Macht von Karen Duve

Macht ist die Geschichte von Sebastian Bürger, der im Jahr 2031 Pressereferent des Demokratiekomitees ist. Die Autorin Karen Duve siedelt ihren Roman in der Zukunft an; einer Zeit, in der die heute noch spekulativen Konsequenzen unseres Handelns konkrete Lebensumstände darstellen. Das von ihr entworfene Szenarium spielt für Macht jedoch nur eine Nebenrolle. Im Dunstkreis von Ego-Smarts, Compunikatoren, Shamming und Sharing-Eggs richtet sich Basti sein Leben ein. Denn als Mann ist das gar nicht mehr so einfach, haben doch die Frauen im Laufe des langjährigen Quoten-Kampfes die Macht übernommen.

Die Frau im Keller

Nachdem Basti lange unter der perfiden Unterdrückung seiner Frau Christine – ihres Zeichens Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerksstilllegung und Atommüllentsorgung – litt, trifft er eines Tages einen schwerwiegenden Entschluss: Um sich endlich wieder als Mann zu fühlen, lässt er Christine offiziell verschwinden und sperrt sie heimlich in den Prepper-Raum. Einen solchen Raum gibt es in jedem Haus, es ist ein Schutzbunker für alle Eventualitäten. Und dass diese in Kürze eintreten werden, davon ist Basti komplett überzeugt. Noch höchstens zehn Jahre gibt er den Menschen und der Welt, dann ist seiner Meinung nach endgültig Schluss.

CO2-Punkte

Wie schlimm es mit der Umwelt steht, zeigt bereits das Wetter. Die ständige Hitze findet nur durch heftige Regengüsse und orkanartige Stürme ein wenig Abwechslung. Um der katastrophalen Situation etwas entgegenzusetzen, erhält jeder Haushalt rationierte Co2-Punkte, die es für Tankfüllungen oder den Kauf von Fleisch braucht. Insofern spielt es für Basti auch keine Rolle mehr, in welche Sackgasse er sich mit seiner Entscheidung bringt. Seine männliche Macht zurückzuerobern, das ist es, was er will, koste es, was es wolle. Dafür bezahlen muss Christine, die er nun erbarmungslos im Keller hält und deren Dienste er zur Not mit Zwang einfordert.

Doppelte Macht

Während also seine Frau an einem Halsring angekettet im Prepper-Raum leidet, kehrt Basti ins „Ehrlich“ ein, eine Kneipe, in der das fünfzigjährige Klassentreffen stattfindet. Dank Ephebo, einer gängigen Verjüngungspille, sind die meisten seiner alten Schulfreunde Bio-Dreißiger und entsprechend gut drauf. Denn im Gegensatz zu den Chrono-Dreißigern besitzen sie geistige Reife und eine Menge Erfahrung. An diesem Abend trifft Basti wie erhofft seine unerfüllte Jugendliebe Elli, mit der es nun endlich klappt. Im Taumel dieser neuen Liebe beschließt er, Christine endgültig loswerden zu müssen und mauert sie kurzerhand in der Zwischendecke ein. Eine Aktion, die jedoch nicht den erwünschten Erfolg hat, wie sich einige Tage später herausstellt, als auch Elli im Keller landet.

Schlimmes Ende

An diesem Punkt muss der gute Basti erkennen, wie sehr er sich ganz ungewollt in erhebliche Komplikationen verstrickt hat. Die Lage ist so schlimm, dass er in einen Typ wie Ingo Dresen von den Fat Rats seine letzten Hoffnungen setzt und ihm die Macht über sein zukünftiges Leben in Paraguay in die Hände legt. Welch Fehler dies war, erkennt er jedoch zu spät.

Grandios kreativ

In Macht wimmelt es nur so von szenischen Ideen. Karen Duve erzählt ihre Geschichte neutral, fast schon teilnahmslos, weshalb sie umso bitterer erscheint. Triefend vor Zynismus entwirft sie eine aberwitzige Story, zeichnet eine Gesellschaft, die ihre gute Laune auch angesichts der letzten existierenden Schollenfilets nicht verliert, sondern diese genüsslich verspeist in der Gewissheit, dass eh alles zu spät ist. Karen Duve lässt Korken knallen, macht Fässer auf und scheut sich nicht, den widerwärtigen Inhalt, der sich daraus ergießt, in pfeilscharfe Worte zu packen. Macht ist eines der besten Bücher, das ich in den letzten Monaten in den Händen hielt.

Das Fleischwolfprinzip

Wobei sich die Autorin selbst davor nicht scheut, ihre eigene Position zu entzaubern. In der Danksagung verweist sie auf simple Recherche, eben das Zusammentragen von Informationen, die zu diesem Roman führten. Sie wendet also eine Technik an, die ich das Fleischwolfprinzip nennen möchte. Sie verwurstet allerlei öffentlich zugängliche Informationen zu einer spannenden Geschichte, indem sie Hackfleisch daraus macht und es nach ihrem eigenen Geschmack würzt. Auch wenn Macht demnach nicht ihrem Genie zu verdanken ist, so ist es aus meiner Sicht doch eine Meisterleistung, die sie als Autorin vollbracht hat.

 

Das Buch Macht in einem Satz:

Ein amüsanter und bösartiger Gesellschaftsroman in bester Sprachform.

 

Meine Bewertung von Macht aus schreibtechnischer Sicht:

Bildhafte Sprache * * * * *

Charaktere * * * * *

Handlungsaufbau * * * * *

Spannungsbogen * * * * *

Dialoggestaltung * * * * *

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Infos zur Autorin Karen Duve

Stephanie
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