Suleika öffnet die Augen von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen ist der erste Roman von Gusel Jachina, einer Autorin mit tatarischer Abstammung. 2015 erhielt sie dafür den wichtigsten russischen Buchpreis. Der Roman entführt mich nach Russland in die Zeit der Oktoberrevolution, die im Jahre 1917 einen tiefen politischen Einschnitt darstellt. Als 1928 Stalin an die Macht kommt und die Kollektivierung der Landwirtschaft durchsetzt, bedeutet das erhebliche Umwälzungen für die russische Bevölkerung. Besonders davon betroffen sind die Kulaken, die selbstständigen Bauern, zu denen auch Suleika gehört. Um ihr Schicksal dreht sich dieses Buch.

Hartes Leben

Suleika ist nicht glücklich, lebt aber verhältnismäßig gut mit ihrem Mann in Kasan. Ihr Leben ist hart und mühevoll, denn als Frau hat sie wiederspruchslos zu dienen. Sie steht als erste auf und fällt als letzte, völlig müde gearbeitet, ins Bett. Mann, Haus, Hof, Tiere und die herrschsüchtige Schwiegermutter wollen alle versorgt sein. Dabei sind die Lebensumstände karg, die Winter lang und die Versorgung mit Lebensmitteln mager. Aber die kleinwüchsige und zarte Suleika ist tapfer, auch wenn die Anstrengung sie manchmal ohnmächtig macht.

Konfrontation mit der Roten Armee

Besonders setzt ihr die Schwiegermutter zu, die Upyricha. Sie hasst Suleika und die Arme ist ständiges Opfer ihrer böswilligen Angriffe und Prophezeiungen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie bisher statt eines Sohnes nur vier Töchter zur Welt gebracht hat, die jedoch alle starben. Aber Suleikas Leben ändert sich schlagartig, als eines Tages die Rote Armee auf ihrem Hof einfällt. Der Kommandant Ignatow tötet ihren Mann, sein Heer verwüstet das Haus, überlässt die fast hundertjährige Upyricha ihrem Schicksal und nimmt Suleika und das Pferd mit.

Chaotische Deportation

Ab jetzt gehört Suleika zu den Abertausenden russischen Einwohnern, die im Zuge der poltitischen Willkür enteignet und deportiert werden. In einen Waggon gepfercht, geht es auf die monatelange Fahrt nach Sibierien, die vor allem deshalb so lange dauert, weil der Waggon die meiste Zeit auf irgendeinem Abstellgleis steht und wartet. Denn das Chaos ist erheblich, die Anordnungen oft wiedersprüchlich, erforderliche Papiere nicht selten verschwunden. Während dieser Fahrt lässt die Autorin Gusel Jachina ihre Charktere erblühen.

Suleika und weitere Opfer

Da ist natürlich Suleika, die unter diesen unmenschlichen Zuständen ihren ersten Sohn – die letzte Erinnerung an ihren Mann – gebärt. Da ist der Doktor, den dieses Ereignis aus seinem Ei befreit, unter dem er die letzten zehn Jahre gelebt hat, und der endlich wieder fachkundig zupackt. Da ist Ikonnokow, ein weltkundiger Künstler, der seine Sensibilität wegsaufen muss. Da sind die Arnoldowitschs, ein gebildetes Ehepaar aus bürgerlichem Hause. Und da ist Gorelow, der Schakal, der keine Skrupel kennt und alles reißt, was ihm das Leben angenehmer macht. Ach ja, und nicht zuletzt ist da auch noch der Kommandant Ignatow, der diese Deportation ungewollt begleiten muss. Allerdings reist er in einem eigenen Waggon und unter völlig anderen Bedingungen.

Mit Nichts in der Tundra

Angekommen auf einem Plateau in der Nähe von Jenissejk umgeben von der Tundra, gleichen sich diese Bedingungen jedoch weitgehend an. Alle diese armen Menschen, einschliesslich des Kommandanten, sind nun von staatswegen dazu aufgefordert, eine Siedlung zu gründen. Dummerweise kam die klägliche Ausstattung in Form von Werkzeugen und einigen Grundnahrungsmitteln auf dem Weg dorthin abhanden: Das völlig überladene Boot kenterte, Hunderte fanden den Tod und die Überlebenden standen mit Nichts mitten in Sibierien. Noch dazu sollte es nicht mehr lange dauern, bis der Winter einbricht.

Charaktere mit Tiefgang

Gusel Jachina erzählt die Ereignisse in einem nüchternen Stil. Sie hält sich nicht mit den Gefühlen der Menschen auf, sie schildert deren Leben und Leiden neutral. Wehleidigkeit scheint nicht zur Mentalität der russischen Bevölkerung zu gehören – in Suleika öffnet die Augen ist jedenfalls nicht die geringste Spur davon. Es folgen viele Jahre, in denen aus dieser Siedlung eine leistungsträchtige Kolchose erwächst. Von dieser Zeit erzählt die Autorin, indem sie die Figuren zum Leben erweckt und ihnen mehr und mehr Tiefe gibt.

Russland ganz nah

Deswegen ist Suleika öffnet die Augen ein schönes Leseerlebnis. Gusel Jachina ermöglicht es mir, zu den Menschen, der Landschaft und den Lebensumständen ganz viel Nähe aufzunehmen. Auch die Konfrontation von Teilen der russischen Bevölkerung mit der herrschenden Klasse bringt sie mir näher; die Umwälzungen der Agrarreform und die damit verbundende notwendige Agitation seitens der Roten Armee. Nach dem letzten Satz habe ich das Gefühl, Russland – dieses riesige, unübersichtliche Land – ein wenig besser zu kennen.

 

Das Buch Suleika öffnet die Augen in einem Satz:

Ein Stück unpopuläre Geschichte von Russland zum hautnahen Erleben.

Bewertung von Suleika öffnet die Augen aus schreibtechnischer Sicht:

Bildhafte Sprache * * * * *

Charaktere * * * * *

Handlungsaufbau * * * * *

Spannungsbogen * * * * *

Dialoggestaltung * * * * *

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Weitere Infos zu Gusel Jachina  

Stephanie
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