Stoner von John Williams

Am plötzlichen Erfolg seines Romans Stoner kann John Williams sich nicht mehr erfreuen, denn der Autor starb bereits im März 1994. Posthum erklimmt Stoner die aktuellen Bestsellerlisten und ist damit eines der gelegentlich auftretenden Beispiele für Bücher, die ihrer Zeit voraus waren, verkannt wurden oder eben einfach etwas länger auf die begeisterten Leser warten mussten. Letzteres scheint mir bei Stoner zuzutreffen.

Im Kokon

Die Geschichte erzählt das Leben von William Stoner, der sich als Literaturprofessor bis zu seinem Tod in den sicheren Gefilden des Dozentendaseins bewegt. Er geht den klassischen Weg vom Studenten über den Assistenten bis hin zum Professor. Vorhersagbar ist innerhalb dieses Karriereplans vieles, und dennoch lauern auch dort Unwägsamkeiten.

Falsche Liebe

William Stoner begeht eine Reihe von Fehlern. Zunächst einmal ist da seine Frau Edith, die auf mich einen durchweg knotigen Eindruck macht und entsprechend viel Unheil in Stoners Gefühlsleben anrichtet. Zu seiner Tochter Grace hat er nur so lange eine innige Beziehung, bis Edith massiv dazwischenfuchtelt und das Mädchen unter ihre Fittiche nimmt. An vielen Stellen muss ich mich zusammenreißen, um diesen Stoner nicht anzuschreien: Warum lässt du dir das gefallen? Warum reagierst du nicht?

Sehr literarisch

Aber Stoner ist so ein Charakter, der sich immer weiter in sich zurückzieht, je bedrohlicher die äußeren Umstände werden. Auch an der Uni führt dieses Verhalten zu außerordentlichen Schwierigkeiten, die sich durch das Zusammentreffen mit dem Studenten Charles Walker auf ihren Höhepunkt zubewegen. Der Autor lässt den Leser seitenweise an einem hoch literarischen Disput teilhaben, der kaum intellektueller ausfallen könnte. Ich persönlich kann dieser langen Passage wenig abgewinnen, aber mit etwas Interesse an englischer Philologie mag man daran Vergnügen empfinden.

Kriegsgeschehen

Der erste und zweite Weltkrieg ziehen an Stoner nur aus den Augenwinkeln vorbei. Im Gegensatz zu vielen seiner patriotischen Kollegen, meldet er sich nicht freiwillig zum Einsatz an der Front, sondern nutzt seine Status als Lehrkraft, um dem unmittelbaren Kriegsgeschehen fern zu bleiben. Dennoch lassen sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in diesen Zeiten von niemandem übersehen. Und auch Stoner wirft darauf einen Blick:

„…….Im Laufe jenes Jahrzehnts, in denen die Gesichter vieler Menschen endgültig so kalt und hart wurden, als schauten sie in einen Abgrund, sah William Stoner, für den dieser Blick vertraut war wie die eigene Atemluft, Anzeichen jener allgemeinen Verzweiflung, die er seit seiner Knabenzeit kannte. Er sah gute Menschen langsam der Hoffnungslosigkeit anheimfallen, innerlich so zerbrochen wie ihre Vorstellung von einem anständigen Leben; er sah sie ziellos durch die Straßen irren, die Augen blank wie Glassplitter; er sah sie mit dem bitteren Stolz von Menschen, die zu ihrer Hinrichtung gehen, an Hintertüren klopfen und um Brot betteln; und er sah, wie ihn Menschen mit ehemals aufrechtem und selbstbewusstem Schritt voller Neid und Hass ansahen, weil er die erbärmliche Sicherheit des Festangestellten einer Institution genoss, die irgendwie nicht scheitern konnte. Er redete kaum über das, was er sah, doch das Wissen um die allgemeine Misere rührte ihn und veränderte ihn auf eine Weise, die den Blicken anderer Menschen verborgen blieb; ein stiller Kummer um die allgemeine Notlage verließ ihn in keinem Moment seines Daseins……“
(Zitat aus Stoner von John Williams)

Tragische Liebe

Seine wirklich große Liebe findet Stoner natürlich auch in der Uni. Nur leider handelt es sich um eine junge Assistentin und eine solche Liebelei galt damals als unziemlich. Viel zu wenig Zeit bleibt den beiden, bis ihre Liebe aufgedeckt wird und Stoner vor der Entscheidung steht, sie aufzugeben oder die Karriere beider aufs Spiel zu setzen. So schaukelt sich der Roman von einer persönlichen Tragödie zur nächsten. Stoners Leben endet fast so, wie er es gelebt hat: Unter heftigen Schmerzen, die seine tödliche Krebserkrankung mit sich bringt.

Kreative Schreibtechniken

Der Autor John Williams bedient sich wohl immer mal wieder der Vergleiche oder beschwört beim Leser Assoziationen herauf, aber einen kreativen Schreibstil verfolgt er in diesem Roman nicht. Seinem Charakter William Stoner zeichnet er die Erfahrungen ins Gesicht und in die Haltung; im Verlauf der Geschichte verändert er sich äußerlich so, wie er innerlich ausblutet. Diese wichtigen Details lassen die Figur echt erscheinen und ermöglichen eine intime Nähe zum Protagonisten. Handlungsaufbau und Spannungsbogen plätschern genau so einförmig dahin, wie das verbeamtete Dasein als Literaturprofessor mit sich bringt. Insgesamt zeichnet der Roman eine düstere Atmosphäre, in der kreative Kapriolen wohl nichts zu suchen haben.

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Der Autor John Williams bei Wikipedia

Stephanie
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