Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen

Jedes Jahr markieren die ersten Julitage den Beginn einer Zeit, in der Sonne und Hitze über viele Wochen die einzigen Protagonisten des Geschehens sind; über sämtliche Aktivitäten bestimmen, die hier den Alltag oder auch den Urlaub ausmachen. Unbedingt dazu gehört die nachmittägliche Siesta zwischen drei und fünf Uhr – den Stunden des Tages, in denen die Hitze brüllt und alles andere übertönt. Aushalten lässt es sich dann nur im ruhenden Zustand, am besten mit einem Eislappen auf dem Bauch und einem guten Buch vor der Nase. Darum fällt meine Wahl auf das fünf Finger dicke Exemplar Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen. Dieser Schinken wird mich schon gut durch den Sommer bringen, denke ich mir.

Bemerkenswerte Perspektivwahl

Der Titel löst allerdings eine leichte Irritation bei mir aus. Wie können denn Ertrunkene etwas erzählen? Ich meine, lautete der Titel Die Ertrunkenen oder wegen mir auch Wir Ertrinkenden wäre ich über nichts gestolpert. So jedoch deutet sich ein Mysterium an, das der Autor Carsten Jensen durch die Erzählperspektive noch weiter verstärkt: Er schreibt überwiegend in der Wir-Form und nutzt quasi eine eigens erschaffene Unterkategorie des personalen Erzählstils. Während ich mich anfangs noch verbissen frage, wer denn nun diese Wir sind und vom Autor eine klare Antwort darauf einfordere, gebe ich es bei Seite 68 auf. Dort nämlich, wo die Erzählenden sich selbst widersprechen, indem sie behaupten, von den bis dahin geschilderten Vorfällen nichts wissen zu können. Derweil hat mich die Geschichte jedoch so in ihren Bann gezogen, dass ich es geradezu lächerlich finde, diesem Mysterium weiterhin auf den Grund zu gehen zu wollen.

Wer kennt Marstal?

Lieber lasse ich mich reinfallen in das Meer aus Geschehnissen und Erlebnissen der Marstaler Seeleute. Weniger sind sie dies aus Leidenschaft als viel eher aus Tradition und fehlenden Alternativen. Denn Marstal ist nicht einfach irgendeine Stadt am Meer. Es ist ein sehr kleines Dorf mit aktuell etwas mehr als 2.000 Einwohnern. Jedoch gelegen auf der winzigen Insel Ærø stellt es immerhin die größte Stadt der Insel dar und beherbergt den wichtigsten Hafen. Kurzum, weder die Gemeinde noch die Insel boten den Marstalern andere Perspektiven als die der Seefahrt.

Hymne an die Seefahrt

Der Autor Carl Jansen beginnt mit seiner Erzählung um 1848, als Marstal seine entscheidende Rolle beim Kampf um die Eckernförder Bucht spielte. Dabei sticht der Seemann Laurids Madson besonders hervor. Er beeindruckt nicht nur alle Beobachter des Geschehens, sondern ist offenbar auch selbst so sehr davon eingenommen, dass er mit seinem bisher gewohnten Leben von jetzt auf gleich bricht und auf dem weiten Meer verschwindet.

Einer seiner Söhne, Albert Madson, kann dieses väterliche Verschwinden nie verkraften und so begibt er sich auf die Suche, die ihn bis in die Südsee führt und in die Fänge des berüchtigten Jack Lewis treibt. Dieser hartgesottene Kapitän fordert für das Versprechen, ihn zu seinem Vater zu bringen, Alberts Heuer ein. Bei dem unvergesslichen Trip, der nach Samoa führt, spielen ein Schrumpfkopf sowie mehrere wertvolle Südseeperlen eine entscheidende Rolle. Letztere bringen dem verruchten Kapitän den Seemannstod ein und auch Albert wäre an diesen Kostbarkeiten um ein Haar jämmerlich verreckt. Eine Weile gibt er sich den Träumen von Reichtum hin, die diese Perlen ihm erfüllen könnten. Allein die Umstände des Tauschgeschäfts, welches diesen betörenden Kügelchen vorausging, werfen ihre dunklen Schatten auf diese herrlichen Aussichten. Und so als gäbe es einen Gott, der über Wind und Meer herrscht, stellt sich als Strafe dafür eine tagelange Flaute ein. Mit Blick auf die Küste, umgeben von unendlichen Mengen an Salzwasser, stehen Albert und seine Mannschaft kurz vor dem Tod durch Durst und Hunger. Und plötzlich weiß Albert, was zu tun ist:

„……Ich stand auf und ging hinunter in die Kajüte, nahm den Beutel mit den Perlen und kehrte zurück an Deck, wo ich die Perlen so weit ins Wasser warf, wie es meine Kräfte zuließen.

Nur so, dachte ich, konnte ich meine Schuld sühnen und mich endlich von Jack Lewis befreien, denn er weilte noch immer an Bord. Ich reiste mit Schatten. Ich lebte in einer Welt der Wiedergänger, und doch habe ich bis heute das Gefühl, dass ich vernünftig handelte. Als meine Hände endlich leer von allem waren, was sie ohnehin nicht hätten besitzen dürfen, und mein Geist befreit von den leichtsinnigen Träumen, hatte ich das Recht erworben, mich Kapitän zu nennen. Nun kannte ich die Ehre und einzige Pflicht eines Kapitäns: seine Mannschaft lebend in den Hafen zu bringen.

Ich hatte alle meine Zukunftsträume über Bord geworfen und nur noch einen einzigen Wunsch: Ich hoffte, dass Sturm aufkommen und uns von dieser Windstille befreien würde, in der wir wie in erstarrter Lava steckten….“

(Zitat aus Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen)

Ersehnte Moral

Keine zwei Absätze später passiert genau dies: Ein Sturm kommt auf und die Wellen spülen sogar einen Thunfisch aufs Deck, an dem sich die Leidenden laben können. Obwohl man dem Autor hier Klischeehaftes, vielleicht sogar Moralisierendes vorwerfen könnte, ist es dennoch meine Lieblingsstelle in diesem Buch project planning. Wie in einem Märchen muss es einfach genau so geschehen, damit sich im Herzen des Lesers die Hoffnung auf eine höhere Gerechtigkeit breitmachen kann. Das fühlt sich einfach gut an; es tut wohl.

Kreative Schreibtechniken

Carsten Jensen bedient sich des Öfteren der Techniken des kreativen Schreibens, reduziert dies jedoch auf kurze Vergleiche oder eine vage Verbildlichung von Empfindungen. Insofern stellt Wir Ertrunkenen kein ausgesprochenes Beispiel für den kreativen Schreibstil dar. Allerdings wirkt seine Geschichte inspirierend auf meine Autorenseele, denn keiner dieser fast achthundert Seiten mangelt es an erzählerischer Sorgfalt, Hingabe und der gehörigen Portion von Liebe, durch die unvergessliche Geschichten entstehen.

Projekt voll von Leidenschaft

Besondere Konzepte erfordern meist auch unkonventionelle Methoden. Insofern lässt sich die ungewöhnliche Perspektive des Buches erst dann verstehen, wenn Carsten Jensen ganz am Ende etwas über die Entstehung dieses Romans verrät. Wir Ertrunkenen, damit sind alle Marstaler gemeint, deren Geschichten und Erlebnisse der Autor liebevoll zu einem festen Faden gesponnen hat, den er zu einer dicken Rolle Seemannsgarn in zeitgemäßer Kolorierung aufgewickelt hat.

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Website zu Wir Ertrunkenen

Stephanie
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