Die späte Ernte des Henry Cage von David Abbott

David Abbott präsentiert mit Die späte Ernte des Henry Cage seinen ersten Roman. Der Brite gilt als einer der bedeutendsten Werbeexperten und tauscht offenbar jetzt im fortgeschrittenen Alter seine Marketingtätigkeit mit der Schriftstellerei aus. Das im Buch abgebildete Konterfei des Autors zeigt einen weißhaarigen Mann, eigentlich sympathisch, aber etwas ist in seiner Mimik, das mich stört: Sein abgeklärtes Lächeln, der Ausdruck seiner Augen, der zu sagen scheint „Nichts gibt es, das ich noch nicht gesehen habe“. Was für eine Geschichte hat so ein Mensch wohl zu erzählen?

Gut betucht

Die späte Ernte des Henry Cage ist eine recht simple Story ohne nennenswerten Tiefgang, was nicht zuletzt an der Art und Weise des Erzählens liegt. Den Handlungsrahmen stellt ein durchweg wohlbetuchtes Umfeld dar, in dem es selbstverständlich ist, ein Townhouse in London zu besitzen und natürlich nur vom Feinsten zu leben. Grottenlangweilig, so ein Dasein, in dem man ständig seine Kreditkarte zückt und somit allerhöchstens sein Handgelenk anstrengen muss, um allerlei Luxuskram habhaft zu werden.

Abschied vom Genie

Es sei ihm gegönnt, dem arme Henry Cage, schließlich hat er sich das mit jahrelanger Sesselpfurzerei im Designbüro und mit mundaustrocknendem Werbergefasel redlich verdient. Der Autor baut Die späte Ernte des Henry Cage auf diesem Hintergrund auf und streut noch ein wenig Abschiedsgeplänkel mit ein, denn natürlich war Henry Cage ein Genie. Entsprechend glorifiziert gestaltet sich sein Berufsausstieg. Das allein liefert jedoch kaum den Stoff für einen Roman.

„….. Die Geschäftswelt hatte Henry schon immer fasziniert, aber er hatte nie daran geglaubt, dass man sie komplizierter machen müsse, als sie war. Er misstraute den Lehrbuchmanagern, den Business-School-Absolventen, die mit einem Curriculum voller turbulenter Fallstudien aufgepäppelt worden waren und sich nun mit Lust auf Chaos in die reale Welt stürzten. Henry klagte immer, sie seien wohl auf der Schauspielschule gewesen, nicht auf der Business School. Die Menschen, die Henry inspiriert hatten, waren praxisorientierte Führungspersönlichkeiten gewesen, die ihre Firmen so geführt hatten wie ihr Leben. Er bewunderte Geduld und Überzeugung, Qualitäten, die er nicht bei den fest angestellten Zeitschindern fand, sondern bei Unternehmern, die Haus und Zukunft aufs Spiel setzten, um einer Vision zu folgen. Von ihnen hatte er gelernt, dass Management im besten Fall intuitiv, ehrlich und geradlinig war. Henry glaubte an den gesunden Menschenverstand……“

(Zitat aus Die späte Ernte des Henry Cage von David Abbott)

Die Romanzutatenliste

Also würzt David Abbott Die späte Ernte des Henry Cage mit einer Prise Kriminalität, garniert das ganze Gericht mit einer undurchsichtigen Liebesaffäre, redet ordentlich viel Tragik herbei und schafft es, damit mehr als 350 Seiten zu füllen. Dieser Henry Cage nämlich ist nicht nur Schuld am Weggang seiner Frau Nessi, ihn trifft auch noch die Verantwortung für den Tod seines Sohnes. Bis das allerdings herauskommt, muss ich mich durch gut zwei Drittel des Buches quälen und mich andauernd fragen: Was hat er nur, dieser Henry Cage? Warum genießt er nicht einfach sein bequemes Dasein; geht Golf spielen, reiten oder auf exotische Reisen?

Kreative Schreibtechniken

Die gleichen Fragen stelle ich mir übrigens auch in Bezug auf den Autor David Abbott. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob er überhaupt schreiben sollte und wenn ja, dann hat er sein Genre bisher noch nicht gefunden. Eine Sammlung von Essays zum Thema Unternehmertum würde ihm sicher besser liegen. Und ich als Leser wüsste wenigstes, was auf mich zukommt und müsste nicht erst diesen Roman Die späte Ernte des Henry Cage als schlechte Geschichte enttarnen. Ich würde von ihm dann auch keinen kreativen Schreibstil erwarten – der ist bei Essays recht selten zu finden. Denn mit schreibtechnischer Kreativität hat es David Abbott nicht. Sicher, gewisse theoretische Ansätze sind ihm offenbar geläufig, so zum Beispiel die Anwendung des Cliffhangers, um die Spannung beim Leser aufrecht zu erhalten. Allerdings habe ich noch keinen Roman gelesen, in dem dieses Mittel so unbeholfen angewandt wurde. Immerhin spüre ich beim Lesen dieses Buches die Freude, die der Autor Henry Abbott dabei hatte. Mir scheint, er hat für sich die perfekte Freizeitbeschäftigung gefunden und ist dabei auch stets bemüht. Dass der Verlag ihn jedoch als „…hochraffinierten Erzähler….“ anpreist, kann außer reinen Marketingzwecken keinen wirklichen Grund haben.

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Profil von David Abbott bei DTV

Anmerkung: Diese Rezension schlummerte lange bei mir in der Pipe. David Abbott verstarb im Oktober 2014. Seinen Hinterbliebenen gilt mein Beileid.

 

Stephanie
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