Das geraubte Leben des Waisen Jun Do von Adam Johnson

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do ist endlich mal ein Buch, das mir gewidmet ist! Also zumindest einer meiner Namensschwestern. Zum Glück, kann ich nur sagen, denn ohne diese Widmung hätte ich es wahrscheinlich viel zu schnell weggelegt. Dieses dicke Werk von Adam Johnson hat mich erst nach gut der Hälfte für sich eingenommen. Und mit der letzten Seite komme ich zu dem Schluss, es ist ein monumentales Werk, das der Autor da geschaffen hat. Nach diesem Roman lesen sich die Nachrichten zu Nordkorea oder zum derzeitigen Diktator Kim Jong Un doch ganz anders.

Name als Stigma

Eine Waise erkennt man in Nordkorea schon am Namen. Waisenkinder bekommen ihn aus einer Liste von über hundert Volksidolen zugeteilt. Obwohl Jun Do noch seinen Vater hat, der Aufseher über ein Waisenhaus ist, gilt er der Einfachheit halber als elternlos. Jedoch kommt ihm die besondere Rolle der rechten Hand des Vaters zu, womit er über die einzelnen Arbeitsaufgaben – und damit auch über die Schicksale – der restlichen Waisenkinder entscheidet. Bis ihn das Militär abholt und ihn als Tunnelsoldat in der Kunst des lichtlosen Kampfes ausbildet.

Verbrechen in Reihe

Von da an erlebt Jun Do eine rasante Karriere im Militär- und Machtapparat Nordkoreas. Er raubt unbescholtene Japaner vom Strand weg, als Übung für den Raub der japanischen Opernsängerin, die Kim Jong Il – der damalige Diktator – unbedingt haben will. Er belauscht den internationalen Funkverkehr auf dem Fischkutter Junma, der auf den Fang von Haifischflossen spezialisiert ist. Mir wird schlecht, als ich lese, wie diese Nordkoreaner den Haifischen die Flossen abschneiden und sie dann wieder ins Meer werfen. Jedoch in Anbetracht der sonstigen gängigen Methoden in diesem Land, ist das tatsächlich noch eine harmlose Prozedur.

Totale Demokratie

Nordkorea wird im Land selbst als DVNK abgekürzt, was für die Demokratische Volksrepublik Nord Korea steht. Bürger! Es ist das demokratischste Land auf der Welt. Den Menschen geht es so gut, wie nirgends sonst. Denn der Geliebte Führer kümmert sich um jeden einzelnen Einwohner. Es gibt keine Armut, keinen Hunger und keine Not. Alle Wohnungen, Straßen, Plätze und Gebäude sind mit Lautsprechern ausgestattet, über die eine Stimme solche Mitteilungen verbreitet. Diese Lautsprecher dienen selbstverständlich nur dem Ziel, die Bürger dieser Demokratie zu schützen. Und zwar vor dem ständig zu erwartendem Angriff der amerikanischen Imperialisten.

Rettende Technik

Amerika, dieses Land, in dem laut dieser Stimme die Menschen Hunger leiden und kapitalistische Qualen durchstehen müssen, erlebt Jun Do jedoch ganz anders. Eine seiner nächsten Aufgaben ist nämlich ein Trip nach Texas, wo er für Dr. Song dolmetschen soll. Auf dem Flug dorthin lernt er auch Genosse Buc kennen, der sich als Checker für alles und jedes, zum Beispiel DVDs, Luxusartikel, Waffen und so fort, nützlich macht. Auf der Ranch des Senators trifft Jun Do Wanda, die für die CIA arbeitet und ihn mit einer winzigen Kamera ausstattet. Die damit geschossenen Bilder gelangen direkt und ohne Zwischenspeicher auf Wandas Smartphone.

Sun Moon

Nur deshalb kann Jun Do schließlich auch das gelingen, was seinem Dasein jeglichen Sinn verleiht: Er schenkt der Schauspielerin Sun Moon die Freiheit. Aber das passiert erst ganz am Ende. Bis es dazu kommt, erweist sich Jun Do als Tausendsassa, der nur aufgrund seines Schmerztrainings, das er in seiner Ausbildung zum Tunnelkämpfer durchlief, diese Höllenqualen aushalten kann, denen er im demokratischsten Land der Welt permanent ausgesetzt ist.

„……Wenn ihm im Bergwerk Felsbrocken die Hände zerquetschten oder ein Knüppel auf seinen Nacken niederging, dann versuchte er, sich zurück auf das sanft schaukelnde Deck der Junma zu versetzen. Wenn seine Finger von der beißenden Kälte taub wurden, versuchte er, sich in das Lied der Operndiva, in ihre Stimme hineinzuversetzen. Er versuchte sich in das Gelb des Kleides der Frau des zweiten Maats zu hüllen oder einen amerikanischen Quilt als Schutzmantel über den Kopf zu ziehen, doch all das funktionierte nur leidlich. Erst als er Sun Moons Film gesehen hatte, hatte er endlich einen geheimen Rückzugsort gefunden – sie rettete ihn. Wenn er seine Spitzhacke in gefrorenes Gestein schlug, sprühte ihre Lebendigkeit Funken. Wenn sich eine Wand aus Erzstaub durch einen Stollen wälzte, sodass er sich keuchend zusammenkrümmte, gab sie ihm neuen Atem. Als er einmal in eine unter Strom stehende Pfütze trat, kam Sun Moon und brachte sein Herz wieder zum Schlagen….“
(Zitat aus Das geraubte Leben des Waisen Jun Do von Adam Johnson)

Niemand ist sicher

Überhaupt kann sich in Nordkorea niemand sicher fühlen, außer dem Geliebten Führer selbst. Alle Bürger sind ständig der Gefahr ausgesetzt, in die Obhut und Fürsorge des Führers genommen zu werden. Das bedeutet nichts anderes, als ins Arbeitslager abzuwandern und dort unter menschenverachtenden Bedingungen zu schuften und zu vegetieren. Oder aber die Abteilung 42 nimmt sich dieser Bürger an, die oftmals zuvor hochrangige Positionen besetzten. Sie enden dann am Autopiloten, wo sie der weißen Blume begegnen und nichts mehr von ihrem Selbst übrigbleibt.

Kreative Schreibtechniken

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do zeichnet sich durch einen außergewöhnlich kreativ gestalteten Handlungsaufbau aus. Der Autor Adam Johnson beginnt mit einem einzigen Erzählstrang und nimmt dann nach und nach weitere dazu, die einen dick geflochtenen Handlungsstrang ergeben, der sich erst ganz am Ende wieder vereint. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bedient er sich vielfach des Cliffhangers. Entscheidende Wendungen fädelt er von langer Hand ein und benutzt dafür meist nur ein winziges Detail, wie zum Beispiel jene Kamera, die ich weiter oben erwähnte. Auf sprachlicher Ebene spart er kreative Techniken weitgehend aus.

Nachwort

Inwieweit dieser Roman auf Fakten beruht, lässt sich nur befürchten. Adam Johnson weist nicht darauf hin, dass Ereignisse und Personen frei erfunden oder eventuelle Ähnlichkeiten unbeabsichtigt sind. Ich jedenfalls lese jetzt die Nachrichten aus Nordkorea anders als zuvor. Nach diesem Buch lässt sich zumindest erahnen, warum dieses demokratischste Land der Welt die am stärksten abgesicherte Grenze hat: Natürlich allein deshalb, um die Bürger vor den Imperialisten zu schützen. Genau deshalb.

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Für das Buch Das geraubte Leben des Waisen Jun Do hat der Suhrkamp Verlag eine Sonderseite angelegt.

Stephanie
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