Immer wieder das Meer von Nataša Dragnić

Immer wieder das Meer kommt mit einem frischen Cover daher, selbstverständlich mit Blick aufs Meer. Erschienen im Mai sollte es seitens des Verlags als DAS Sommerbuch 2013 vermarktet werden. 15 Millionen Kundenkontakte nutzte die PR-Abteilung dafür, die Werbeabteilung kümmerte sich um eine große Online-Kampagne sowie Anzeigen in den einschlägigen Frauenzeitschriften und die Autorin Nataša Dragnić selbst begab sich auf eine ausschweifende Lesereise mit Buchpräsentationen. Ach ja, und für die Buchhändler gab es im Vorfeld ein Preisausschreiben für deren schriftliche Meinung zum Leseexemplar. Gewinn: ein Picknickkorb! Ganz schön viel Startwind für Immer wieder das Meer. Ob diese Promotion denn wohl wirtschaftlich war?

Bitte keine Tiefe

Ich habe keine Ahnung. Ein Blick auf das Ranking bei Amazon lässt Zweifel zu. Immerhin fand eine gezielte Vermarktung an eine ganz bestimmte Gruppe von Lesern statt, die sich zur Trivialliteratur hingezogen fühlen. Denn dafür ist Immer wieder das Meer ein perfektes Beispiel: Eine leicht lesbare Geschichte, die ihre Leser über das Thema Liebe ans Buch fesselt. Tiefgründige Gedanken oder komplizierte Gefühlslagen gehören da wenn überhaupt nur andeutungsweise rein. Viel mehr geht es doch um den Unterhaltungswert, den solch eine Liebesgeschichte mit sich bringt. Und dazu gehört natürlich auch das Bettgeflüster.

Charakter im Dunklen

Aber Stopp – ich will nicht vorschnell sein. Nataša Dragnić erzählt die Geschichte der drei Schwestern, die alle mit dem demselben Mann im Bett landen. Er nennt sich Alessandro Lang, ist Italiener, hat erst schwarze, am Ende des Buches dann graue Locken und schreibt Gedichte. Den Rest muss ich mir selbst ausmalen, denn dieser Alessandro bleibt trotz seiner tragenden Rolle als Charakter im dunklen. Dafür stehen die drei Schwestern und deren Eltern im Rampenlicht why not check here. Aus der Perspektive der jüngsten Schwester Nannina entsteht die Geschichte Immer wieder das Meer anhand von Rückblenden.

Durch drei Betten musst du gehen

Das Buch beginnt und endet mit der Hochzeit von Nannina und Alessandro, die Seiten dazwischen erzählen, wie es dazu kommen konnte. Etwa alle 20 Seiten gibt es irgendeine erotische Episode, eigentlich logisch, denn dieser Alessandro muss ja schließlich alle drei Schwestern flachlegen. Was er auch ohne Probleme, jedoch mit viel Zank beziehungsweise Zickenkrieg hinbekommt. Und natürlich sind alle drei Schwestern auf ihre Weise sehr hübsch, sehr klug und sehr erfolgreich. Umgeben sind sie mit einer Permanentstaffel von Typen, die sich Fabio, Bradly oder Stephen nennen und ihren Herzensdamen jederzeit und immer zur Seite stehen – egal, wie wenig Liebe sie von ihnen bekommen. Denn der wirkliche Traummann aller drei ist ja Alessandro. Und der macht sich eher rar.

Krankheit und sterben

Aber während dieser sich zur jüngsten Schwester runterbumst – wobei es an gestellt wirkender Romantik selbstredend nicht mangelt – vergeht eben eine ganz Weile um nicht zu sagen viele Jahre. Und während dieser Zeit verlieren die drei Schwestern ihre Eltern. Beide rauchen – beide sterben nach einer leidvollen Krankheit. Hätten sie mal lieber nicht geraucht! Jedenfalls erzählt Nataša Dragnić diese Szenen der Krankheit und des Sterbens sehr einfühlsam, wenn auch teilweise kitschig, wie ich finde. Aber diese Sequenzen sind die einzigen, die dem Buch ein wenig Tiefgang vermitteln und dafür infrage kämen, einen gewissen literarischen Wert zu beanspruchen. Der Rest ist eben einfach Schmonzes, wie man bei uns zu sagen pflegt.

Kreative Schreibtechniken

Wie bereits geschrieben, bedient sich Nataša Dragnić der Rückblende, um die Geschichte zu erzählen. Das allein ist bereits verwirrend genug, weil sie den Kontext anhand von Orten und Jahreszahlen angibt. Schlimm ist jedoch erst der Perspektivwechsel, der sich auf drei Blickwinkel erstreckt: Den der Ich-Erzählerin Nannina, die in den Hochzeitsvorbereitungen steckt, den der jeweiligen Person, die Krankheit oder Sterben der Eltern begleitet, und den des Allwissenden Erzählers, der seinen Blick auf jede der handelnden Personen wirft. Spannend allerdings ist die Identifikation der Ich-Erzählerin aufgebaut, die sich erst ziemlich spät als Nannina herausstellt.

Dagegen scheint es so, als habe Nataša Dragnić in Immer wieder das Meer jegliche kreativen Schreibtechniken, die zu einem bildhaften Schreibstil führen, zugunsten von einer Art choreografischem Schreiben aus dem Buch verbannt. Das liest sich dann so:

„……Nachdem Roberta den Brief fertig geschrieben hatte, vier Seiten waren es geworden, faltete sie ihn, stand auf, ging zum offen stehenden Schrank und legte ihn in die blaue Schachtel, die schon fast voller Briefe auf unterschiedlichsten Briefpapieren oder einfachen Notizzetteln war; in der obendrauf ein seidenes Taschentuch lag, glatt gebügelt und ordentlich gefaltet. Daneben stand eine rote Schachtel. Roberta berührte kurz deren Deckel, bevor sie sich aufrichtete und die Schranktür zumachte……“

(Zitat aus Immer wieder das Meer von Nataša Dragnić)

Tja, und mangels des Gebrauchs kreativer Schreibtechniken kommt es in Immer wieder das Meer dazu, dass ich mir das Meer denken muss und es an keiner einzigen Stelle sehen, riechen, hören oder auch nur spüren kann. Mein Vorschlag wäre es daher, dem Buch einen neuen Titel zu verpassen: Immer wieder der Alessandro.

Zum Buch bei Amazon (Partnerlink):

Zur Website von Nataša Dragnić

 

Stephanie
2 Kommentare
  1. Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich man etwas wahrnimmt: Ich habe mich regelrecht in die herrliche Landschaft der Toscana hineinversetzt gefühlt.

    Antworten
    1. Ja, ich bin auch immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich Rezensionen ausfallen können.
      Haben Sie vielleicht Lust, eine Stelle zu zitieren, an der Sie die herrliche Landschaft der Toscana gesehen haben? Oder noch besser: das Meer? Eventuell habe ich ja etwas überlesen.

      Antworten
Kommentar schreiben

*