Die Ängstlichen von Peter Henning

800 Seiten Lesestoff reichen definitiv nicht für einen besonders heißen und langen Sommer. Also hole ich mir nochmal ein dickes Taschenbuch aus meiner Schatzkiste der ungelesenen Bücher: Die Ängstlichen von Peter Hennig. Auch wenn sich der Titel recht gut an das vorher gelesene Buch anschließt, liegen dennoch Welten dazwischen. Thematik, Schreibstil und Nachgeschmack schwimmen auf einer völlig anderen Welle, auf der ich nun eine Weile surfen werde. Ich lerne die Familie Jensen aus Hanau kennen, und dies besser, als es mir vielleicht lieb wäre, hätte der Autor mich vorher gefragt.

Bedrohliche Kulisse

Alles beginnt mit einem fürchterlichen Unwetter, das über Hessen zieht. Natürlich verschont es auch nicht die Ankergasse, wo die achtzigjährige Johanna Jensen das Spektakel von ihrem Wohnzimmerfenster aus betrachtet. Die zahlenmäßig betagte Frau überrascht durch ihre Jugendlichkeit, die sich in allerlei Dingen manifestiert: Ihrem jüngeren Partner Janik, ihrer geistigen und körperlichen Beweglichkeit und allerlei Macken, zum Beispiel dem ausdrücklichen Wunsch, von ihren Kindern nicht Mama sondern Johanna genannt zu werden.

Bittere Zutaten

Natürlich sind ihre drei Nachfahren bereits erwachsen: Helmut, ein gescheiterter Tennistrainer in mittleren Jahren, Ulrike, die Frau von Rainer kurz vor der Menopause stehend, und Konrad, der sich wegen seiner Shizophrenie in einem Heim befindet und der Jüngste ist. Und da ist dann noch Ben, Sohn von Helmut und demnach der Neffe von Johanna, die ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben. Ja, und dieser Janek spielt selbstverständlich auch eine Rolle, wenn auch im Off eines kriminellen Spielermillieus. Und nicht zu vergessen ist der ehrenwerte Schwiegersohn Rainer, der als Finanzexperte eine Furore von ganz oben nach tief unten hinlegt. Aus diesem Cocktail an verschrobenen Charakteren strickt Peter Henning seine Story. Unschwer lässt sich erahnen, dass dabei ein bitterer Beigeschmack entstehen muss.

„….. Konsterniert ließ Ulrike ihren Blick von oben nach unten wandern und wieder hinauf. Denn was sie sah, machte sie traurig. Sie sah welliges Fleisch, blasse Haut und dicke, blau schimmernde Adern und Venen, die an Risse in einer Badewanne erinnerten. Ein ähnlicher Anblick hatte sich ihr nach der Geburt ihres ältesten Sohnes Robert geboten, und damals hatte sie sich geschworen, nie wieder schwanger zu werden. Noch Monate später hatte sich unter ihrer Bluse ein schwerer Hautring gewölbt, und sie hatte sich mit schmerzenden, Milch tropfenden Brüsten herumgeschlagen, hatte hartnäckige Brustentzündungen ausgestanden und einen Ehemann erlebt, der, diesen Eindruck hatte sie damals jedenfalls, bei jeder sich bietenden Gelegenheit ind Büro entschwand, um dem häuslichen Lazarett zu entfliehen. Trotzdem waren sowohl Clara als auch Carl nachgefolgt, und der körperliche Preis, den sie dafür zu bezahlen hatte, war am Ende enorm gewesen. Alle drei Schwangerschaften hatte Ulrike als qualvoll und nicht selten deprimierend erlebt, während Rainer, wie unberührt davon, so stolz und selbstzufrieden durch die Welt gelaufen war, als hätte er einen erbitterten Mitkonkurrenten um die internationale Marktführerschaft im Lkw-Reifensegment allein und im Handstreich aus dem Rennen geschlagen. …..“

(Zitat aus Die Ängstlichen von Peter Henning)

 Fokus auf den Charakteren

Die Ängstlichen besteht aus vier Teilen mit mehreren Kapiteln, die keine eigene Überschrift tragen.  Mit dem Cliffhanger (harter Schnitt) springt der Autor Peter Henning pro Kapitel von einem zum anderen Familienmitglied, das in jeweils ganz eigenen, wenn auch wenig unterschiedlichen Problemfeldern steckt. Das Zentrum dabei bildet Johanna und gegen Ende des Buches richtet sich die Handlung auf die von ihr geplante letzte Zusammenkunft der ganzen Familie in der Ankergasse aus. Es ergibt sich so eine Art Charakter- und Umfeldstudie zu den einzelnen Figuren. Allerdings wirken diese auf mich vielfach stilisiert, orientiert an Stereotypen der modernen Gesellschaft. Es gibt wenige Überraschungen dabei, aber einige Ungereimtheiten. An ein paar Stellen erscheint mir das Verhalten der Charaktere sogar unwahrscheinlich – ich glaube dem Autor nicht und das ist schlimm.

Das Wesen eines Bestsellers

Aber gut, immerhin handelt es sich bei  Die Ängstlichen um einen Bestseller und ohne die Verwendung simpler Klischees wird halt kein Buch dazu. Und ganz so genau sollte ich das mit der Glaubwürdigkeit auch nicht nehmen – immerhin lässt sich jedes Mal der innere, erleichternde Seufzer spüren, dass es also doch immer noch schlimmer kommen kann, als in meinem eigenen Leben. Aber als Rainer, der schließlich den kühl kalkulierenden Karrieretyp schlechthin verkörpert, anfängt, sich, eingeschlossen im Heizungskeller, zu besudeln und Falter in sich hineinstopft, muss ich sagen, bei allem guten Willen, ist meine Grenze tatsächlich, und nicht nur ein bisschen, überschritten und ich habe das Gefühl irgendeinen Schmonzes erzählt zu bekommen, was durchaus nachvollziehbar ist, wie ich meine. Puhh, was für ein Satz! Lesen Sie ihn ruhig dreimal, vielleicht auch fünfmal. So können Sie sich gleich an den Schreibstil gewöhnen, der diesen Autor kennzeichnet.

Kreative Schreibtechniken

Der konzeptionelle Ansatz, den Schwerpunkt auf mehrere Charaktere zu setzen und diese in Handlung zu verflechten, birgt durchaus enorm viel Raum für kreative Schreibtechnik. Wobei es hier an der Umsetzung mangelt: Keine der Figuren hat einen merkwürdigen Tick, den ich als Leser nie wieder vergessen würde. Ben zum Beispiel könnte seine Tablettensucht und Hypochondrie mit gewissen Ritualen verbinden. Keine der Figuren weckt mein Interesse durch einen heftigen Kontrast. Die schnieke Ulrike zum Beispiel könnte heimlich furzen oder Nasebohren. Auch Exzentrizität finde ich nur ansatzweise bei Rainer, der auf absolut korrekt sitzende Anzüge wert legt. Da könnten die Details das gewisse Etwas bringen, zum Beispiel Rechts-links-Socken, knitterfreie Hemden oder mit Geruchsstoffen ausgestattete Jacketts. Kurzum: Keiner der Charaktere bleibt mir unvergesslich. Bis auf Johanna, mit der sich Peter Henning wohl besondere Mühe gegeben hat, wobei auch aus dieser Figur unter konsequenter Anwendung kreativer Schreibtechniken noch viel mehr herauszuholen gewesen wäre.

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Website von Peter Henning mit einer Lesung aus Die Ängstlichen 

Stephanie
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