zu einer Identifikation, die mir gänzlich unlieb ist. Zumal der Perspektivwechsel aus erzählerischer Sicht gar nichts bringt. Irgendwie scheint hier die Schreiblust mit der Autorin durchgegangen zu sein.

 Die Kapitel

Beim Lesen von Besser gewinne ich zunehmend den Eindruck, Doris Knecht hat eine simple Methode angewandt, die einige Schreibexperten für das Schreiben eines Romans proklamieren: Schreiben Sie jeden Tag ein Kapitel! Genauso kommen mir die 45 Kapitel von Besser vor. Dabei lassen die Tage selbstverständlich mal mehr, mal weniger Zeit und Muße zu. So kann es dann passieren, dass sich das Kapitel 5 so liest:

„Etwas derartiges wie eine Glücksunterhose existiert nicht.“

(Zitat aus Besser von Doris Knecht)

Dieser Tag ließ der Autorin wohl extrem wenig Zeit zum Schreiben.

 Kreative Schreibtechniken

Im Vorigen bin ich Punkt für Punkt die wichtigsten Merkmale des Kreativen Schreibens durchgegangen. Insofern erübrigt es sich in dieser ausführlichen Rezension, noch einmal gesondert auf die kreativen Schreibtechniken in Besser einzugehen. Ein lebendiger Schreibstil kann aus meiner Sicht die genannten Defizite nicht wettmachen. Als Kolumnistin ist Doris Knecht sicher sehr lesenswert, aber ihr Roman Besser landet hier in der Schreibakademie zwangsläufig in der Kategorie Funzeln. Vielleicht lag es ja in der Absicht der Autorin, diese Welt der Reichen als so überflüssig darzustellen. Aber die Kunst des guten Schreibens liegt darin, selbst das Überflüssige als notwendigen, unvergesslichen Lesestoff zu präsentieren. Das ist Doris Knecht für mein Empfinden nicht gelungen.

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Facebook von Doris Knecht

 

2 Antworten auf „Besser von Doris Knecht“

  1. Wieder eine wunderbare Rezension von Stephanie Posselt. Es geht mir oft so, dass ich danach das Buch gar nicht mehr lesen muss, weil sie es schon so klasse komprimiert hat. Und hier gibt sie ohnehin keine Empfehlung. Doris Knecht geht es Besser, weil sie einen so total coolen Roman geschrieben hat. Aber Stephanie Posselt nach dem Lesen offensichtlich nicht.

    1. Messerscharf erkannt, liebe Janine. Ist zum Glück schon eine Weile her, dass ich das Buch las. Jetzt geht es mir wieder deutlich Besser – zumal ich gerade einen echten Knaller lese, wovon ich dann bald berichten werde. Wird Dir auch Besser gefallen 😉

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