Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet von David Mitchell

Lehrte uns nicht bereits Tim Curry in der Rocky Horror Picture Show „Don’t choose a book by the cover“? Wie recht er damit hat, erfahre ich bei Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet, bei dem ich weder den Titel noch den Einband verlockend finde. Ich nehme mir das Buch allein deshalb vor, weil ich mit den Rezensionen nicht mehr hinterherkomme und nun ein richtig dickes Buch lesen will, damit ich Zeit gewinne. So denke ich mir das jedenfalls. Wie konnte ich ahnen, dass dieser David Mitchell ein so verdammt gutes Buch schreibt und die knapp 800 Seiten gerade mal zehn Abende lang halten.

Freihandelszone in Japan

Im Januar feierte der britische Autor David Mitchell seinen 44. Geburtstag – das weiß ich von der Website, die Mitarbeiter des Rowohlt-Verlages ausschließlich für diesen Autor betreiben. Offenbar gewinnt Mitchell die Herzen im Sturm und auch meines gehört dazu. Aber jetzt genug geschwafelt, worum geht es denn eigentlich in Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet? Es ist die Geschichte dieses Jacobs, der 1799 im Hafen von Nagasaki bei der niederländischen Handelsgesellschaft angestellt ist, die rege Geschäfte mit Japan betreibt. Bis auf diese kleine Freihandelszone schottet sich das fernöstliche Land jedoch gegen alles von außen Kommende ab. Das macht die Arbeitsbedingungen sehr speziell und führt vielfach zu Konflikten, die ihre Ursache in völlig gegensätzlichen Weltanschauungen haben.

Genialer Mix

Welch banalen Worte für diese grandiose Geschichte – jetzt muss ich mich doch glatt selbst rügen! Denn neben dem historischen Einblick, den mir David Mitchell in Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet vermittelt, neben den Intrigen und Fehden innerhalb der feinen Handelsgesellschaft und der bedauernswerten Position, die Jacob de Zoet in diesem geschickten Gefüge einnimmt, erzählt der Autor gleichzeitig auch noch eine Liebesgeschichte sowie einen Krimi, der vom Plot her seines Gleichen erst noch finden muss. Es handelt sich demnach um eine Mixtur, die allein ein Meisterschreiber beherrschen kann.

Mitten ins Leserherz

David Mitchell bewältigt dies mit spielerischer Leichtigkeit und individuellen stilistischen Mitteln, die zielgenau ins Leserherz treffen. Gut drei Viertel seines Werkes besteht aus Dialogen. Damit vermittelt der Autor eine unerhörte Lebendigkeit und bewirkt, dass diese Geschichte wie ein Film vor meinem geistigen Auge abläuft. Natürlich tragen dazu auch seine bildhaften Beschreibungen bei, die sowohl die Charaktere als auch die Schauplätze deutlich sichtbar machen.

Messerscharfe Charaktere

Apropos Charaktere, denn die haben es in sich. Jeder Einzelne tritt hervor, wie Staub im erbarmungslosen Sonnenlicht. Besonders gelungen finde ich Doktor Marinus, ein richtig verstockter Kerl, der nach außen hin unwirsch und grausam erscheint und erst wenn man ihn kennenlernt, seinen liebenswerten und entschlossenen Charakter offenbart. Zum Glück entwickelt sich zwischen ihm und Jacob de Zoet eine Freundschaft, weshalb ich ihn so überhaupt erst kennenlernen kann.

Möwen als Vehikel

Zitieren möchte ich den Ausschnitt aus einer Passage, in welcher der Autor David Mitchell Möwen als Vehikel benutzt, um die Gesamtszenerie auszuleuchten:

„…… Möwen gleiten durch Speichen aus Sonnenlicht, über Dächer aus feinen Ziegeln und schäbigen Stroh, schnappen sich auf dem Marktplatz Innereien und fliehen über verborgene Gärten, bewehrte Mauern und dreifach verriegelte Türen. Möwen landen auf hölzernen Toren, knarrenden Pagoden und geweißten Emporen, kreisen über stinkenden Ställen, Türmen, gewaltigen Glocken und Wällen, unter den Blicken von Wanderern, wölfischen Hunden, nicht bemerkt von buckligen Schustern und ihren Kunden, fliegen weiter zum Fluss Nakashima, hindurch unter Brücken, wohl bemerkt von Mauleseln, ihren Treibern und Mädchen beim Blumenpflücken. Möwen fliegen hinweg über Milane, die tote Katzen zerfleischen, Marktschreier, die Gehör erheischen, über Gelehrte, die in fragilen Gedankengebäuden die Wahrheit entdecken, Bettler am Straßenrand, die bittend die Hände ausstrecken, Kräuterheiler, Scherenschleifer, Seiler, über bienenwachsknetende Kerzendreher, windige Wahrsager, selbsternannte Seher, hartherzige Steuereintreiber, Waschweiber an dampfenden Zubern und Schreiber, dahineilende Diener, dreiste Lügner und Schlawiner, ledrige Gerber…….“

(Zitat aus Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet von David Mitchell)

  Kreative Schreibtechniken

Die zitierte Stelle geht noch gut eine Seite so weiter und ich denke, ich muss hier keine weiteren Worte zum kreativen Schreibstil von David Mitchell finden. Zu offensichtlich ist seine enorme Kompetenz im Kreativen Schreiben, die sich nicht nur auf den Stil als solchen bezieht, sondern auf jeden Aspekt seines Buches: Eine malerische Sprache, einzigartige Figuren, ein exzellenter Handlungsaufbau, ein fesselnder Spannungsbogen und lesenswerte Dialoge machen das Buch zu einem Bollwerk kreativer Schreibtechniken.

Wie schon anfangs geschrieben, hat dieses Werk offenbar ebenfalls das Lektorat von Rowohlt in seinen Bann gezogen:

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Zur Website Tausend Herbste von David Mitchell

Stephanie
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